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Mittwoch, 27. Juli 2016

Steffen Roski: Über Terrorismus

Als Soziologe, Zeitungsleser, User sozialer Medien wundere ich mich darüber, dass Gegenwartsdiagnosen zum sich Bahn brechenden Zeitalter des Terrors Mangelware sind. Durch Zufall - im wahren Sinne eines Zu-Fallens - begegnete mir vor wenigen Tagen die zweite Ausgabe der im Jahre 1979 vom Wagenbach-Verlag aufgelegten Zeitschrift “Freibeuter“. Angelockt von einem Text Gunnar Heinsohns über Immanuel Velikovsky blätterte ich dann rasch weiter und stieß auf einen Essay aus der Feder von Jean Baudrillard mit dem Titel “Im Schatten der schweigenden Mehrheit“. Vor fast vierzig Jahren erschienen, ist dieser Text bei weitem besser als alle heutigen Versuche der Welterklärung durch Wissenschaft und Publizistik. Er liest sich wie eine aktuelle Diagnose, auf die zumindest ich gewartet habe.

Um Baudrillards Thesen Geltung zu verschaffen, werde ich sie nach und nach zitieren und mir erlauben, eigene Gedanken anzufügen. Dies heißt zugleich, dass ich aus “Im Schatten der schweigenden Mehrheit“ jene Passagen auswähle, die mir geeignet erscheinen, die heutige Situation 2016 zu beleuchten. Der Text bietet darüber hinaus noch zahlreiche weitere gegenwartsdiagnostische Anknüpfungspunkte, die ich unberücksichtigt lasse. Lesen wir also in den Anfang des Textes, den der Autor “Vom Widerstand zum Hyperkonformismus“ überschrieben hat, hinein:

“Das Auftauchen der schweigenden Mehrheiten muß im gesamten Kreislauf des historischen und sozialen Widerstandes angesiedelt werden. Des Widerstands gegen die Arbeit natürlich, aber auch des Widerstands gegen die Medizin, die Schule, die Sicherheit und gegen die Information. Die offizielle Geschichte nimmt in ihre Darstellungen nur den ununterbrochenen Fortschritt des Sozialen auf und verbannt alles, was nicht zu diesem glorreichen Tatbestand beiträgt, … ins Reich der Finsternis.“

Wie wahr. Baudrillard findet einen passgenauen Begriff: die schweigenden Mehrheiten. Tatsächlich tauchen diese Multiplizitäten zombiehaft auf. Massenmedien, Politiker und Beobachter allen Gesellschaftlichen zeigen sich überrascht. Ein aktuelles Beispiel: Leute, die alles andere als kundige Leser von Zeitungen und Magazinen sind, skandieren öffentlich lautstark “Lügenpresse“. Sogenannte Leitmedien sehen sich unter Druck gesetzt, alerte Leitartikler, die längst in biedermeierliche Hipster-Parallelwelten abgetaucht sind, sehen sich genötigt, Stellung zu beziehen, Hassbotschaften zirkulieren in den Social Networks, einst aseptische Diskursuniversen krachen unvermittelt in die Gettos der Namenlosen. Und während dies geschieht, betreibt die “offizielle Geschichte“ ihr Alltagsgeschäft: Lob des Bestehenden und Gestaltung des “ununterbrochenen Fortschritt des Sozialen“.

Weiter Baudrillard:

“Nun hat aber der Widerstand gegen das Soziale in all seinen Erscheinungsformen ganz im Gegensatz zu den naheliegenden Vermutungen (das Soziale habe endgültig den Sieg davongetragen, die Bewegung sei irreversibel und der Konsensus über das Soziale total) schnellere Fortschritte gemacht als das Soziale selbst.“

Wer Zweifel hat, betrachte die jüngste Gewaltwelle überall auf der Welt, von der die ökonomisch entwickelten Gesellschaften ganz und gar nicht ausgenommen sind: USA, Frankreich, Japan, Belgien, Deutschland.

Ich lasse jetzt einiges aus und lese etwas später dann dieses:

“Man hat immer geglaubt - und dies ist die Ideologie der Massenmedien selbst -, daß es die Medien sind, die die Massen einhüllen. Man hat das Geheimnis der Manipulation in einer ausgeklügelten Semiologie der Massenmedien gesucht. Doch bei dieser naiven Logik der Kommunikation hat man vergessen, daß die Massen ein Medium sind, das stärker ist als alle Medien, daß sie es sind, die die Medien einhüllen und absorbieren - oder daß es zumindest keine Vorherrschaft des einen über das andere gibt. Der Prozeß der Massen und der der Medien ist ein und derselbe. Mass(age) is message.“

Vor diesem Hintergrund mutet das Wort Leitmedium geradezu lächerlich an. Schlimmer nur, dass Journalisten und politische Meinungsbildner in einer kaum überbietbaren Hybris vermeinen, noch so etwas wie eine ätherische Deutungshoheit zu besitzen, während die irdische Definitionsmacht tatsächlich bei den Massen liegt. Ein Prozess der Entfremdung zwischen Elite und Masse, der immer auch eine Entfernung impliziert, kommt in sein reifes Entwicklungsstadium und ist irreversibel geworden.

Im Ökonomischen ergehen sich die Massen - “wir, Sie, alle“ - in asozialem Konsum, hegen grenzenlose Erwartungen an die Medizin, erheben “Anspruch an das Soziale als Gut des individuellen Konsums“. In der Gesamtbetrachtung ergibt sich nach Baudrillard dieses Bild:

“Parodie und Paradox: in den für sie vorgezeichneten Wegen des Sozialen gelangen die Massen durch ihre Trägheit selbst über die Logik und die Grenzen dieses Weges hinaus und zerstören das ganze Gebäude. Eine destruktive Hypersimulation, ein destruktiver Hyperkonformismus …, der alle Anzeichen einer siegreichen Herausforderung aufweist - niemand kann die Macht dieser Herausforderung, der Umkehrung, die er dem ganzen System auferlegt, ermessen. Genau darin liegt heute der wirkliche Einsatz, in dieser tauben, unausweichlichen Auseinandersetzung der schweigenden Mehrheit mit dem Sozialen, das ihnen aufgezwungen wird, in der Hypersimulation, die die Simulation verdoppelt und sie gemäß ihrer eigenen Logik ausrottet … .“

Das Soziale ist Destruktionsfeld der Massen - und des Terrorismus. Ich lasse wieder Baudrillard sprechen:

“Der Terrorismus … zielt … auf … das Soziale. Als Antwort auf den Terrorismus des Sozialen zielt der derzeitige Terrorismus auf das Soziale. Er zielt auf das Soziale, so wie dieses heutzutage produziert wird - als ein allumfassendes, in alle Zwischenräume dringendes, nukleares, gewebeförmiges Netz der Kontrolle und der Sicherheit, das uns von allen Seiten belagert und uns, uns alle, zur schweigenden Mehrheit macht. Eine hyperreale, unfaßbare Sozialität, die nicht mehr mit Gesetz und Repression operiert, sondern mit der Infiltration bestimmter Modelle, nicht mehr mit Gewalt, sondern mit Überreden/Widerraten - und genau darauf antwortet der Terrorismus mit einem ebenfalls hyperrealen Akt, der von vornherein den konzentrischen Kreisen der Medien und der Faszination geweiht ist, der von vornherein nicht etwa irgendeiner Repräsentation oder einem Bewußtsein gilt, sondern der geistigen Verlangsamung durch Kontinuität, Faszination und Panik, nicht etwa der Reflexion oder der Logik von Ursache und Wirkung, sondern der Kettenreaktion durch Ansteckung - einem Akt, der sinnentleert und folglich ebenso unbestimmt wie das System, das er bekämpft, oder besser gesagt, in das er sich einfügt als höchster oder infinitesimaler Punkt der Implosion … und daher zutiefst homolog mit dem Schweigen und der Trägheit der Massen.“

Regelmäßig verfehlen sogenannte Terrorexperten, also die medialen Erklärer terroristischer Akte, diesen Punkt. Mir scheint, diesen Experten beschleicht sogar eine gewisse Erleichterung, wenn der terroristische Akt einem politischen Akteur zugerechnet werden kann. Dann nämlich ließe sich so etwas wie ein Sinn der Tat heranassoziieren. Kämpft der Daesh nicht für ein Kalifat und damit gegen jene, die dies mit militärischen Mitteln verhindern wollen? Wie sind Terrorakte “einsamer Wölfe“ zu bewerten? Handelt es sich um psychisch Labile oder um “Daesh-Soldaten“? Oder trifft alles mögliche zu? In den Nachrichtennächten der Medien werden diese und ähnliche Fragen bis zum Erbrechen durchgekaut. Regelmäßig nicht thematisiert und nicht befragt wird die Form des Sozialen, in die der Terrorakt interveniert. Fremdattribution schlägt Selbstattribution regelmäßig aus dem Feld. Baudrillard gelangt zu dem Schluss:

“Terrorismus … ist nur deshalb einzigartig und unlösbar, weil er irgendwo und irgendwann unberechenbar zuschlägt, weil er irgendwen trifft - sonst wäre er nur Erpressung oder eine militärische Kommandoaktion. Seine Blindheit ist die genaue Antwort auf die Undifferenziertheit des Systems, das seit langem nicht mehr zwischen Zielen und Mitteln, zwischen Henkern und Opfern unterscheidet. Sein Akt richtet sich in der mörderischen Unterschiedslosigkeit der Geiselnahmen genau gegen das charakteristischste Produkt des ganzen Systems: gegen das anonyme und vollkommen undifferenzierte Individuum, den Begriff, der jedem anderen substituierbar ist. Paradoxerweise muß man sagen: die Unschuldigen zahlen für das Verbrechen, nichts zu sein, ohne Bestimmung zu sein; sie zahlen dafür, daß sie ihres Namens durch ein System beraubt worden sind, das selbst anonym ist und dessen reinste Verkörperung sie nun darstellen. Sie sind die Endprodukte des Sozialen, die Endprodukte einer abstrakten und fortan weltweiten Sozialität. In diesem Sinne, eben in ihrer Eigenschaft als irgendwer, sind sie die prädestinierten Opfer des Terrorismus.“

Der Terrorakt erscheint als eine Katastrophe, die auf das Soziale einwirkt, genau so wie eine Naturkatastrophe ebenfalls jede und jeden treffen kann. Ich möchte an dieser Stelle aufmerksam machen auf die Unterscheidung von Risiko/Gefahr, die Niklas Luhmann angesichts ökologischer Szenarien in den 1980er Jahren in die sozialwissenschaftliche Diskussion brachte. Eine Gefahr kann nur erlebt werden, sie bricht einfach über uns herein. Ein Risiko dagegen unterliegt der Beeinflussung durch Handelnde und das Eintreffen eines riskanten Ereignisses kann entsprechend gemindert oder ganz und gar ausgeschlossen werden. Aus diesem Kalkül heraus erscheinen auch alle medialen Beschwichtigungen dergestalt, dass es wahrscheinlicher sei, Opfer etwa des Straßenverkehrs als Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden, verfehlt. Baudrillard erkennt hellsichtig den Terrorismus als Gefahrenlage, deshalb auch das politische Mantra der niemals zu 100 Prozent herzustellenden Sicherheit, die allerdings wiederum von der schweigenden Mehrheit um so lautstärker eingefordert wird.

Massen, Medien, Terrorismus - das ist Baudrillard zufolge die Trias, welche das Soziale zur Implosion bringen wird. Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass dieser Ansatz nahelegt, im Angesicht des Terrors das zu tun, was vornehmliche Aufgabe politischer, journalistischer und wissenschaftlicher Analyse sein sollte: nämlich danach zu fragen, wie es um die Werte und Institutionen kapitalistischer Gesellschaften bestellt ist. Ein trotziges Weiterwursteln, ein ins paranoiahafte gesteigertes Sicherheitsdispositiv sowie das Beharren darauf, dass der konsumistische Lebensstil nicht zur Disposition stehe, sind sicherlich nicht die Antworten, die benötigt werden.





Sonntag, 17. Juli 2016

Steffen Roski: DIE ZEIT - Leitmedium der Parallelgesellschaft


Harald Martenstein, leicht derangierter und durch und durch verspießter Kolumnist der Lifestyle-Beilage zur Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT, dem Zeitmagazin, berichtete vor einigen Wochen darüber, wie er am Frankfurter Hauptbahnhof von bandenmäßig organisierten Kleinkriminellen abgezogen worden ist. Ich erspare mir die Nacherzählung seiner Schilderung. ZEIT-Leser, die sich an dessen Geschreibsel aufgeilen und dort ihre kleinbürgerlichen Vorurteile Woche für Woche zu bestätigen suchen, werden sich erinnern. Allen anderen sei nur so viel gesagt: Ausgangspunkt des Martensteinschen Erlebnisses war eine junge Frau dunklen Typs, die dem alten notgeilen Sack sofort irgendwie sympathisch erschien. In dieser kleinen Martenstein-Geschichte spiegelt sich vieles, was für die ZEIT-Redaktion insgesamt gilt: eine völlig verzerrte Sicht auf die Gesellschaft nämlich, auf die Giovanni di Lorenzo und Konsorten aus den Butzenscheiben ihrer behaglichen Designer-Behausungen in Eppendorf, Ottensen oder wo es sich sonst noch teuer und edel wohnen lässt, blicken.

Mir liegt hier gerade der Politikteil vom 30. Juni 2016 vor. Mustereuropäer Giovanni di Lorenzo, für den das One-Man-One-Vote-Prinzip keine Gültigkeit besitzt, gab doch der deutsch-italienische Stimmbürger bei der letzten Wahl zum Europaparlament selbstverständlich zwei Wahlzettel in die Urne, stellt dort die selten dämliche Frage: “Wie viel Volk darf’s denn sein?“ Dem schnöseligen Leitartikler gelingt dort eine hübsche Selbstcharakterisierung. Schauen wir einmal genauer hin, wie sich der haargelgeglättete Hamburger Schönschreibling sieht: Als “Welterklärer“ nämlich, der sich der “europäischen Idee verbunden fühlt“. Der ZEIT-Chefredakteur ist stets im Kreise der “Richtigen“, hält sich für einen “aufgeklärten und politisch interessierten, weltläufig und liberal gesinnten Menschen“. Dass er sich selbst zum Kreis der “politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Eliten“ zählt, ist nichts als eine bare Selbstverständlichkeit. Er und seine ZEIT-Mischpoke haben “über Jahrzehnte“ alles mögliche “an Gutem und Bewahrenswertem aufgebaut“, “im September 2015“ spontan und großzügig “Hilfe für Menschen, die Krieg und Tod entflohen sind“ geleistet. Hier von Gutmenschen zu reden, trifft es nicht, Schönling di Lorenzo ist ein Edelmensch, eigentlich kaum Mensch mehr, sondern sich selbst gebärender Geist.

Ich schlage in derselben Ausgabe ein paar Seiten weiter und finde einen possierlichen Besinnungsaufsatz von Heinrich Wefing, in dem der Autor seine verspießten Scheiß-Alltagserlebnisse einfließen lässt. Wefing gibt mit seinen beiden Plagen, “fast 16 und 13 Jahre alt“, an. Sie wachsen “behütet auf, aber sie bekommen vieles mit. Sie sehen abends die Nachrichten, sie sind im Netz unterwegs. Hören von Putin, von Trump, von Erdogan. Und manchmal fragen sie mich, in letzter Zeit häufiger: Spinnen die eigentlich alle?“

Väter wie ZEIT-Autor Wefing definieren ihren beschissenen Alltag inklusive Kindererziehung als “Großprojekt schlechthin“. Doch in letzter Zeit wird das Weichspülprogramm gestört: “Man hat so seine Gedanken, man hat so seine Sorgen. Und in den letzten Monaten beschleicht mich immer häufiger ein mulmiges Gefühl. Das Gefühl, dass sich gerade etwas ziemlich Grundlegendes verändert. Für mich, aber auch für meine Kinder. In was für einer Welt werden sie eigentlich erwachsen?“ Tja, Wefing, so eine verfickte Scheiße auch. Nichts wird’s für dich und deinen Kinder mit einem entspannten Verhältnis “zu diesem Deutschland, heiter und selbstbewusst, so wie man es auch aus anderen Ländern kennt, in denen die Menschen unbefangen ihre Flagge schwenken.“ Wefings Idealwelt ist die des “Mehr“: “Mehr Sicherheit, mehr Toleranz, mehr Reichtum, mehr Freiheit“, eine Welt, “die voller Optionen ist und fast frei von Widerständen“. Schon kacke, denn seit einiger Zeit sind “die Fundamente plötzlich wieder in Gefahr. Was selbstverständlich schien, ist nicht mehr selbstverständlich. Das ist für meine Generation eine ziemlich verstörende Erkenntnis.“ So what? Bei Pappa Wefing im Kuschelwohnquartier ist die Welt ja ganz OK, seine Designer-Kids lernen Sprachen “und Klavier und Volleyball“. Und das Beste: “Als letztes Jahr die Flüchtlinge kamen, da sind sie losgezogen mit ihren Freunden und haben geholfen, in Kleiderkammern und Unterkünften, einfach so. Wir haben sie nicht dazu gedrängt, sie haben es von sich aus getan, es schien ihnen richtig, und wir, die Eltern, waren ziemlich stolz darauf.“

Drei ZEIT-Eindrücke - der naive Onkel Martenstein, Eliten-Giovanni und Projektpappa Wefing, drei Eindrücke, die m.E. für sich selbst sprechen, um deutlich zu machen, in welchem Paralleluniversum die Schreiberlinge des Hamburger Wochenblättchens schweben. Für Martenstein besteht die Welt nur aus ihm sympathischen Menschen. Wird er von einer solchen Person angekobert, blendet der sich ansonsten so weltkundig gebende Lifestyle-Kolumnist die Tatsache total aus, dass es zum Wesen bandenförmig organisierter Kriminalität gehört, die Naivität dieser Kindchenschemasicht auf andere Menschen für sich nutzbar zu machen. Di Lorenzo, ganz der glatt lackierte Edel-Stilist, sieht sich im Pantheon des Journalismus aus dessen ätherischen Sphären er den Weltenlauf betrachtet und sich zunehmend ob der sich stetig vergrößernden Zahl an Kretins und Idioten am Boden angeekelt abwendet. Und dann ist da noch Wefing, ganz Hipster-Pappa, der beim Soja-Latte mit seinen schwerstbegabten Plagen über Putin, Trump und Edogan parliert. Währenddessen besorgt dann eine wahlweise portugiesische oder polnische Putze den Haushalt, damit die Kiddies mit frisch gebügeltem Hoodie in der Flüchtlingsunterkunft aufschlagen können.

DIE ZEIT ist ein Organ für eine Parallelgesellschaft, für Studienräte, die außerhalb von Bildungseinrichtungen die Welt bloß als Teilnehmer von Bildungsreisen in den Sommerferien kennen, für abgebrühte Hipster aus der Kreativszene, die sich ihr Surrogat von Welt und Gesellschaft aus dem wöchentlichen Weichspülprogramm von DIE ZEIT und Zeitmagazin ziehen, für neureiche Erben, Galeristen und Kunsthändler, überhaupt für sogenannte Schaffende in Kunst, Kultur und Wissenschaft.

Witzig, dass di Lorenzo & Co. sich in ihrem Schickimicki-Echoraum selbstverständlich als Vertreter eines “Leitmediums“ betrachten. Blöd nur, dass sich außerhalb der ZEIT-Bubble niemand um die Meinungen der Hamburger Edelgazette mehr schert.

Montag, 7. September 2015

Steffen Roski: CEWE Photo Award 2015, Hamburg, Deichtorhallen

Unter dem selten bescheuerten Titel "Our world is beautiful" findet man seitlich vor den Deichtorhallen Stellwände mit den preisgekrönten Fotografien des o.a. Wettbewerbs. Im Begleittext heißt es im Weichspüljargon der Kunst- und Sponsoringszene: "Die Schönheiten der Welt entdecken und fotografieren - dazu hatte CEWE, Europas führender Fotoservice und innovativer Online Druckpartner, mit dem großen Fotowettbewerb 'Our world is beautiful' aufgerufen. Über 94.000 Einreichungen aus aller Welt bewarben sich bis Frühjahr 2015 um die Preise im Gesamtwert von mehr als 80.000 Euro und wurden von einer Fachjury in sechs Kategorien (Architektur, Landschaften, Natur, Menschen, Sport und Verkehr/Infrastruktur) bewertet. ... CEWE ist dem Kulturgut Fotografie traditionell verbunden und übernimmt mit seiner kontinuierlichen Förderung seit vielen Jahren konkrete Verantwortung. Zahlreiche Fotowettbewerbe und ein langfristiges Engagement im Bereich Fotografie wie das Sponsoring des Deutschen Fotomuseums in Leipzig,die Partnerschaft mit den Deichtorhallen Hamburg sowie dem 'horizonte' Fotofestival in Zingst untermauern diesen Anspruch."

In den ausgelassenen Passagen finden sich die üblichen Lobeshymnen, wenn es um Fotokunst geht: "mit den Mitteln der fotografischen Bildsprache" werden "Geschichten erzählt und Emotionen geweckt." Usw. Die von mir ausgewählten Werke kann man in einer Google+-Sammlung betrachten:

https://plus.google.com/collection/oMsc3

Es lohnt m.E. kaum, auf einzelne Bilder näher einzugehen. Mein Eindruck ist dieser: Eine langweilige Aneinanderreihung von Ergebnissen zweifellos bemerkenswerter Fototechnik. Konventionell, nur selten künstlerischen Maßstäben entsprechend. Eine schöne Scheinwelt wird hier präsentiert, manchmal nice to see, allerdings ohne sich dem künstlerischen Blick wirklich aufzudrängen. Deichtorhallen goes Marketing. Traurig das Ganze.

Montag, 17. August 2015

Steffen Roski: Antikapitalistische Plakatkunst am Bremer Hauptbahnhof

In Bremen soll eine weitere Shoppingmall im Innenstadtbereich am Hauptbahnhof entstehen. Auch anderenorts greift der hässliche Konsumismus um sich. Innenstädte sollen kein Lebensraum sein, sie werden ausgetrocknet und sind zu rein merkantilen Zonen umgestaltet worden. Auch die noch verbliebenen Restbereiche öffentlichen Lebens werden nach und nach getilgt. Von 10 bis 20 Uhr bevölkern frohgelaunte Konsumenten die verglasten Hallen des Begehrens. Davor und danach sorgt eine private Security dafür, dass jeder noch so kümmerliche Ansatz spontanen Ausdrucks unterdrückt wird. Gegen diese Tendenzen haben Künstler in Form von Plakaten, die an einem Bauzaun vor dem Bremer Hauptbahnhof angebracht sind, auf ihre Weise Widerspruch eingelegt. Vielleicht eine Anregung für andere derartige Vorhaben in der Republik?

https://plus.google.com/u/0/collection/wlhC2

Donnerstag, 13. August 2015

Steffen Roski: Gedanken zum Alltagsrassismus

Gute Karikaturen treffen den Punkt. So diese: Ein Kapitalist macht einen Armen darauf aufmerksam, dass ein um Asyl nachsuchender Mensch diesem etwas wegnähme.

Es gibt zwei prinzipielle Arten von rassistischer Diskriminierung. Die eine ist negativer Natur und wird in der Karikatur veranschaulicht. Menschen, die objektiv depraviert sind und sich auch selbst als chronisch benachteiligt erleben, greifen diejenigen an, die aus ihrer Sicht ihre ohnehin Lebenschancen minimen Lebenschancen weiter vermindern. Sie nehmen Refugees als unmittelbare Konkurrenten um knappe Ressourcen - Bildung, Gesundheit, Teilhabe etc. - wahr.

Die andere Art rassistischer Diskriminierung ist positiver Natur und ist ohne ihre negative Kehrseite nicht denkbar. Ein konstruiertes Beispiel: Beate J. lebt mit ihren zwei Kindern Antonia und Jakob in einem Berliner Szenestadtteil. Sie arbeitet in der Kreativbranche, ist gut gebucht, Geld ist vorhanden. Aufmerksam verfolgt Beate das Tagesgeschehen und ist angeekelt von einem immer demonstrativer werdenden Rassiswmus in diesem Land. Mit Refugees hat sie nicht direkt zu tun. Diese leben irgendwo in einem Teil der Vorstadt, den sie allenfalls vom Hörensagen kennt. Am Wochenende besucht sie mir ihren beiden Kindern, die das örtliche Gymnasium besuchen, eine Kulturveranstaltung, auf der eine Gruppe afrikanischer Menschen musizieren und die heimische Küche vorstellen. Schnell freundet sie sich mit einem Refugee an, den sie für die kommende Woche zum Essen einlädt. Man ist geneigt zu sagen: vorbildlich. Eine zwischenmenschliche Beziehung ist gestiftet worden.

Beate J. fühlt sich wohl, ein Musterbeispiel vorurteilsfreien Handelns. Stimmt dies? Zweifel sind angebracht. Als Werberin ist Beate J. oft geistig ausgelaugt, braucht zur Aufrechterhaltung ihres kreativen Potenzials immer wieder äußere Inputs. Und da kommt eine kulturell und menschlich interessante Begegnung gerade recht. Das alles bleibt letztlich folgenlos, denn ihren Alltag bestimmen weiterhin die Kreativ- und Lifestyle-Hipster, mit denen sie Clubs, Kinos, Vernissagen, Theater besucht sowie die Freizeit für ihre Kinder organisiert. Ihr diskriminierendes Handeln liegt in Folgendem: Refugees sind auf Grund ihres kulturellen Mehrwerts für Beate J. interessant. Letztendlich verhält sie sich nicht anders als jene, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhunderts afrikanische Menschen in Zoos aus Sensationsgier beglotzten.

Um auf die Karikatur zurückzukommen: Eine von Rassismus freie Gesellschaft werden wir nur dann erreichen, wenn es die Kluft zwischen Armen Und Reichen, zwischen Privilegierten und Ausgeschlossenen nicht mehr gibt. Rassismus ist eine soziale Frage. Solange wir das nicht begriffen haben, haben wir nichts verstanden.


Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.

Freitag, 26. Juni 2015

Claudia Aebersold Szalay: Klagen über tiefe Zinsen. Was macht die deutschen Sparer wirklich arm?

"Nun hat die Notenbank den Vorwurf in einem wissenschaftlichen Papier untersucht und ist zum Schluss gekommen, dass nicht ihre Politik für die Unzufriedenheit deutscher Sparer verantwortlich ist. Skepsis ist natürlich angebracht, wenn die Forschung ausgerechnet von der Angeklagten selbst kommt, doch die Argumentation der EZB-Ökonomen ist so simpel wie überzeugend. Sie erinnern daran, dass die Notenbank lediglich die kurzfristigen nominalen Zinssätze direkt steuern kann. Auf die langfristigen Nominalsätze kann sie lediglich indirekt, über die Inflationserwartungen, Einfluss nehmen. In der langen Frist - die Perspektive, die Sparer interessiert - hängt die Verzinsung aber primär vom Realzins ab. Dieser wird von mehreren Faktoren bestimmt, vor allem von den verfügbaren Arbeitskräften in einem Land und deren Produktivität. Was den Realzins somit erhöht, sind eine kluge Arbeitsmarktpolitik, Infrastruktur-Investitionen sowie gute Rahmenbedingungen für technischen Fortschritt. Für all das ist nicht die Notenbank zuständig. Im Gegenteil, sie ist gegenüber den Kräften, die den langfristigen Realzinssatz bestimmen, nahezu machtlos. Die 'Bild' beklagt den 'Zins-Klau', doch der Dieb ist nicht die EZB."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/reflexe/wer-macht-die-deutschen-sparer-wirklich-arm-1.18567911

Mittwoch, 24. Juni 2015

JasminTeam: Spiegel schützt Lobbyisten Elmar Brok in „Kasachen-Affäre“

"Dafür organisierte der Wiener Anwalt Gabriel Lansky mit Geld aus Astana einen „Berater-Kreis“ unter dem Namen „Independent International Advisory Council“ (IIAC), dem Ex-Staatschefs und Top-Politiker angehörten: Neben Gerhard Schröder auch Ex-Kurzzeit-Bundespräsident Horst Köhler, Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, Romano Prodi, Aleksander Kwasniewski, Marcelino Oreja; als „Team Operation“ sollen weitere EU-Mächtige noch tiefer verstrickt sein: Peter Gauweiler, Otto Schily, Max-Peter Ratzel (Europol-Exchef), Jürgen Kapplinghaus (EU-Justiz) -sie alle sollen im Auftrag Nasarbajews dessen Feind Alijew gejagt haben. Nur vergisst der „Spiegel“ in dieser Darstellung die Schlüsselrolle Elmar Broks bei Alijews Inhaftierung genauer zu betrachten."

Quelle: https://jasminrevolution.wordpress.com/2015/06/21/spiegel-schutzt-lobbyisten-elmar-brok-in-kasachen-affare/

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Dienstag, 23. Juni 2015

Jenni Roth im Interview mit Wolfram Meyerhöfer: "Der Pisa-Test gehört abgeschafft". Wolfram Meyerhöfer, Spezialist für Mathematikunterricht, erklärt, warum er den Pisa-Test für einen schlechten Test hält

"Jenni Roth: Warum sind die Aufgaben dann so konstruiert?

Wolfram Meyerhöfer: Als Organisation für wirtschaftliche Entwicklung interessiert die OECD die ökonomische Rolle der öffentlichen Schulen. Die Tests orientieren sich also an der Brauchbarkeit von Schülern als Arbeitskräften. Aber das kann nicht das einzige Ziel öffentlicher Bildung und Erziehung sein! In anderthalb Minuten zu entscheiden und bei einem Sachproblem lediglich ein Kreuz zu setzen, das folgt einem ökonomischen Konzept, welches für ein Land mit einer Wirtschaftsstruktur wie Deutschland fatal ist. Für Pisa ist die OECD auch Allianzen mit multinationalen und profitorientierten Unternehmen eingegangen, die versuchen, von jedem von Pisa behaupteten Bildungsproblem zu profitieren. Die internationalen Bildungskonzerne benötigen Tests wie Pisa, um eigene Bildungsprogramme zu legitimieren, laufen mit ihren Bildungsinhalten aber in eine völlig falsche Richtung."

Quelle: http://www.nzz.ch/wissenschaft/bildung/miese-noten-fuer-den-pisa-test-1.18566596

Joachim Güntner: Auf Diät. Wider die Verkürzung eines Begriffs

"Von Ludwig Wittgenstein ist das Bekenntnis überliefert, es sei ihm gleich, was er esse, es müsse 'nur immer dasselbe sein'. Das ist kurios, denn dieser Philosoph kannte dort, wo die Diätik der leiblichen Ernährung endet und die geistige beginnt, sehr wohl die Gefahren der Einseitigkeit. In Paragraf 593 seiner 'Phlosophischen Untersuchungen' notierte er: 'Eine Hauptursache philosphischer Krankheiten - einseitige Diät: man nährt sein Denken nur mit einer Art von Beispielen.' Theoriebildung tendiert dazu, Hypothesen durch passende Belege zu stützen und die störenden auszublenden. Man muss kein Philosoph sein, um dieser Denkform zu frönen. Wann immer wir strikt für eine Sache argumentieren, lassen wir fort, was nicht ins gewünschte Bild passt. Das Schöne an Wittgenstein ist, dass er den Diät-Begriff auch auf Geistiges bezieht statt bloss auf Speisepläne. Das macht ihn zum Gewährsmann gegen den üblichen Reduktionismus."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/auf-diaet-1.18562693

Montag, 1. Juni 2015

Eduard Kaeser: Sind wir alle Experten? Die Wissensgesellschaft und die "Bürgerwissenschaft" der vermeintlichen Laien

"Vor fünfunddreissig Jahren sprach Ivan Illich von der 'Entmündigung durch Experten'. Er warnte vor der 'behaglichen Gleichgültigkeit der Bürger, die sich als Klientel dieser Experten einer vielgestaltigen Sklaverei unterwerfen'. Und er sah damals bereits eine Position zwischen Expertenhörigkeit und Expertenfeindschaft voraus, die er das 'postprofessionelle Ethos' nannte. Man könnte sagen: Im Zeitalter des Post-Expertismus lässt sich ein neues altes Expertentum wiederbeleben oder wieder schätzen lernen. Wer zählt zu seinem Bekanntenkreis nicht Liebhaber und Kenner von Pilzen, Käfern, Lokalgeschichte, alternativen Energieformen oder extraterrestrischem Leben?"

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/sind-wir-alle-experten-1.18551867

Milosz Matuschek: Ich liebe mich, pardon dich!

"Doch wer sich verlieben will, muss den kleinen Narzissten in sich zum Schweigen bringen oder zumindest dessen Handlungshorizont beschränken. Wer im starren Glauben an die eigenen Werte weiter nach oben strebt, bleibt ziemlich sicher allein. So gehört man vielleicht bald zu den 'Anspruchsvollen', die doch eigentlich Verblendete sind. Für den Narzissten ist Liebe eine Belohnungskategorie, eine Art Zertifikat über den eigenen Statuswert. Der Partner ist hier nur sie Verlängerung des eigenen Ichs, eine Art Prothese oder Selfie-Stick für die Widerspiegelung der eigenen Grossartigkeit. Eine Umfrage unter 10 000 Mitgliedern einer Online-Partnervermittlung für 'Akademiker und Singles mit Niveau' förderte als häufigsten Grund fürs Alleinsein die Antwort zutage: 'Weil ich so anspruchsvoll bin.'"

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/ich-liebe-mich-pardon-dich-ld.422

Rainer Stadler: Rekordmutter nur bei RTL

"Die Hintergründe des Informationspakts sind nicht bekannt. Abgesehen von allenfalls finanziellen Vorteilen bietet eine exklusive Vereinbarung der nun 17-fachen Mutter die Möglichkeit, mediale Erregungen zu kanalisieren. Aufmerksamkeit hätte sie, die bereits vor zehn Jahren mit der Geburt eines weiteren Kinds als 55-Jährige im Rampenlicht stand, ohnehin auf sich gezogen. Da nun RTL über sie wacht, kann sie sich Mediensprecher, Rechtsanwälte oder sonstige Agenten zur Vertreibung aufdringlicher Späher ersparen. Der Ausschluss von Konkurrenz bringt zudem etwas Ruhe in den Informationsverwertungsprozess. Es herrscht weniger Druck, die Geschichte zu überdrehen, um zusätzliche Aufmerksamkeit zu erregen. Entsprechend zivil verlief denn auch der Hausbesuch, über den RTL vor einem Monat berichtete. Die Rekordmutter tritt recht abgeklärt auf. Sie pocht aufs Recht auf Selbstbestimmung; sie fordert, man solle andern bei ihren Entscheidungen nicht dreinreden, und nimmt die Fortschritte der Medizin für sich in Anspruch. Ihren Kritikern macht sie es gar nicht so einfach. Präsentiert wird sie - wie üblich - zwischen Werbespots. Klar, Medien müssen Geld verdienen. Dennoch irritiert diese Kommunikationspraxis bei speziellen Ereignissen immer noch. Aber inzwischen werden selbst Hinrichtungs-Videos des IS mit Werbespots versehen.

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/blogs/medienblog/546/2015/05/26/rekord-mutter-nur-bei-rtl

Freitag, 15. Mai 2015

Jan Süselbeck: Irren ist menschlich. Akademiker wie Silvio Vietta und Peter Trawny sehen in Heideggers Philosophie eine respektable Fortschrittskritik. Dabei handelt es sich aber um die zentrale antisemitische Chiffre in Heideggers Werk.

"Weit schlimmer als die Judenvernichtung erscheint Heidegger nach Kriegsende, dass dem deutschen Volk nicht erlaubt wurde, sein 'Eigenes', sein 'Wesen' und sein 'Seyn' zu finden. Schuld daran sei der 'Terror des endgültigen Nihilismus', der 'noch unheimlicher' wirke als 'alle Massivität der Henkerknechte und der KZ'. Heidegger attackiert die 'planetarische Plattheit des Meinens und Redens und Schreibens', das internationale 'Literatentum' und die 'Weltpresse'. Das deutsche 'ratlose Kriechen im Schatten' vor der 'Weltöffentlichkeit' als 'Organisation der Seynsvergessenheit' kann für ihn schließlich nur eines heißen: 'Ahnt <man>, daß jetzt schon das deutsche Volk und Land ein einziges Kz ist -  wie es <die Welt> allerdings noch nie <gesehen> hat'? Der Denker höhnt über die Situation nach 1945: 'Daß die jetzt in Deutschland, im besetzten wohlgemerkt, in Gang gebrachte Tötungsmaschinerie etwas anderes leisten soll als die vollständige Vernichtung, das können nur noch liberale Demokraten und sogenannte Christen glauben machen wollen.'"

Quelle: Jungle World, 13. Mai 2015 (Nr. 20, 19. Jg.), S. 18.

Andreas Kappeler: Putin ist kein Stalin. Ohne Aggressionen verharmlosen zu wollen: Es gibt auch das andere Russland.

"Wenn man sozialpsychologische Erklärungen schätzt, kann man von einer 'Bedrohungsneurose' Russlands sprechen. Diese war indes nicht ganz unbegründet. Abgesehen von der Unterwerfung und Zerstörung durch die Mongolen war Russland mehrfach durch Angriffe aus dem Westen existenziell bedroht. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts besetzten polnische Truppen Moskau und setzten einen polnischen Zaren ein, im Jahr 1812 war es Napoleon, der Russland unterwerfen wollte, im 20. Jahrhundert folgte Hitlers Vernichtungskrieg. Russlands Geschichte war nicht nur eine der Expansion, sondern auch eine der Abwehr äusserer Aggressionen."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/putin-ist-kein-stalin-1.18542357

Daniel Steinvorth: Gefährliche Geschäfte. Waffenexporte in die Gelfstaaten sind derzeit kein Beitrag zur Stabilisierung der Region. Sie stabilisieren allein die absolutistischen Regime.

"Wären also die Respektierung von Menschenrechten und eine Aussenpolitik, die nicht zu regionaler Instabilität beiträgt, tatsächlich Kriterien, an denen sich Waffenexporte messen lassen müssen, so müsste ein Staat wie Saudiarabien im Grunde geschnitten werden. Eingesetzt werden können die Militärgüter auch zur inneren Repression. Man kann nur vermuten, wozu das Herrscherhaus imstande gewesen wäre, wenn der Arabische Frühling Riad, Jidda und Dammam erreicht hätte. Eine Idee dazu liefern die Niederschlagung des Aufstandes in Bahrain 2011 mithilfe saudischer Truppen oder auch das Vorgehen gegen Angehörige der schiitischen Minderheit im Osten Saudiarabiens. Und es gibt aktuell noch weitere Vorbehalte gegen Rüstungslieferungen an einen Staat, der nicht nur in seinem 'Hinterhof' Jemen, sondern auch in Syrien militärisch indirekt agiert, wo er längst nicht nur 'moderate' Rebellen unterstützt. In vielen Fällen ist der Endverbleib der Waffen nicht gesichert."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/gefaehrliche-geschaefte-1.18540554

Ulrich Schmid: Islamischer Staat fordert die Hamas heraus. Nach Jahren relativer Ruhe bekämpfen sich in Gaza die herrschende Terrorgruppe und Salafisten, die mit dem IS affiliiert sind

"Dem Islamischen Staat, seinen Affiliierten und Adepten ist jegliches Denken in Kategorien der Nationalstaatlichkeit zutiefst zuwider. Sie sehen sich als Kämpfer für den Islam und versuchen, die 'Ungläubigen' zu treffen, wo immer sie können, in Europa ebenso wie in den USA. Sie haben nicht die geringsten Skrupel, Zivilisten zu töten, und sie greifen auch Araber an, die ihnen als nationalistisch erscheinen, selbst so konservative wie die Muslimbrüder, denen die Hamas entsprungen ist. Die Hamas ist aber national gesinnt, und ihr Kampfstil ist vergleichsweise traditionell. Ihr Führer im katarischen Exil, Khalid Mashal, hat stets klargemacht, dass sich die Operationen seiner Gruppe auf Palästina beschränken und dass Israel der grosse Gegner ist, den es zu bekämpfen gilt. Dass die Hamas mit dieser Strategie übermässig erfolgreich war, lässt sich nicht behaupten. Der IS aber hat überall dort schnellen Erfolg gehabt, wo arabische Staatlichkeit versagte, und es ist nicht auszuschliessen, dass man es nach dem Irak, Syrien und Lybien nun auch im noch gar nicht geborenen Palästina versuchen will."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/naher-osten-und-nordafrika/is-fordert-die-hamas-heraus-1.18540469

Donnerstag, 7. Mai 2015

Christian Schmidt: Die richtigen Fragen stellen. Heideggers antisemitische Äußerungen lassen es an Deutlichkeit nicht fehlen. Und dennoch war er ein Denker der Revolution, des Umbruchs und sogar der Freiheit.

"Die praktische Fundierung unserer Welterfahrung birgt aber noch ein größeres Problem, auf das Heidegger hinweist. Da das menschliche Leben in seinem täglichen Ablauf davon abhängt, dass die praktischen Bezüge zu anderen Menschen und zu den Dingen funktionieren, wird es zu einer Notwendigkeit, die Dinge auch tatsächlich so zu machen, wie 'man' es eben macht. Die Wirklichkeit reproduziert sich so beständig selbst. Politische Revolutionen, die etwa die Kapitalisten enteignen, stehen damit in der Gefahr, am Kern der praktischen Verhältnisse gar nichts zu ändern. Statt der kapitalistischen Bürokratie herrscht dann eine staatliche, aber die Struktur der Ausbeutung und Unterdrückung ist substantiell die gleiche geblieben."

Quelle: Jungle World, 7. Mai 2015 (Nr. 19, 19. Jg.), S. 18.

Anja Krüger: Die Deutsche Bad Bank. In München hat der Prozess gegen drei Führungsgenerationen der Deutschen Bank begonnen.

"Interessante Details kamen ans Licht: Wenige Tage vor dem Interview hatte sich Breuer mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Middelhoff, der zu dieser Zeit Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann war, getroffen. Dabei ging es nach Auffassung der Richter des Münchner Oberlandesgerichts um die Zukunft des Kirch-Imperiums - der Komkurrenz von Bertelsmann. Die Bank hatte bereits Pläne für die Zerschlagung des Kirch-Besitzes geschmiedet. Kirch starb 2011, seine Erben setzten den Rechtsstreit fort - mit Erfolg. Das Oberlandesgericht München erkannte 2012 einen Schadenersatzanspruch wegen vorsätzlicher sittenwidriger Schädigung an. Die Deutsche Bank und die Erben schlossen im Februar 2014 einen Vergleich, die Deutsche Bank zahlte 925 Millionen Euro. Für die nun angeklagten Manager hat dieses Verfahren ein Nachspiel, weil sie sich nach Auffassung der Staatsanwaltschaft abgesprochen haben, um mit falschen Angaben in diesem Prozess die Forderung nach Schadenersatz abzuwehren. Weil das Gericht ihnen damals nicht glaubte, werden sie nur wegen versuchten gemeinschaftlichen Prozessbetrugs in einem besonders schweren Fall angeklagt."

Quelle: Jungle World, 7. Mai 2015 (Nr. 19, 19. Jg.), S. 6.

Zafer Senocak: Wahrnehmen und Wahrhaben. Wie kam es zum Völkermord in Armenien? Türken und Armenier waren einander nicht fremd in Anatolien. Wie aber wurden sie einander feind? Das ist die Frage, die uns beschäftigen muss. Es hat mit der Etablierung von Nationalstaaten zu tun.

"Zu Recht werden heute Vertreibungen und Verfolgungen von Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Ethnie oder einem Glauben als Verbrechen gegen die Menschlichkeit geahndet. Doch wie es zu diesen Verbrechen gekommen ist, wo sie stattfanden, wird nach wie vor kaum thematisiert. Die weisse Weste scheint die Uniform vieler Staaten zu sein, die sich freiheitlicher Demokratie verpflichtet fühlen. Doch ist die Weste wirklich so weiss? In der Wirklichkeit will man die Schlachthäuser nicht wahrnehmen, wahrhaben. Auch nicht in Europa, in den USA, in Japan. Es ist den Arbeiten einzelner mutiger Forscher zu verdanken, dass hier und da die Verbrechen der Kolonialzeit aufgedeckt werden, ganz zu schweigen von der Beinahe-Ausrottung der einheimischen Völker Amerikas und Australiens durch die weissen Siedler. Der Humus des Nationalstaats bleibt unangetastet."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/wahrnehmen-und-wahrhaben-1.18535442

Mittwoch, 6. Mai 2015

Andreas Schnauder: Griechenland - Schuldenschnitt überfällig

"Denn Unternehmen, Konsumenten, internationale Investoren und Geldgeber sehen sich die ökonomischen Rahmenbedingungen genau an, bevor sie wirtschaftliche Aktivitäten entfalten. Und die legen nahe, dass Athen unter Schuldenlast und Zahlungsverpflichtungen kollabieren wird.

Das hat bereits dramatische Folgen. Die Konjunktur bricht nach einem kurzen Aufschwung wieder ein und zieht die Haushaltsdaten mit in den Abgrund. Verantwortlich dafür sind nicht nur die Athener Regierungsvertreter, sondern mindestens ebenso die Eurokutscher in Berlin und Brüssel. Die Zuchtmeister haben verkannt, dass sie den Bogen längst überspannt haben. Jetzt hilft nur noch das Eingeständnis, dass die an Griechenland geflossenen Steuergelder längst verloren sind. Das erforderte allerdings weit mehr Mut als das ständige Säbelrasseln gegenüber Athen."

Quelle: http://mobil.derstandard.at/2000015330351/Griechenland-Schuldenschnitt-ueberfaellig