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Sonntag, 2. November 2014

Steffen Roski: Bildung als Markt. Die Strategie von Bertelsmann

Die Bertelsmann AG gehört weltweit zu den größten Medien- und Informationsdienstleistungskonzernen. Mit der Fernsehtochter RTL, den Buchverlagen von Random House / Penguin Books sowie der Zeitschriftentochter Gruner + Jahr erreicht Bertelsmann täglich ein Millionenpublikum in der BRD, in Europa und der übrigen Welt. Die Dienstleistungstochter arvato betriebt Inkassoservices und sammelt über den Betrieb von Bonuspunktsysteme Daten der kaufkräftigen Kundschaft.

Bertelsmann-Chef Thomas Rabe monierte im Gespräch mit der Wochenzeitung DIE ZEIT (20. Februar 2014), dass der im nordrhein-westfälischen Gütersloh ansässige Konzern noch längst nicht alle Profitmöglichkeiten ausgeschöpft habe. So stelle das „Bildungsgeschäft“ ein Feld dar, das Bertelsmann noch zu bestellen habe. Jetzt sind erste Fakten geschaffen worden. Mit dem Aufkauf von US-amerikanischen Bildungsdienstleistern strebt Bertelsmann die Marktführerschaft in Nordamerika an.

Das Engagement in diesem Geschäftsfeld kommt nicht von ungefähr. Mehr als drei Viertel der Konzernanteile werden von der steuerlich begünstigten „gemeinnützigen“ Bertelsmann Stiftung gehalten. Im Bildungswesen kooperiert die Stiftung seit Jahrzehnten mit Schulbehörden und Bildungsministerien, vergibt Preise, berät Hochschulen, evaluiert Schulen, veröffentlicht Leistungsranglisten, leistet politische Lobbyarbeit, knüpft Netzwerke von Wissenschaftlern, Politikern und Bildungsbürokraten.

Diese Vorfeldarbeit der Bertelsmann Stiftung soll sich nun in klingender Münze für den Konzern auszahlen. Bildung wird im Rahmen von Freihandelsregimen wie TTIP zu einem marktförmigen Produkt, zu einer Ware.


Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Geschäft mit der Dummheit. Bertelsmann steigt mit E-Learning-Angeboten groß in den US-Markt ein. Konzern verspricht sich durch kommerzielle Bildung eine Milliarde Euro in fünf Jahren. Ralf Wurzbacher

Bertelsmann steigt groß in den US-Markt mit E-Learning-Angeboten ein. Konzern verspricht sich durch kommerzielle Bildung eine Milliarde Euro in fünf Jahren. Von Ralf Wurzbacher 

Bildung und Bertelsmann – ein Widerspruch in sich? Ganz gewiss, aber keiner, der sich im Kapitalismus nicht zu Geld machen ließe. Und wie: In der Vorwoche verkündete Europas führender Medienkonzern einen Coup, der ihm eine ziemlich profitträchtige Zukunft verheißt. Wie Vorstandschef Thomas Rabe bekanntgab, wird das Unternehmen die amerikanische Online-Plattform Relias Learning erwerben. Der Deal, für den es noch den Segen der Kartellbehörden braucht, soll bis Ende des Jahres unter Dach und Fach gebracht sein. Kommt es so, wäre dies die größte Transaktion der Gütersloher in den USA seit der Übernahme der Verlagsgruppe Random House vor 16 Jahren.

Nur geht es diesmal nicht um ihr klassisches Geschäftsfeld, sondern um den Bildungssektor. Der soll mittelfristig zur dritten Ertragssäule des Konzerns neben Medien und Dienstleistungen ausgebaut werden. Das weltweite Marktvolumen in diesem Bereich liegt laut Rabe bei »fünf Billionen US-Dollar« und weise »hohe Wachstumsraten« auf. Um dabei mitzumischen, nimmt der Konzern eine Menge Geld in die Hand, die Rede ist von einem »mittleren dreistelligen Millionen-Dollar-Betrag«. Das Handelsblatt bezifferte den Kaufpreis unter Berufung auf »Insider« mit »rund 550 Millionen Dollar«. Das soll sich schnell bezahlt machen. Bereits zu Jahresanfang hatte Rabe verlauten lassen, mit Bildung in den kommenden drei bis fünf Jahren eine Milliarde Euro erlösen zu wollen.

Mit der Akquisition von Relias Learning glaubt jetzt der Konzern, sich eine echte Geldmaschine zu angeln. Das Unternehmen sei mit 300 Mitarbeitern und 4000 institutionellen Kunden auf Internet-Schulungen für die Altenpflege und für Gesundheitsberufe wie Verhaltenstherapie und Behindertenbetreuung spezialisiert, heißt es in einem Pressestatement. Es biete circa 2500 unterschiedliche Online-Kurse, die jährlich mehr als 20 Millionen Mal absolviert würden. Rabe freute sich über einen »strategischen Meilenstein«. Der globale Markt für E-Learning hat nach seinen Angaben derzeit eine Größenordnung von knapp 20 Milliarden Dollar und wachse jährlich um bis zu 15 Prozent. Heute schon würden 22 Prozent der gesamten Aus- und Weiterbildungsstunden mittels E-Learning erledigt.

Erst vor einem Monat hatte die Bertelsmann AG mit der Beteiligung an der »privaten Online-Akademie« Udacity seine Ambitionen auf dem US-Markt unterstrichen. Das Startup-Unternehmen arbeitet unter anderem mit Google und Facebook zusammen und setzt ebenfalls auf Angebote in der beruflichen Bildung. Aktuell sollen 2,8 Millionen Menschen an den Udacity-Kursen teilnehmen, heißt es. Daneben agierert Gütersloh seit 2012 als Ankerinvestor zweier sogenannter University-Ventures-Fonds, die sich auf die Förderung von Studien- und Weiterbildungsprogrammen spezialisieren (jW berichtete). Damals schwärmte Rabe geradeheraus über einen Wachstumsmarkt, der angesichts »staatlicher Budgetkürzungen und der fortschreitenden Digitalisierung große Chancen eröffnet«. 

Für den Soziologen und Bertelsmann-Kritiker Steffen Roski ist der Einstieg in den amerikanischen Bildungsmarkt zugleich der Türöffner, um alsbald auch anderswo
Kasse zu machen. »Gelingt das US-Geschäft, dann wird dieses „Best-Practice-Beispiel“ in Europa und sonst wo Schule machen«, erklärte er im Gespräch mit junge Welt. Deshalb sei dem Konzern auch an einem zügigen Abschluss des transatlantischen Freihandelsabkommens TTIP gelegen. Der Umweg über die USA eröffne ihm den »ungehinderten Marktzutritt im EU-Raum«. Entscheidende »Vorarbeit« auf dem Weg dorthin hat laut Roski die Bertelsmann Stiftung geleistet, die hierzulande Bildungsministerien, Schulbehörden und Hochschulen berate. »Damit sind die institutionellen und politisch-personalen Rahmenbedingungen in jahrzehntelanger Lobby- und Netzwerkarbeit geschaffen worden, um den “Bildungsmarkt" ungehindert von öffentlicher Diskussion zu erobern.«

Tatsächlich legt sich die »gemeinnützige«, steuerlich begünstigte Bertelsmann Stiftung hierzulande seit langem dafür ins Zeug, das öffentliche Bildungswesen nachhaltig in Verruf zu bringen und privatwirtschaftliche Anschauungen und Akteure bei Entscheidungen rund um Einrichtungen von Kita, Schule bis zur Uni zu etablieren. Ob die »selbstständige Schule« oder die »unternehmerische Hochschule« – bei fast jeder »Innovation« im Bildungsbereich hat Bertelsmann die Finger im Spiel und die örtlichen Verantwortlichen auf Kurs gebracht. So hat etwa die durch die Stiftung gepäppelte neoliberale Denkfabrik Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) großen Anteil daran, dass an Deutschlands höchsten Bildungsanstalten Managementstrukturen, Wettbewerb und eine exzessive Drittmittelförderung Einzug gehalten haben. Auch »Reformen« wie die Exzellenzinitiative zwecks Hierarchisierung der Hochschullandschaft sind auf maßgebliches Betreiben der Gütersloher ins Werk gesetzt worden.

Das »Engagement« der Stiftung dient letztlich nur dem einen Zweck: Das Feld wird bestellt, auf dem der Konzern ungehindert seiner Geschäftemacherei nachgehen kann. Die Masche ist dabei so plump wie augenscheinlich erfolgreich. Zum Beispiel gab die Stiftung im Vorjahr eine Studie zum Thema Nachhilfe in Auftrag, mit »alarmierenden« Befunden und dem Schluss, dass die Ausgaben dafür ein »teurer und unfairer Ausgleich für fehlende individuelle Förderung« seien. Derweil betreibt die einstige Bertelsmann-Tochter Scoyo eine gleichnamige Internet-Lernplattform nach dem Motto: »Mit Spaß zu guten Noten.«

Weil der Laden nicht so lief wie gedacht, trat ihn der Konzern vor fünf Jahren an SuperRTL ab. Der »Familiensender« betreibt im Netz den Toggolino Club mit Lernspielen für Vorschulkinder – und ist über Umwege weiterhin mit der Bertelsmann AG verstrickt. Das zu durchschauen, braucht es gar nicht einmal so viel Krips. Vielleicht wäre das ja ein Fall für Mario Barth. Der ist neuerdings »Steuerverschwendern auf der Spur«, bei RTL. Soviel zu Bildung und Bertelsmann.  (Oder: Dümmer geht´s nimmer.)

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Bertelsmann macht Geschäfte mit der Bildung (Steffen Roski)

Bertelsmann gehört zu den weltweit größten Medien- und Informationsdienstleistungskonzernen. Bereits im ZEIT-Interview vom 20. Februar 2014 hat Bertelsmann-Chef Thomas Rabe moniert, der Konzern sei im "Bildungsgeschäft" noch nicht so weit wie er sich dies wünsche. Mit der Übernahme von Relias exekutiert Bertelsmann nun den Einstieg in den US-Bildungsmarkt. Das globale Wachstumsvolumen im "Bildungsmarkt" liegt bei etwa 4 Billionen Euro. Da verwundert es nicht, dass Bertelsmann vor allem mit E-Learning-Plattformen in den USA reüssieren will. Gelingt das US-Geschäft, dann wird dieses "Best-Practice-Beispiel" auch in Europa und sonstwo Schule machen. Bertelsmann hat deshalb ein großes Interesse daran, dass das Freihandelsabkommen TTIP zustande kommt. Der Umweg über die USA eröffnet dem Konzern dann den ungehinderten Marktzutritt im EU-Raum. Und die "gemeinnützige“, das heißt steuerlich begünstigte Bertelsmann Stiftung hat längst die Vorarbeit geleistet. Sie berät Bildungsministerien, Schulbehörden und Hochschulen. Damit sind die institutionellen und politisch-personalen Rahmenbedingungen in jahrzehntelanger Lobby- und Netzwerkarbeit geschaffen worden, um ungehindert von kritischer öffentlicher Debatte den "Bildungsmarkt" zu erobern.

Montag, 24. März 2014

Jörg Baberowski: Zwischen den Imperien - Warum hat der Westen beim Konflikt mit Russland derartig versagt? Weil er nicht im Ansatz die Geschichte der Ukraine begreift.

Gab es eine ukrainische Nation, als Zar Peter die Residenz der Kosaken verwüstete? Wollten die Bauern des 19. Jahrhunderts Ukrainer sein? Und wussten sie, was ein Ukrainer war und wie man sich in einen solchen verwandelte? Wurden denn die Kosaken nicht auch deshalb von den Kommunisten verfolgt, weil sie dem Zaren geholfen hatten, revolutionäre Erhebungen niederzuschlagen? Warum ließ Stalin, der Georgier, nicht nur Ukrainer, sondern auch Russen, Polen und Juden töten und nach Sibirien verschleppen, fragen sie. Warum verhungerten in der Ukraine des Jahres 1933 nicht nur Ukrainer, sondern auch deutsche, russische und polnische Bauern? Müsste man nicht auch über die Ukrainer sprechen, die als Kommunisten Bauern terrorisiert und Landsleute getötet hatten? War die poststalinistische Sowjetunion wirklich ein Völkergefängnis? War sie nicht vielmehr ein erfolgreiches Modell interethnischer Konfliktbewältigung? Kann man sich die Ukraine überhaupt als Nation ohne das Imperium vorstellen, und war sie nicht auch ein imperiales Projekt und ein Kind der Sowjetunion? Denn das Ende der Sowjetunion kam nicht, weil Millionen sich gegen sie erhoben, sondern weil seine Eliten entschieden hatten, sie aufzulösen.

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Dienstag, 11. März 2014

DIE LINKE. Gütersloh: Polizei verhindert Anschlag auf Bertelsmann

Buchstäblich in letzter Sekunde konnte die Gütersloher Polizei gestern einen Anschlag auf die Zentrale der Bertelsmann-Stiftung verhindern. Die Täter hatten den Finger schon am Abzug als die Polizisten todesmutig in ihrem Streifenwagen heranrasten. Ohne Sondereinsatzkommando und Bundeswehr zu Hilfe zu rufen stellten sich die Polizisten dem schwerbewaffneten Terrorkommando entgegen und beschlagnahmten deren gefährlichste Waffen: Sprühkreide und Papierschablonen. Auch gegen ein fast schussbereites Handy ging die Staatsgewalt rigoros vor. Fast eine Stunde lang dauerte der anschließende Kampf der Ordnungshüter mit Formularen und den eigenen Mobiltelefonen. Dann waren die Personalien der Rädelsführer aufgenommen und auch der diensthabende Richter war von der Schwere des Vergehens überzeugt. 10 Wörter, mit abwaschbarer Sprühkreide vor den Eingang der Stiftung gesprüht, das geht zu weit. Eine Anzeige folgt. Wo kämen wir hin, wenn jeder frei seine Meinung äußern könnte! Das überlassen wir lieber Bertelsmann, einem der größten Medienkonzerne weltweit. Ungesprüht und dennoch bestraft sind somit die Worte „Oligarchen stürzen, in Ost und West“ und „Der Krieg beginnt hier“.
Allerdings versäumte die Polizisten das Kommando völlig zu entwaffnen. Weder Joan Baez' „We shall overcome“ noch die Friedensfahne und die roten Fahnen wurden beschlagnahmt.

 Das Terrorkommando kurz vor dem beherzten Eingreifen der Polizei

Michael Pusch
DIE LINKE. KREISVERBAND GÜTERSLOH



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Donnerstag, 6. März 2014

Kerstin Kohlenberg, Petra Pinzler & Wolfgang Uchatius: Im Namen des Geldes. Es tagt in Washington hinter verschlossenen Türen: Ein geheimnisvolles Gremium aus drei Richtern kann eine Regierung zu Strafen in Milliardenhöhe verurteilen, wenn ein Konzern seine Geschäfte bedroht sieht. Eine Paralleljustiz ist entstanden, die bald noch mächtiger werden könnte

"Während die Verfassungsrichter ihr Urteil auf der Basis der in Deutschland geltenden Gesetze fällen müssen, entscheiden die Schiedsrichter nur nach grob definierten Kriterien, ob die Bundesregierung sich unrechtmäßig verhalten hat.
Während die einen Unternehmen also auf die jeweilige staatliche Rechtsprechung vertrauen müssen, gilt für die anderen eine Art Privatjustiz.
Das deutsche Verfassungsgericht urteilt 'im Namen des Volkes', aber in welchem Namen urteilen die Schiedsgerichte? Warum erhalten Investoren dieses Privileg der gesonderten Rechtsprechung? Warum nicht auch Umweltschützer oder Menschenrechtler?
Weil die Investoren dringend benötigtes Kapital ins Land bringen und neuen Wohlstand generieren. Deshalb genießen sie ein Sonderrecht. Das ist die Meinung, wie sie aus der Broschüre spricht, die der Vattenfall-Anwalt Richard Happ verfasst hat.
Weil die Welt zu einem Marktplatz verkommen ist und die Regierungen zu schwach sind, sich gegen das Großkapital durchzusetzen. So sieht Peter Fuchs die Dinge."

(Aus: DIE ZEIT, 27. Februar 2014, Nr. 10, S. 16)

Montag, 3. März 2014

Hans Blumenberg: Aus dem Nachlass Hans Blumenbergs - Eichmann – der «negative Held» des Staates Israel - Das folgende Textstück des Philosophen Hans Blumenberg ist einem der «unerlaubten Fragmente» entnommen, die sich in Blumenbergs Marbacher Nachlass finden; es hat den Titel «Moses der Ägypter» und datiert aus den späten 1980er Jahren.

Was der mythische Akt auf eine Figur konzentrieren muss, weil er sonst die Anschaulichkeit nicht erreichen kann, deren jede Begründung von Legitimität bedarf, erscheint der Politologin diffus. Darin denkt sie, entgegen ihrer Selbstdefinition, weder philosophisch noch politologisch, sondern soziologisch: Die Gesellschaft kann schuldig sein, aber Hauptschuldige lässt sie nicht mehr zu. Deshalb ist «Eichmann in Jerusalem» vor allem ein Buch gegen die Alleinschuld Eichmanns. Diese jedoch ist der politische Kern des Vorgangs, der durch jede Frage tangiert oder gar zerstört worden wäre, wer denn die mörderischen Bürokraten möglich gemacht hatte und sich nun hinter der imaginären Übergrösse des negativen Helden verstecken mochte. Aber man kann nicht beides zugleich haben: die Analyse und den Mythos.

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Piratenpartei: PIRATEN leaken geheime Dokumente aus EU-Freihandelsabkommen mit Kanada


Die Piratenpartei Deutschland hat soeben auf ihrer Webseite ein bisher geheim gehaltenes Dokument aus dem CETA-Freihandelsabkommen veröffentlicht. Die Verhandlungen dazu finden aktuell im Hinterzimmer zwischen Kanada und Europa statt.

Konkret handelt es sich dabei um das Kapitel »Immaterial Property Rights« (IPR), in dem es um geistige Eigentumsrechte, Patentrechte und Markenschutz geht. Der Urhe- berrechtsexperte und EU-Kandidat der Piratenpartei Deutschland, Bruno Gert Kramm, dem die Dokumente [1] zugespielt wurden, findet klare Worte für den bisher neuesten Beleg intransparenter Lobbypolitik auf europäischer Ebene:

»Die Dokumente offenbaren ein weiteres Mal das vollkommen aus dem Gleichgewicht geratene Selbstverständnis von EU-Kommissaren und Vertretern großer Konzerne und Verbände. Im Windschatten der oberflächlichen öffentlichen Debatte um Chlorhühn- chen im transatlantischen Freihandelsabkommen zwischen USA und Europa entsteht mit CETA ein weiteres Abkommen im Stile von ACTA«, so Kramm.
Aktuell werden die Freihandelsabkommen außerhalb der Öffentlichkeit und damit auch weitestgehend abseits des öffentlichen Interesses verhandelt. Dabei haben gerade Freihandelsabkommen als völkerrechtlich bindende Vereinbarungen handfeste Auswirk- ungen auf die nationale Gesetzgebung, kann der Gesetzgeber die mit den Abkommen eingegangenen internationalen Verpflichtungen im Nachhinein doch kaum noch ent- schärfen, modifizieren oder zurücknehmen.
»Den meisten Menschen sind die Auswirkungen von CETA und TAFTA auf die eigene, zunehmend digitalisierte Lebenswelt kaum bewusst. Doch die Zirkulation von Wissen, Schöpfungen und Informationen im Netz kennt keine nationalen Grenzen. Damit stellen gerade restriktive internationale Regeln eine Gefahr für das Wissen im Netz und seine Nutzer dar. Aus diesem Grund müssen bilaterale Abkommen wie CETA transparent und unter Berücksichtigung aller Interessensgruppen – und eben nicht nur der Industriever- bände und Unternehmen – ausgehandelt werden«, fordert Kramm weiter.
So enthält das von den PIRATEN veröffentlichte CETA-Kapitel zum geistigen Eigentum einige kritische Punkte, deren Auswirkungen auf die Störerhaftung und die Durchsetzung von Schadensansprüchen gegenüber Nutzern in ihrer Tragweite kaum zu spezifizieren sind. Weiterhin fällt die Erwähnung von Camcorderaufzeichnungen auf, die sowohl Licht- spielhäuser als auch öffentliche Aufführungen betreffen dürfte; hier birgt die im Vertrag vorgesehene Möglichkeit, bisher rein zivilrechtlich geahndete Durchsetzungen in den strafrechtlichen Bereich zu verlagern, nicht zu unterschätzende Gefahren für Privatper- sonen. Die Störerhaftung und die Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen und abgeleiteten Forderungen könnten durch CETA ebenso eine weitreichende Verschärfung erfahren.
Bruno Kramm kritisiert deshalb: »Wie schon bei ACTA und TTIP werden aus dem Elfen- beinturm heraus Bedingungen für den internationalen Handel über die Köpfe vieler hundert Millionen Bürger auf beiden Seiten des Atlantiks entschieden, ohne auch nur ein Quäntchen Mitbestimmung zu ermöglichen. Gerade im Zeitalter der digitalen Partizipa- tionsmöglichkeiten wie z. B. Onlinebefragungen und Volksabstimmungen stellt sich die Frage, ob nicht die grundsätzliche Legitimation dieser undemokratischen und entmün- digenden Handelsabkommen hinterfragt werden muss. Wenn Regierungen die ihnen auf Zeit anvertraute Hegemonie immer bereitwilliger an die Konzerne abtreten, die zuneh- mend die Bedingungen des gesellschaftlichen Miteinanders bestimmen, müssen die Bürger die Reißleine ziehen können.«
Neben notwendiger Transparenz und Mitbestimmung bei der Aushandlung solcher Ab- kommen stellt sich für die PIRATEN auch die Frage, ob in einer global vernetzten Welt der Handel ohne Grenzen überhaupt bilateral gelöst werden sollte oder nicht von vorn- herein multilateral und grenzenlos gedacht werden muss.

Link zum PDF-Dokument 


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Karam Khella: Medien und Hirnwäsche

Jede Herrschaft geht mit der Herrschaft über die Medien einher. Die Medienmacht greift scheinbar sanft ein und etabliert die sie tragende politische Herrschaft. Die geistige Diktatur auf der einen Seite und der Verfall der Kritikfähigkeit und Urteilskraft der Medienkonsumenten auf der anderen begründen die Macht der herrschenden Oligarchie. Was können wir tun im Angesicht der Übermacht der Medien und der Ohnmacht der Opposition?

Zeit: Donnerstag, 06. März 2014, 19 Uhr
Ort: Im Laden des Theorie und Praxis Verlags,
Hospitalstrasse 67a,  22767 Hamburg-Altona


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Donnerstag, 27. Februar 2014

Jörg Sundermeier: Der gefühlte Gulag - Thilo Sarrazin geriert sich als Opfer eines »neuen Tugendterrors«.

Vor allem geht es Sarrazin um die »Gleichheitsideologie«, die zu bekämpfen sei. Der Autor behauptet, dass die Medienvertreter, die in der Mehrheit links dächten (selbstverständlich hat er dafür eine Statistik), aus christlicher oder marxistischer Prägung heraus davon ausgingen, dass alle Menschen gleichwertig seien, für diese Idee von der Gleichheit die Fakten verfälschten und einen Tugendterror entfachten, der Sarrazin an die Schreckensherrschaft der Jakobiner und – selbstverständlich – Stalins erinnert. Unter Bezugnahme auf Elisabeth Noelle-Neumann redet er von einer »Schweigespirale«, mit der die Medien unliebsame Meinungen zu verdrängen suchten. Dass sein Buch vorabgedruckt wurde, er in großen Zeitungen und Sälen Gelegenheit hatte, sich zu verteidigen, reichte nicht. Denn noch hat er nicht alle Deutschen für sich und seine harschen Thesen gewinnen können, und das allein nötigt ihn dazu, in einem Buch die Political Correctness, die er für absolut dominant in den Medien hält, anzugreifen. Wenn er wüsste, wie wenig in den Medien über Lebensumstände oder Streiks von weniger Privilegierten zu lesen und zu hören ist, er wäre erschüttert. Wäre er das wirklich? Nein.

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Böckler-Impuls: Im Strudel der Deregulierung - Seit den 1970er-Jahren wandelte sich die Wirtschaft vom Real- zum Finanzkapitalismus. Das war keine zufällige Entwicklung. Der Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister erkennt ein Muster, nach dem Deregulierung regelmäßig Probleme schuf, die wiederum mit weiterer Deregulierung bekämpft wurden.

In kapitalistischen Marktwirtschaften sind unterschiedliche „Spielanordnungen“ möglich, schreibt Stephan Schulmeister vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO).* Die Phase vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die 1970er-Jahre bezeichnet der Ökonom als „realkapitalistische Spielanordnung“. In dieser Konstellation richtete sich das Profitstreben der Unternehmer fast ausschließlich auf Aktivitäten in der physischen Welt, also auf Investitionen in
Maschinen statt in Finanzderivate. Feste Wechselkurse, niedrige Realzinsen, stabile Rohstoffpreise und „schlummernde“ Aktienmärkte bildeten die Rahmenbedingungen. Die Konsequenz waren, so Schulmeister, hohe Wachstumsraten und anhaltende Vollbeschäftigung.

Dem realkapitalistischen Aufschwung schloss sich nach der Analyse des WIFO-Forschers der finanzkapitalistische Abschwung an: „Im Finanzkapitalismus dämpfen instabile Wechselkurse und Rohstoffpreise, über der Wachstumsrate liegende Zinssätze und boomende Aktienmärkte unternehmerische Aktivitäten in der Realwirtschaft, gleichzeitig werden Finanzspekulationen immer attraktiver.“ In dieser Konstellation gingen Wachstum und Beschäftigung zurück, die Staatsverschuldung stieg schneller. Den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung bilde die heutige europäische Beschäftigungs- und Staatsschuldenkrise, so Schulmeister.

Den langen Weg zur aktuellen Krise interpretiert der Forscher als eine Abfolge politischer Entscheidungen zum Abbau von Regulierungen zugunsten der Finanzwirtschaft. In der
realen Wirtschaft entstanden dadurch Krisen – deren Lösung weitere Deregulierungen bringen sollten, so Schulmeister. Er nennt dies den „neoliberalen Wechselschritt“. Zentrale Stationen
dieser Entwicklung:

Auf die Freigabe der zuvor festgeschriebenen Wechselkurse Anfang der 1970er-Jahre folgte ein massiver Wertverlust des US-Dollars, worauf die OPEC-Länder mit höheren Ölpreisen reagierten, was wiederum Rezessionen mit zunehmender Arbeitslosigkeit und starken Preissteigerungen
auslöste. Um die Inflation zu stoppen, setzten die Notenbanken auf Hochzinspolitik – in Europa lagen die Realzinsen seither fast durchgängig über der Wachstumsrate der Wirtschaftsleistung. Dadurch verschlechterte sich die Situation der produzierenden Wirtschaft, während Finanzanlagen
attraktiver wurden.

Mit der Deregulierung der Finanzmärkte und dem Aufkommen neuer Derivatemärkte in den 1980er-Jahren verlor die Realkapitalbildung gegenüber dem Finanzsektor weiter an Boden. Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung stiegen. Die politische Konsequenz: Die Staaten sollten sparen, besonders im Sozialbereich. Anfang der 1990er-Jahre fand diese Überzeugung in den Maastricht-Kriterien
Ausdruck. Inzwischen ist der sogenannte Fiskalpakt hinzugekommen.

Boomende Finanzmärkte und geschwächte Sozialstaaten
erhöhten die Ungleichheit und dämpften die Konsumnachfrage, so Schulmeister. Die Beschäftigung stagnierte weiter. Zum Abbau der Arbeitslosigkeit wurden nun die Arbeitsmärkte dereguliert und die Entstehung prekärer Jobs gefördert oder zugelassen.

Die Sozialkürzungen, etwa bei den staatlichen Rentensystemen, lieferten die Begründung für den Aufruf zu individueller Eigenvorsorge. Das spülte weitere Finanzmittel an die Börsen – wo institutionelle Anleger nach Schulmeisters Analysen systematisch im Vorteil gegenüber Kleinanlegern sind.

Die Expansion des Finanzsektors ließ dessen wichtigste Spieler so groß werden, dass sie bei drohender Insolvenz mit Steuermitteln gerettet werden müssen. Im Vertrauen darauf würden die „Finanzalchimisten“ die „selbstreferentielle Geldvermehrung“ noch intensivieren – unter anderem
mit billigem Geld, das die Notenbanken eigentlich zur Stützung der Realwirtschaft zur Verfügung stellen.

„Die neoliberalen Ökonomen und Politiker“ würden, so Schulmeister, zur Bewältigung der Krise dennoch weiter jene Therapien einfordern, „die Teil der Krankheit sind: Senkung der Staatsausgaben, umfassende Privatisierung, Schonung der Finanzvermögen, keine Erhöhung des Spitzensteuersatzes
oder sonstiger Beiträge der Bestverdiener“. Zwar rechnet der Forscher damit, dass sich die Entscheidungsträger in Zukunft auch wieder anderer Konzepte besinnen werden; etwa wenn der aktuelle Aktienboom zusammenbricht und erneut offenbar wird, dass die vermeintlichen Vermögenszuwächse fiktiv waren. Allerdings dürfte der Lernprozess dauern: „Die Geister, die man vor mehr als 40 Jahren gerufen hatte, wird man so schnell nicht wieder los.“

(Quelle: Böckler-Impuls 2/2014, S. 4)

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Dienstag, 25. Februar 2014

nachdenkseiten.de: „Sarrazins Correctness“ - Am Montag dieser Woche erschien Thilo Sarrazins neues Buch „Der neue Tugendterror“ mit einer unglaublichen Erstauflage von 100.000 Exemplaren. Für die Nachdenkseiten sprach Jens Wernicke mit dem Soziologen Andreas Kemper, der sich seit Langem kritisch mit Sarrazin und dessen Thesen auseinandersetzt. Seine Replik auf Sarrazins neues Buch wird ebenfalls in einigen Tagen im Buchhandel erhältlich sein.

"Der Begriff der „Bildungsunfähigkeit“ verbindet diese beiden Diskurse und in der Praxis soll die bürgerliche Heterofamilie zum Dreh- und Angelpunkt für sowohl Disziplinierung als auch für Bevölkerungspolitik gemacht werden. Hierzu hat Michel Foucault einiges geschrieben. Und auch Peter Brückner, der im Gegensatz zu Sarrazin jedoch tatsächlich einen Maulkorb erhielt. Zusammengefasst handelt es sich hier um den Versuch, mittels geschickter Subversion einen deutlich rechten Diskurs in der Mitte unserer Gesellschaft noch weiter salonfähig zu machen."

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Luciano Canfora: Das Jahr 1913 - Frühere und aktuelle Forschung zum Beginn des Ersten Weltkrieges

Die archivalischen und publizistischen Ausgrabungen Fischers führten zu bedeutsamen Ergebnissen, die von seinen Verleumdern nicht widerlegt werden konnten. Insbesondere hob Fischer das ständige Streben der tongebenden politischen Kreise des Reichs hervor, eine große von Deutschland kontrollierte geopolitische Zone zu schaffen, die mit dem vagen und suggestiven Begriff »Mitteleuropa« bezeichnet wurde. Man mußte gar nicht auf das Erscheinen von Friedrich Naumanns berühmtem Essay »Mitteleuropa« im Jahre 1916 warten, um Kenntnis von diesem Schlüsselwort der deutschen imperialen Ambitionen zu haben. Schon die von der Regierung und der deutschen Großindustrie gewollte Bahnlinie, die Deutschland mit Bagdad verbinden sollte, die Bagdadbahn, war ein ganz offenkundiges Zeichen für die geographische Ausdehnung des Gebiets, das mit der Mitteleuropakonzeption, und zwar schon lange vor dem Krieg, gemeint war (siehe jW-Thema vom 18.8 und 20.8.2007). (Noch am Vorabend der US-amerikanischen Aggression gegen den Irak war die bedeutendste kulturelle Einrichtung in Bagdad das Deutsche Archäologische Institut. Über Jahrzehnte und stürmische Ereignisse hinweg war es also bei dieser Ausdehnung des deutschen Einflusses in Richtung Mesopotamien geblieben.)

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Freitag, 21. Februar 2014

BdWi: Zum aktuellen Richtungskampf um die Hochschulreform - Erklärung des BdWi

 Derzeit ist ein heftiger, bundesweit mit großer Lautstärke geführter Streit um
einige Landeshochschulgesetznovellen entbrannt. Diese Novellen sind vom
verbalen politischen Anspruch getragen, alternative Entwicklungswege zur
»unternehmerischen Hochschule«, die sich etappenweise seit Ende der 90er Jahre
als hochschulpolitisches Leitbild in den meisten Bundesländern durchgesetzt hat,
zumindest zu erproben. Die Gegner dieser Initiativen bestimmen derzeit die
mediale Öffentlichkeit in ihren Versuchen, dieses der Betriebswirtschaftslehre
entstammende Leitbild verbissen zu verteidigen. Das Ganze hat Formen eines
Glaubenskrieges angenommen. Zugleich zeigen die Inkonsequenzen der vorliegenden
Novellen auch: Die unternehmerische Hochschule lässt sich nicht halb
abschaffen, sondern nur vollständig. Das gelingt nicht, wenn man ihre zentralen
autokratischen Strukturen weitgehend unangetastet lässt, indem man ihnen
lediglich etwas staatlichen Dirigismus beimengt sowie ein wenig Mitbestimmung
zulässt, ohne die akademische Selbstverwaltung und Gruppenvertretung gegenüber
Hochschulleitung und Hochschulrat substantiell zu stärken. Das sind die
wesentlichen Mängel etwa des Referentenentwurfes zum Hochschulzukunftsgesetz
(HZG) in Nordrhein-Westfalen.
Auseinandersetzungen wie diese prägen derzeit eine ganze Reihe von
Bundesländern. Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass die hegemoniale
Vormachtstellung des Prinzips unternehmerische Hochschule ideologisch erschöpft
ist, in einer spezifischen politischen Gemengelage, dessen Grundlagen aber
weiterhin die praktische Gestaltung von Hochschulgesetzentwürfen bestimmen können.
Will man das Leitbild der unternehmerischen Hochschule wirklich überwinden, muss
einer gänzlich anderen Logik wissenschaftlicher Autonomie und akademischer
Zusammenarbeit Raum gegeben werden. Träger dieser Autonomie sind nicht die
Hochschulleitungen, sondern die Subjekte des Wissenschaftsprozesses,
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ebenso wie Studierende, auch das
administrative Personal. Sie sind die eigentlichen Leistungserbringer der
Institution Hochschule. Nur ihre weitgehend gleichberechtigte Kooperation in den
Gremien der akademischen Selbstverwaltung, die produktiven Streit und
Interessenausgleich nicht ausschließt, ermöglicht die Verbindung von
wissenschaftlichem Erkenntnisfortschritt - unbeeinflusst von gesellschaftlichen
Partikularinteressen – mit gesellschaftlicher Verantwortung. Insbesondere die
Entscheidungsbefugnisse der Senate sind daher zu stärken. Dazu gehören die Wahl
der Hochschulleitung, die grundlegenden akademischen Angelegenheiten,
Haushalts- und Strukturfragen.
Ungeachtet der Inkonsequenzen des vorliegenden Gesetzentwurfes läuft derzeit
eine aggressive bundesweit koordinierte Kampagne gegen das HZG, in der sich
Rektoren, Präsidenten, Kanzler, Hochschulräte und ›Wirtschaftsvertreter‹
verbündet haben. Durch das HZG seien die »Freiheit der Wissenschaft« und die
»Autonomie der Hochschulen« gefährdet, tönt es allenthalben überregional. Die
Wissenschaftsfreiheit ist in der Tat ein verfassungsmäßig geschütztes Gut, die
operative Entscheidungsfreiheit der Hochschulleitungen, die in Wirklichkeit
gemeint ist, ist dies nicht. Die beschworene institutionelle Autonomie der
Hochschule wiederum wurzelt in der Wissenschaftsfreiheit und hat mit der
eigentlich gemeinten unternehmerischen exekutiven ›Autonomie‹ der
Hochschulleitungen gegenüber den Hochschulmitgliedern nicht das Geringste zu
tun. Die Kampagnentreiber könnten zwar mit dem neuen Gesetzentwurf ganz gut
leben, es geht ihnen aber offenbar um etwas ganz anderes: jeder Gedanke, es
könnte Alternativen zur unternehmerischen Hochschule geben, auch nur jede
Debatte darüber, wie Gesellschaft und Politik auf ein steuerfinanziertes
öffentliches Wissenschaftssystem legitimerweise Einfluss nehmen können, soll
offenbar im Keim erstickt werden. Man fürchtet offenbar die Einleitung eines
politischen Prozesses, an dessen Ende weitaus konsequentere Lösungen stehen
könnten als die aktuelle HZG-Fassung. Die bundesweite Auseinandersetzung um die
unternehmerische Hochschule wird daher stellvertretend in NRW ausgetragen.

Aber gerade in diesem Bundesland zeigt sich auch: Die Arbeitsbedingungen der
überwiegenden Mehrheit der Hochschulmitglieder in NRW – und damit auch der
Mehrheit der eigentlichen wissenschaftlichen Leistungserbringer – haben sich
seit Inkrafttreten des ›Hochschulfreiheitsgesetzes‹ (2007) auf Initiative des
damaligen FDP-geführten Wissenschaftsministeriums in engster Kooperation mit dem
Bertelsmann-Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) erheblich verschlechtert. Sie
haben folglich vom sturen Festhalten an der wissenschaftsfremden
›unternehmerischen‹ Hochschulkonstruktion, die bisher nirgendwo funktioniert
hat, nichts, von einer Stärkung ihrer Mitglieder- und Selbstverwaltungsrechte
hingegen viel zu gewinnen. Daher kommt es in nächster Zeit darauf an, diese
Mehrheit auch stärker politisch sichtbar zu machen und mit dieser
gesellschaftlichen Unterstützung einen wirklichen Reformprozess einzuleiten, der
weit über die vorliegenden Gesetzentwürfe hinausgeht.

Bonn und Marburg, den 17. Februar 2014

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meedia.de: Thomas Rabe und die Frage nach einem Stellenabbau beim stern - Die Zeit hat für ihre aktuelle Ausgabe (erscheint am morgigen Donnerstag) Bertelsmann-Chef Thomas Rabe interviewt. Götz Hamann aus der Wirtschaftsredaktion und Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo persönlich haben den obersten Bertelsmann getroffen. Neben vielen bekannten Aussagen, ist vor allem die Passage über Gruner + Jahr interessant. Die Zeit bringt mehrfach einen angeblichen Stellenabbau beim stern ins Gespräch.

 Rabe gesteht ein, im Bildungsgeschäft, dem er ähnlich großes Potenzial zutraut wie dem Musikgeschäft, noch nicht soweit zu sein, wie er erhofft hat. Und um die Bertelsmann Cash-Cow RTL Group macht er sich im Zeit-Interview gar keine Sorgen: “Das Geschäftsmodell ist robust, das fängt schon mit den steigenden Reichweiten an, wenn Sie klassisches und Online-Fernsehen zusammenzählen. Bewegtbild war nie so gefragt wie heute. Zweitens ist TV-Werbung hochgradig effizient und im Vergleich zu anderen Medien preiswert. Wenn Sie eine Marke auf breiter Ebene aufbauen wollen, ist es das einzige Medium, das eine kritische Nutzermasse erreicht.”

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Donnerstag, 13. Februar 2014

Steffen Roski: Dimitri Schostakowitsch - 7. Sinfonie (Vortrag am Montag, dem 24. Februar 2014, 18.30 Uhr, in der "Bedürfnisanstalt", Bleickenallee 26a, Ottensen)

Vor ziemlich genau 70 Jahren endete die Blockade Leningrads (8. September 1941 - 27. Januar 1944) durch die deutsche Wehrmacht sowie finnischer Truppen. 900 000 Zivilisten verloren infolge dieser Belagerung das Leben. Die Siebente Sinfonie Dimitri Schostakowitschs (1906-1975), die er der Stadt Leningrad widmete, erscheint in einem übertragenden Sinn gleichsam als musikalische Ikonografie des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Insbesondere der erste Satz dieses Werks, der das so genannte "Invasionsthema" enthält, erscheint vielen Interpreten als eine musikalische Auseinandersetzung mit den Nazi-Gräuel. Doch manches bleibt bei kritischem Hören der Musik rätselhaft. Steffen Roski stellt in einem Hör-Vortrag konkurrierende Interpretationen vor und lädt zur Diskussion ein. Er unternimmt diese Klang-Exkursion aus einer musikalischen Laienperspektive. Musikhörerinnen und -hörer sowie zeitgeschichtlich Interessierte sind herzlich willkommen!
Montag, 24. Februar 2014
18.30 Uhr
"Bedürfnisanstalt", Bleickenallee 26a, Ottensen

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Bjørn Lomborg: Der Biosprit-Wahnsinn. Die Biokraftstoff-Politik der EU kann die gesamten Emissionen in der Union wohl um kaum mehr als ein Promille reduzieren. Der vermehrte Widerstand gegen die zügellose Biospritindustrie könnte den Weg für eine rationale Klimaschutzpolitik ebenen.

"Sollte das Ziel der EU, im Jahr 2020 mindestens 10 Prozent des Bruttoenergieverbrauchs im Verkehrsbereich aus regenerativen Quellen bereitzustellen, komplett mit Biokraftstoffen realisiert werden ..., würden sich die Kosten für die EU-Steuerzahler auf etwa 13,8 Milliarden Euro erhöhen. Schon jetzt wird für den Anbau von Energiepflanzen in der EU ein Anbaugebiet größer als die Fläche Belgiens oder aller Agrarflächen Portugals benötigt, was die natürliche Landschaft Europas stark beeinflusst. Diese Anbaugebiete für Biokraftstoffe verbrauchen mehr Wasser als die Flüsse Elbe und Seine gemeinsam. Aus moralischer Sicht am bedenklichsten ist es jedoch, dass in einer Welt, in der fast eine Milliarde Menschen hungern, Nahrungsmittel und Ackerland zur Kraftstoffherstellung zweckentfremdet werden. Laut Schätzungen wird für die europäische Biokraftstoff-Produktion eine Nutzfläche gebraucht, auf der genügend Nahrungsmittel angebaut werden könnten, um 100 Millionen hungernde Menschen zu ernähren. Das Biokraftstoff-Programm der USA, welches fast zweimal so gross ist, verbrennt etwa 5 Prozent der weltweit produzierten Kalorien."

(Aus: Neue Zürcher Zeitung, 13. Februar 2014, Nr. 36, S. 21)

Samstag, 1. Februar 2014

David R. L. Litchfield: Massaker von Rechnitz - Die Gastgeberin der Hölle - Fast zweihundert Juden wurden in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945, kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee, im österreichischen Rechnitz erschossen. Die Täter waren Gäste eines Festes, das die Gräfin Margit Batthyány auf ihrem Schloss ausrichtete. Darüber wurde bis heute nicht gesprochen.

Keine der bislang in Büchern oder Zeitschriften veröffentlichen Darstellungen zur Familien- oder Unternehmensgeschichte der Thyssens erwähnt die Ereignisse in Rechnitz oder beschreibt die Verwicklung der Familie in die Geschichte des „Dritten Reichs“ in ihrem vollen Umfang. Als ein zur Bertelsmann-Gruppe gehörender spanischer Verlag in letzter Minute verlangte, vor einer Veröffentlichung der spanischen Übersetzung meines Buches „The Thyssen Art Macabre“ (Quartet Books, London 2006), in dem ich erstmals über die Beteiligung von Margit von Batthyány am Massaker von Rechnitz berichtet habe, müssten erst alle Hinweise auf die Nationalsozialisten getilgt werden, fiel es mir schwer, nicht an eine Verschwörung zu denken. Die spanische Übersetzung ist inzwischen beim Verlag Temas de Hoy erschienen, wo man keine derartigen Forderungen stellte. Auf einen deutschen Verlag warte ich bis heute.

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Freitag, 31. Januar 2014

Aaron Kirchfeld, Ruth David und Cornelius Rahn: Bertelsmann holt Lazard für Verkauf von RTL-Group-Aktien, Kreise - Bertelsmann SE, der größte europäische Medienkonzern, plant Aktien der RTL Group SA am Markt zu platzieren und hat dafür Lazard Ltd. an Bord geholt.

Bertelsmann SE, der größte europäische Medienkonzern, plant Aktien der RTL Group SA am Markt zu platzieren und hat dafür Lazard Ltd. an Bord geholt. Das erfuhr Bloomberg News am späten Mittwoch aus informierten Kreisen. Den Angaben zufolge werden Bertelsmann und Lazard wohl noch in diesem Monat Investmentbanken auswählen, welche die Transaktion als Konsortialführer begleiten sollen. Die Banken würden die Aktien vermarkten, als handele es sich um ein IPO - da Bertelsmann rund 92,3 Prozent der RTL-Titel besitzt.

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Ralf-Dieter Brunowsky: Panikattacken als Chef von Bertelsmann - geht das?

Hartmut Ostrowski war von 2008 bis 2011 Vorstandsvorsitzender des Bertelsmann-Konzerns (heute 110 000 Mitarbeiter, 16 Milliarden Umsatz). 2011 wechselte er "aus persönlichen Gründen" in den Aufsichtsrat. In Gabriele Fischers Magazin "Brand eins" kann man jetzt nachlesen, was diese persönlichen Gründe waren - ein höchst seltenes Bekenntnis: "Es war eine sehr schwierige Zeit, eine Belastung, die dann auch zu psychosomatischen Problemen führte. Zum Beispiel in Form von Beklemmungsgefühlen, plötzlichem Herzklopfen, Angstzuständen bis hin zu Panikattacken."

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Freitag, 24. Januar 2014

Olga Martynova: Unsere neue Postmoderne - Erinnerung an die Zukunft - Die «klassische» Postmoderne erreichte ihren Höhepunkt zwischen den späten siebziger und frühen neunziger Jahren. Inzwischen ist ihr Stil historisch geworden, die postmoderne Situation aber dauert an. Was bedeutet die Ermüdung vom Stil der Ermüdung, der Verspieltheit und der Ironie für die Literatur?

Die Postmoderne wurde geboren aus der Verzweiflung, die eine Folge der Übersättigung war. Die Poststrukturalisten beschrieben sie als Erschöpfungserscheinung, in der Annahme, dass jeder Text immer nur ein Cento und ein Palimpsest sei, also die Kombination aus bereits Gesagtem, die auf ein bereits beschriebenes Blatt eingetragen wird. Nicht nur Literatur, das Wissen eines jeden Menschen ist danach eine gigantische Lego-Konstruktion, ein genuin schöpferischer Akt erscheint daher unmöglich. Die Schriftsteller hätten dem entgegenhalten können, der Sinn der Literatur liege darin, eben dieses zu widerlegen: Jedes gelungene Werk sei eine Neuerschaffung der Sprache, und lieber solle sich ein Autor der Lächerlichkeit preisgeben, als in der Sicherheit des Banalen zu verharren. In den Bahnen der Banalität jedoch bewegte sich die Postmoderne nur allzu gerne, was auch ihren Erfolg mit ausmachte. Ihre Autoren fühlten sich beflügelt durch die Lizenz, in den grossen Topf der Literaturgeschichte zu greifen und alles Mögliche miteinander zu kombinieren.

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Nina Fargahi: Manipulation des Weltwissens - Wikipedia wird zur Werbeplattform - Die Online-Enzyklopädie Wikipedia wird zunehmend von Firmen, Parteien und Lobbyisten ins Visier genommen. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie.

Die Struktur des digitalen Nachschlagewerks kann PR kaum verhindern: Jeder kann sich einbringen, Artikel verfassen, ändern und ergänzen. «Wikipedia ist keine technische Innovation, sondern eine soziale», schrieb einst Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. Es besteht weder Registrierungs- noch Pflicht zum Klarnamen. Zwar werden die Änderungen von Administratoren gesichtet und können wieder rückgängig gemacht werden. Benutzer werden zu Administratoren, indem sie eine Kandidatur erfolgreich abschliessen. Mit diesem Status sind sie befugt, Benutzerkonti zu sperren und Seiten zu löschen. Doch über diese Wissenswächter bei Wikipedia sei nur wenig bekannt, so die Studie. Wikipedia verfügt zwar über gewisse Kontrollmechanismen, doch sind diese begrenzt. Immer wieder treten Fälle ans Licht, in denen Firmen ihr Image in Wikipedia aufpolieren. Professionell wird diese Arbeit auch von Unternehmen übernommen, wie beispielsweise Wiki-PR, das darauf spezialisiert ist, Wikipedia-Artikel zugunsten zahlender Kunden zu bearbeiten. Erst kürzlich geriet diese Firma in die Schlagzeilen, nachdem Wikipedia mehr als 250 Benutzerkonti von bezahlten PR-Agenten geschlossen hatte.

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Olaf Karnik: Library-Musik - Eine Parallelwelt des Pop - Einst als Musik zur Vertonung von Medienproduktionen gedacht, erlangte Library-Musik über die Wiederentdeckung durch DJ, Produzenten und «Digger» geradezu Kultstatus. Immer mehr Tonträger dieser obskuren Sparte werden heute wiederveröffentlicht.

Mit ausgewählten Veröffentlichungen italienischer Library-Produktionen von Egisto Macchi, Alessandro Alessandroni oder Teisco macht James Pianta kommerziell nie erhältliche Meilensteine des Library-Œuvre auch für ein breiteres Publikum zugänglich. Insbesondere die Musik auf Egisto Macchis «Voix» und «I Futuribili» ist eine faszinierende Erweiterung der von Ennio Morricone und seiner Improvisationsgruppe Nuova Consonanza (dessen Mitglied Macchi war) in den frühen 1970er Jahren etablierten musikalischen Sprache. Versatzstücke der freien Improvisation, Italo-Western-Choräle und präpariertes Klavier, elektronische Klangbearbeitung und Pop fliessen hier auf eine nie gehörte Weise ineinander. – Ähnlich bestechend klingt auch «Prisma Sonore» des langjährigen Morricone-Begleiters und Soundtrack-Komponisten Alessandro Alessandroni: Das ist psychedelischer Orchester-Pop, dessen zuckersüsse Melodien und alternierende Klänge sich über alle Koordinaten des akustischen Raums ausbreiten.

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Donnerstag, 23. Januar 2014

Klaus Meschkat: Der Fall Kissinger

Eine deutsche Universität hat sich bereitgefunden, durch die Namensgebung einer
hauptsächlich aus Mitteln  des Verteidigungsministeriums eingerichteten
Professur einen besonders fragwürdigen Politiker zu ehren. Henry Kissinger müßte
sich nach Ansicht seiner Kritiker eigentlich vor einem internationalen Tribunal
für seine Beteiligung bei der Anzettelung, Verlängerung und Ausweitung
verbrecherischer Kriege, für seine Komplizenschaft bei der Entstabilisierung
einer demokratischen Regierung und für seine Unterstützung mörderischer
Militärdiktaturen verantworten.

Die schweren Vorwürfe gegen Henry Kissinger werden von Zeithistorikern und
Politikwissenschaftlern erhoben, die sich gründlich mit den US-amerikanischen
Aktivitäten in Asien und Lateinamerika in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts beschäftigt haben. Hochschulautoritäten, die solche auf
quellengestützten Forschungen basierenden Erkenntnisse ignorieren oder
selbstherrlich beiseite schieben, stellen damit universitär betriebene
Wissenschaft und damit im Grunde ihre eigene Existenzberechtigung in Frage. Wenn
bundesdeutsche Minister bei der Bewertung von Henry Kissinger andere Maßstäbe
anlegen, die entweder unentschuldbarer Ignoranz oder politischem Opportunismus
entsprechen, sollten sie wenigstens davon absehen, auch noch als Förderer
völkerrechtsverpflichteter Forschung und Lehre aufzutreten.

In der Abwehr solcher Kritik sucht ein Sprecher der Universität zu Argumenten
Zuflucht,  deren Implikationen bedacht werden müssen. Kissinger als Person möge
ambivalent zu bewerten sein – „ausschlaggebend für die Professur ist jedoch vor
allem sein positives Wirken für Deutschland und insbesondere die
deutsch-amerikanischen Beziehungen“.  Einmal ungeprüft unterstellt, Kissinger
habe „für Deutschland“ positiv gewirkt – kann dies die Unzahl getöteter und
verstümmelter „Nichtdeutscher“ aufwiegen, die der von Kissinger zu
verantwortenden Politik in Asien und Südamerika zum Opfer gefallen sind?  Und
sogar bei einer eigentlich unvertretbaren Hinnahme der menschenverachtenden
Blickverengung auf „Deutschland“: War denn Elisabeth Käsemann, Tochter eines
Tübinger Theologen, keine Deutsche, als sie von den Schergen der argentinischen
Militärjunta 1977 bestialisch gefoltert und ohne Gerichtsverfahren hingerichtet
wurde? Dies und die Ermordung des Deutschen  Klaus Zieschank geschah, nachdem
US-Außenminister  Kissinger in einem Gespräch mit seinem Junta-Kollegen Guzetti
sein Verständnis für die repressiven Maßnahmen des Militärregimes bekundet und
seinen gegen dessen Exzesse protestierenden  Botschafter desavouiert hatte  –
all dies belegt durch Dokumente, die seit einem Jahrzehnt öffentlich zugänglich
sind.

Die Herren, die die Ehrung von Henry Kissinger durch die Universität Bonn zu
verantworten haben, könnten und müßten all dies wissen. Auch das zuständige
Ministerium in Nordrhein-Westfalen, auf dessen uneingeschränkte Zustimmung sich
der Referent des Rektors beruft. Die Tatsache, daß Henry Kissinger 1938 mit
seiner jüdischen Familie 1938 aus Nazideutschland fliehen mußte, läßt seine
spätere Komplizenschaft mit rechtsextremen Gewaltregimes erstaunlich erscheinen,
ist aber kaum geeignet, ihn zu entschuldigen. Kissingers Biographie wie auch
seine möglichen Verdienste um Maßnahmen entspannungsfördernder Außenpolitik etwa
im Verhältnis USA-China könnten bei einem möglichen internationalen Prozeß gegen
ihn vielleicht als mildernde Umstände gewürdigt werden, seine Verstrickung in
Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen wird dadurch nicht aufgehoben.

Die Universität Bonn möchte einen Mann ehren, der durch seine nachweisbare
Beteiligung an der Vorbereitung des Sturzes von Salvador Allende auch
mitschuldig wurde an der Zerstörung des akademischen Lebens in Chile während der
Pinochet-Diktatur, an Verfolgung, Tod und Exil vieler chilenischer
Wissenschaftler.  Kissingers Ehrung zum Zeitpunkt des 40. Jahrestages  des
Pinochet-Putsches ist eine Verhöhnung seiner Opfer und ein Schlag ins Gesicht
derer, die den Putsch überlebt haben. Ein Skandal ist nicht nur das Verhalten
der Universität Bonn, sondern auch die weitgehende Gleichgültigkeit einer
demokratischen Öffentlichkeit in der Bundesrepublik, die trotz der
begrüßenswerten Aktivitäten eines vorwiegend studentischen  Protestbündnisses in
Bonn den „Fall Kissinger“ bisher kaum zur Kenntnis genommen hat."
 

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Henning Füller & Georg Glasze: Gated communities und andere Formen abgegrenzten Wohnens

In der symbolischen Abgrenzung nach außen und einem klar markierten Lebensstilangebot nach innen weisen zahlreiche aktuelle Projekte innerstädtischen Luxuswohnens Parallelen zu klassischen gated communities auf. Auch das hochpreisige innerstädtische Wohnen schafft einen exklusiven "semi-privaten" Bereich mit klar vorgegebener Ästhetik. Die Wohnprojekte tragen in markanter Weise zu einer "Verhäuslichung" des Städtischen bei.[19] In den urban villages, Hofgärten und Atrien entstehen homogene, konsensuale, vorhersehbare und abgeschlossene Räume. Von der Anlage her kontrastieren die Räume innerstädtischen Luxuswohnens mit den idealtypischen Kennzeichen von Öffentlichkeit im Sinne von Pluralität, Begegnungen, Spontanität und Konflikt.

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Bundeszentrale für politische Bildung: Geheimsache Ghettofilm - Im Mai 1942 dreht ein NS-Filmteam im Warschauer Ghetto. Daraus entsteht das Fragment "Ghetto", ein Rohschnitt ohne Ton. In "Geheimsache Ghettofilm" untersucht Yael Hersonski die verstörenden Propaganda-Aufnahmen. Auf der DVD befindet sich neben Hersonskis Dokumentarfilm ein Datenteil mit zusätzlichen Informationen zur Geschichte des Filmmaterials und des Warschauer Ghettos.

Im Mai 1942, wenige Wochen bevor dort die Deportationen und der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung begannen, drehte ein NS-Filmteam im Warschauer Ghetto. Über den genauen Zweck des Films ist nichts bekannt, ein erster Rohschnitt wurde nie fertiggestellt. In den 1990er-Jahren tauchte herausgeschnittenes Filmmaterial auf, das zeigt, wie die Aufnahmen in Szene gesetzt wurden, um der antisemitischen Propaganda zu dienen.Die israelische Regisseurin Yael Hersonski macht den Rohschnitt des Propagandafilms zum Gegenstand ihres Films "Geheimsache Ghettofilm". Hersonski beleuchtet die Filmarbeiten im Ghetto und entlarvt die Inszenierung der Filmaufnahmen – auch indem sie Zeitzeugen interviewt und historische Dokumente ehemaliger Ghettobewohner vertont.

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Dienstag, 21. Januar 2014

Volker Ullrich: Nun schlittern sie wieder. Mit Clark gegen Fischer: Deutschlands Konservative sehen Kaiser und Reich in der Kriegsschuldfrage endlich rehabilitiert

In solchen Attacken wird deutlich, worauf der teils schrille deutsche Jubel über Clarks Schlafwandler letztlich zielt: Es geht um eine geschichtspolitische Weichenstellung. Was den Konservativen im "Historikerstreit" der achtziger Jahre noch missglückte - nämlich die Deutungshoheit über die deutsche Geschichte zurückzugewinnen -, das soll jetzt gelingen. Es fällt auf, wie matt der Widerspruch bislang war. In der Zunft scheint man des Streites müde geworden zu sein.
Christopher Clarks Buch ist in England sehr viel zurückhaltender aufgenommen worden als in Deutschland. Es überrasche ihn, merkte etwa der Rezensent des Spectator ironisch an, dass Clark bei seinen Vorlesungen noch keine Pickelhaube trage. Hierzulande gilt der sympathische Historiker aus Cambridge, nicht zuletzt wegen seiner australischen Herkunft, als unvoreingenommen; von ihm lässt man sich gern Versöhnliches über die preußisch-deutsche Geschichte sagen. So kann man von konservativer Seite denn auch problemlos anknüpfen an die nationale "Meistererzählung" zum Ersten Weltkrieg, wie sie vor der Fischer-Kontroverse kanonische Geltung besaß.
(Aus: DIE ZEIT, 16. Januar 2014, Nr. 4, S. 17)

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Freitag, 17. Januar 2014

David Cole: The Three Leakers and What to Do About Them - Secrets and Leaks: The Dilemma of State Secrecy by Rahul Sagar Princeton University Press, 281 pp. - Fighting for the Press: The Inside Story of the Pentagon Papers and Other Battles by James C. Goodale CUNY Journalism Press, 260 pp.


Were Snowden’s leaks justified? Rahul Sagar’s Secrets and Leaks sheds important light on the question. In carefully argued and lucid prose, Sagar, a professor of politics at Princeton, argues that secrets are inevitable, as are leaks—and that leaks have an important if precarious part in checking secrecy abuse. The power to declare information secret, like many other authorities, is both essential and susceptible to misuse. In theory, formal legal checks on executive power to determine what should and should not be secret would be preferable to leaving abuse-checking to leakers who take it upon themselves to break the law. But, Sagar contends, the two principal alternative candidates for implementing formal oversight—the courts and Congress—are each unlikely to perform the function effectively.


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R.J.W. Evans: ‘The Greatest Catastrophe the World Has Seen’ - The War That Ended Peace: The Road to 1914 by Margaret MacMillan Random House, 739 pp. - 1913: In Search of the World Before the Great War by Charles Emmerson PublicAffairs, 526 pp. - The Russian Origins of the First World War by Sean McMeekin Belknap Press/Harvard University Press, 324 pp. - July 1914: Countdown to War by Sean McMeekin Basic Books, 461 pp. - The Sleepwalkers: How Europe Went to War in 1914 by Christopher Clark Harper, 697 pp. - Catastrophe 1914: Europe Goes to War by Max Hastings Knopf, 628 pp.


How simple it had all seemed to Gavrilo Princip on that sunny summer day in 1914! “I am not a criminal,” he told his prosecutors, “because I destroyed that which was evil.”9 How much more evil had he unleashed. Still to come, after some strange and unreal local truces had been briefly implemented at Christmas 1914, were tanks and gas; air bombardments (anticipated already by German strafing of the east coast of England); an Alpine “white war” on the most merciless of all the fronts once Italy entered the fray; massacres of Armenians by Turks and Arab uprisings; the battles of the Somme and Verdun; German U-boats taking hostilities to the US—where Wilson’s inaugural address in 1913 had not even mentioned international affairs; the African and Asian fronts; the revolution and prostration of many of the belligerents; 16 million killed and 20 million wounded.


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Allan Guggenbühl: «Schräge» Lehrer, begeisterte Schüler - Leidenschaft und Interesse - Menschen lernen von klein auf – und ausdauernd. In der Schule aber sinkt bei vielen Kindern und Jugendlichen ab der Vorpubertät die Lernbegeisterung. Lehrerinnen und Lehrer, die ein wenig «anders» sind, können Abhilfe schaffen.


Es gibt noch einen weiteren Grund, wieso Schüler sich für ein Thema interessieren. Es geht um die Sehnsucht nach dem Aussergewöhnlichen. Die amerikanische Psychologin Joan Lucariello untersuchte die Spontanrede von Schülern. Was erzählen sie freiwillig und unaufgefordert ihren Eltern und Lehrpersonen? Der Befund war eindeutig: Es handelt sich vor allem um Ereignisse und Themen ausserhalb des normalen Tagesablaufs: Verrücktheiten, Überraschungen, Anstössiges oder Gewalt. Der Normalität wurde keine grosse Aufmerksamkeit geschenkt, Normalität war langweilig. Es gibt einen entwicklungspsychologischen Grund dafür: Das Denken wird geschärft, wenn man sich mit Unerklärlichem befasst. Wissen jenseits des Bildungskanons macht wach und aufmerksam. Aus diesem Grund schauen auch wir Erwachsenen uns die «Tagesschau» an: Reguläre Ereignisse würden die Einschaltquoten auf null sinken lassen. Jugendliche erkennen sehr rasch, was der Bildungskanon von ihnen will, und drohen sich von ihm abzuwenden.


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Mittwoch, 15. Januar 2014

Anatol Lieven: Afghanistan - The Desert of Death


Of course, just as in the late 1980s, such deals threaten both the central government’s and the Talban high command’s control over their local commanders. Rather than the Taliban sweeping Vietnam-style over the ramparts and destroying the regime after US forces withdrawal, what we may well see in southern Afghanistan for a number of years to come is a patchwork of local truces in some areas and battles in others, depending largely on local tribal rivalries, and agreement (or lack of it) on the division of the heroin trade. As after 1989, however, this situation is unlikely to be stable, for such local compromises are deeply vulnerable to pressures from powerful outside forces, in Afghanistan itself and in the region.


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Roman Bucheli: Das John-Cage-Projekt in Halberstadt - Das langsamste Orgelkonzert der Welt - Seit 2001 wird in der Burchardi-Kirche in Halberstadt John Cages Orgelwerk «ORGAN2/ASLSP» aufgeführt. «So langsam wie möglich», lautete die Anweisung des Komponisten für die Aufführung. Das nimmt man in Halberstadt so wörtlich wie möglich. Das Konzert dauert 639 Jahre.


Öffnet der Besucher die Tür der Burchardi-Kirche, steht er im leer geräumten Langhaus der romanischen Kirche, die einer Ruine eher als einem Sakralbau gleicht. Das Vibrieren und Wummern erfasst ihn im Klangraum, er hört den nunmehr aus fünf Orgelpfeifen erklingenden Akkord. Von der Orgel selber indes sieht er vorerst nichts. Sie befindet sich im südlichen Querhaus, ihr gegenüber, im nördlichen Querhaus, der Blasebalg. Seltsam sacht, schwebend fast erfüllt der Klang den Raum, der sich nun, da der Besucher sich gegen den Chor hin bewegt, verwandelt: Mit jedem Schritt, nein, schon bei der kleinsten Kopfdrehung hört er sich anders an, bald tiefer, bald höher, einmal überwiegt das Wummern, dann ein Sirren. Mystisch oder magisch möchte man es nennen, aber der nüchterne, von Zeit und Geschichte gezeichnete Raum verbietet solches Pathos.


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Donnerstag, 9. Januar 2014

CHRISTINE KÄPPELER: "Man haut nicht das eigene Viertel zu Klump“ - Hamburg: An dem autonomen Kulturzentrum Rote Flora hat sich ein Machtkampf entzündet. Ted Gaier von den Goldenen Zitronen erzählt, wie er die Auseinandersetzungen erlebt hat

"Eigentlich war ich immer der Meinung, dass diese Trennung von Militanten versus Friedlichen nicht funktioniert. Es gab bei fast allen Kämpfen der letzten fünfzig Jahre alle möglichen Protestformen, die in ihrer Unterschiedlichkeit zusammengedacht werden müssen. In Wackersdorf, Gorleben zum Beispiel. Und in der Hafenstrasse, die es so heute bestimmt nicht gäbe, hätte man damals nicht das Gewaltmonopol des Staates gebrochen. Aber das Problem mit dem sogenannten Schwarzen Block ist schon, dass sich von dieser Seite niemals jemand in einem Vorbereitungsplenum hinstellt und klar sagt: „Unser Ziel ist eigentlich nicht die Frage, was mit den Esso-Häusern oder mit der Roten Flora passiert, im Grunde genommen halten wir das für Kleinscheiß, sondern es geht uns darum, unseren Hass auf die Bullen zu artikulieren.“ Darauf könnte man sagen: „Dann seid ihr halt falsch hier, hier geht es jetzt um den konkreten Stadtbezug.“ Die Esso-Häuser und der Kampf der Lampedusa-Flüchtlinge sind nunmal keine anarchistischen Projekte, und die Rote Flora lebt auch von ihrer Akzeptanz im Schanzenviertel. Ausserdem – wie sagt die alte Gaunerweisheit: „Man haut das eigene Viertel nicht zu Klump". Ich finde, es ist eigentlich ein Riesenerfolg der Flora, dass sie eine derartige Akzeptanz im Viertel hat, obwohl sie bisher kaum Zugeständnisse an den realexistierenden Kapitalismus um sie herum gemacht hat. Wenn die Flora-Leute heute durchs Viertel gehen und Unterschriften sammeln, erklärt die Hälfte der umliegenden kleinen Läden ihre Solidarität."

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Mittwoch, 8. Januar 2014

Eva Völpel: Erwartbarer Dämpfer - Die Spaltung von Belegschaften bei Arbeitskämpfen ist nichts Neues. In diesem Fall zeigt sich, dass Amazon ein schwieriger Gegner für Verdi ist.

Die aktuellen Entwicklungen zeigen vor allem eines: dass Amazon ein schwieriger Gegner ist. Das Unternehmen siedelt sich nicht nur mit Vorliebe in strukturschwachen Regionen an, in denen Arbeitsplätze begehrt sind. Es zieht in dem Konflikt mit Verdi auch alle Register. Streikerfolge, wie die plötzlich doch mögliche Auszahlung von Weihnachtsgeld, werden umgedeutet als generöse Geste, Beeinträchtigung des Weihnachtsgeschäfts durch Arbeitsniederlegungen werden bestritten. Das klingt zwar nach Märchenstunde, aber niemand kann es nachprüfen.

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Hans-Jürgen Beijing: Politische Ökonomie des Welthandels – Transformationsprozesse und Machtbeziehungen

Mit Beginn der Weltfinanzkrise 2007 änderte sich dann allerdings die handelspolitische Agenda. Fortan ging es nicht mehr primär darum, den Liberalisierungsprozess zu forcieren, sondern protektionistische Alleingänge und einen Zusammenbruch der Weltwirtschaft abzuwehren. Nicht selten wurde an die Abwertungswettläufe und Handelsbarrieren erinnert, die im Anschluss an die Krise von 1929 einen sich wechselseitig aufschaukelnden Protektionismus herbeigeführt hatten. Tatsächlich gab es einige Indikatoren, die derartige Befürchtungen als nicht unbegründet erscheinen ließen. So brach der Welthandel im Jahr 2009 um 1,2 Prozent drastisch ein; ein Einbruch, der vor allem der nachfragebedingten Rezession in den OECD-Staaten und der (inter-)national beeinträchtigten Kreditvergabe geschuldet war.[19] Darüber hinaus hatten die Regierungen vieler Länder Konjunkturprogramme aufgelegt, in denen die einheimischen Unternehmen durch spezifische Komponenten nicht selten deutlich begünstigt, ausländische Konkurrenten mithin diskriminiert wurden. Letztlich blieb eine ähnliche Entwicklung wie in den 1930er Jahren aus.

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Nikolaus Wolf: Kurze Geschichte der Weltwirtschaft

Der Kern der "Zweiten Globalisierung", die Fragmentierung der Wertschöpfungsketten, steht im Gegensatz zur Spezialisierung der "Ersten Globalisierung". Auch wenn Tendenzen dazu schon weitaus früher zu beobachten waren, haben damit viele Unternehmen einen qualitativ neuen Charakter bekommen. In gewisser Ähnlichkeit zu den Fernhandelskaufleuten im Hochmittelalter haben sie sich von ihren Ursprungsländern gelöst und sind zu globalen Akteuren geworden, die sich durch ihre Mobilität nur noch schwer durch politische Institutionen kontrollieren lassen. Die Veränderung der Informations- und Kommunikationstechnologie hat außerdem zu einer enormen Aufwertung von Banken und Finanzmärkten geführt, welche die globale Fragmentierung der Produktion finanzieren und länderspezifische Risiken absichern.

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Sonntag, 5. Januar 2014

Reinhard Jellen: "Armutslöhne haben eine wichtige Funktion" - Arbeits- und Sozialrechtsprofessorin Helga Spindler über den Zusammenhang von Armut und wirtschaftlicher Prosperität. Teil 1

"Diese Entwicklung zeigt, wie fatal es ist, Armut nur mit niedriger Qualifikation oder mit Arbeitslosigkeit gleichzusetzen, weil dann die falschen Schlüsse gezogen werden können. Wenn Armut zum Beispiel hauptsächlich mit Arbeitslosigkeit verbunden wird, dann scheint die beste Gegenstrategie darin zu liegen, Menschen in Arbeit zu bringen. In welche Arbeit zu welchen Löhnen ist dann kein Thema und schon scheint Armut erfolgreich bekämpft. Übereinstimmend bewerteten sowohl Sozialdemokraten als auch die schwarz-gelbe Koalition, Kanzlerin und Kanzlerkandidat, als Erfolg der Hartz-Reform, dass wir weniger Arbeitslose und mehr Beschäftigte haben, was sie mit den von ihnen vorgelegten Statistiken auch belegen können. Ob wir damit auch mehr oder weniger Arme haben, interessiert sie nach dieser Definitionsverschiebung nicht mehr. Einstimmig gelobt wird die sinkende Arbeitslosenquote, sogar die sinkende Unterbeschäftigungsquote und die sinkende SGB II-Hilfe-Quote, alles Zahlen, die man durch statistische Tricks, Umstellung der Erhebungsmethode, Beschäftigung weit unter Qualifikationsniveau und gewünschter Vollzeit, abschreckendes Behördenhandeln und mangelnde Beratung beeinflussen kann. Gemeinsam ist allen diesen Zahlen, dass sie keinerlei Auskunft über eine weiter bestehende Armut in den Haushalten geben."

Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.

Samstag, 4. Januar 2014

Steffen und Linus Roski: Besuch der Sammlung Falckenberg am 4. Januar 2014 (Santiago Sierra)

Eine der letzten Möglichkeiten in Hamburg die Werkschau Santiago Sierras zu besichtigen, bot sich uns heute. Was ist über Sierra zu sagen? Mindestens drei Dinge: Der Spanier setzt sich in seinen Werken und Installationen mit

  • den geschichtlichen Kontexten von Kunst,
  • der skulpturalen Dimension künstlerischen Schaffens und
  • dem Faktor menschlicher Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft

auseinander. Dabei ist er der Tendenz nach anarchistisch und damit herrschaftskritisch, leugnet dabei aber keineswegs seine genuine Zugehörigkeit zum System kapitalistischer Ausbeutung und Unterdrückung. Dies hinterlässt beim Betrachter gelegentlich ambivalente Gefühle.

Linus hat besonders ein großformatiges Transparent mit der Aufschrift

Inländer raus!
gefallen, das der Künstler auf der Urlaubsinsel Mallorca zeigen ließ.

Beeindruckt waren wir vor allem von einer Großrauminstallation, die per Video festgehalten wurde: Sie zeigte, von stalinistischer Musik unterlegt, eine Parade der seit 1975 in Spanien Herrschenden, beginnend mit Franco. Dabei wurden die großformatigen Leinwände auf dem Kopf stehend auf Staarskarossen platziert und auf einer Madrilener Prachtavenue präsentiert.















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