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Montag, 7. September 2015

Steffen Roski: CEWE Photo Award 2015, Hamburg, Deichtorhallen

Unter dem selten bescheuerten Titel "Our world is beautiful" findet man seitlich vor den Deichtorhallen Stellwände mit den preisgekrönten Fotografien des o.a. Wettbewerbs. Im Begleittext heißt es im Weichspüljargon der Kunst- und Sponsoringszene: "Die Schönheiten der Welt entdecken und fotografieren - dazu hatte CEWE, Europas führender Fotoservice und innovativer Online Druckpartner, mit dem großen Fotowettbewerb 'Our world is beautiful' aufgerufen. Über 94.000 Einreichungen aus aller Welt bewarben sich bis Frühjahr 2015 um die Preise im Gesamtwert von mehr als 80.000 Euro und wurden von einer Fachjury in sechs Kategorien (Architektur, Landschaften, Natur, Menschen, Sport und Verkehr/Infrastruktur) bewertet. ... CEWE ist dem Kulturgut Fotografie traditionell verbunden und übernimmt mit seiner kontinuierlichen Förderung seit vielen Jahren konkrete Verantwortung. Zahlreiche Fotowettbewerbe und ein langfristiges Engagement im Bereich Fotografie wie das Sponsoring des Deutschen Fotomuseums in Leipzig,die Partnerschaft mit den Deichtorhallen Hamburg sowie dem 'horizonte' Fotofestival in Zingst untermauern diesen Anspruch."

In den ausgelassenen Passagen finden sich die üblichen Lobeshymnen, wenn es um Fotokunst geht: "mit den Mitteln der fotografischen Bildsprache" werden "Geschichten erzählt und Emotionen geweckt." Usw. Die von mir ausgewählten Werke kann man in einer Google+-Sammlung betrachten:

https://plus.google.com/collection/oMsc3

Es lohnt m.E. kaum, auf einzelne Bilder näher einzugehen. Mein Eindruck ist dieser: Eine langweilige Aneinanderreihung von Ergebnissen zweifellos bemerkenswerter Fototechnik. Konventionell, nur selten künstlerischen Maßstäben entsprechend. Eine schöne Scheinwelt wird hier präsentiert, manchmal nice to see, allerdings ohne sich dem künstlerischen Blick wirklich aufzudrängen. Deichtorhallen goes Marketing. Traurig das Ganze.

Montag, 17. August 2015

Steffen Roski: Antikapitalistische Plakatkunst am Bremer Hauptbahnhof

In Bremen soll eine weitere Shoppingmall im Innenstadtbereich am Hauptbahnhof entstehen. Auch anderenorts greift der hässliche Konsumismus um sich. Innenstädte sollen kein Lebensraum sein, sie werden ausgetrocknet und sind zu rein merkantilen Zonen umgestaltet worden. Auch die noch verbliebenen Restbereiche öffentlichen Lebens werden nach und nach getilgt. Von 10 bis 20 Uhr bevölkern frohgelaunte Konsumenten die verglasten Hallen des Begehrens. Davor und danach sorgt eine private Security dafür, dass jeder noch so kümmerliche Ansatz spontanen Ausdrucks unterdrückt wird. Gegen diese Tendenzen haben Künstler in Form von Plakaten, die an einem Bauzaun vor dem Bremer Hauptbahnhof angebracht sind, auf ihre Weise Widerspruch eingelegt. Vielleicht eine Anregung für andere derartige Vorhaben in der Republik?

https://plus.google.com/u/0/collection/wlhC2

Donnerstag, 13. August 2015

Steffen Roski: Gedanken zum Alltagsrassismus

Gute Karikaturen treffen den Punkt. So diese: Ein Kapitalist macht einen Armen darauf aufmerksam, dass ein um Asyl nachsuchender Mensch diesem etwas wegnähme.

Es gibt zwei prinzipielle Arten von rassistischer Diskriminierung. Die eine ist negativer Natur und wird in der Karikatur veranschaulicht. Menschen, die objektiv depraviert sind und sich auch selbst als chronisch benachteiligt erleben, greifen diejenigen an, die aus ihrer Sicht ihre ohnehin Lebenschancen minimen Lebenschancen weiter vermindern. Sie nehmen Refugees als unmittelbare Konkurrenten um knappe Ressourcen - Bildung, Gesundheit, Teilhabe etc. - wahr.

Die andere Art rassistischer Diskriminierung ist positiver Natur und ist ohne ihre negative Kehrseite nicht denkbar. Ein konstruiertes Beispiel: Beate J. lebt mit ihren zwei Kindern Antonia und Jakob in einem Berliner Szenestadtteil. Sie arbeitet in der Kreativbranche, ist gut gebucht, Geld ist vorhanden. Aufmerksam verfolgt Beate das Tagesgeschehen und ist angeekelt von einem immer demonstrativer werdenden Rassiswmus in diesem Land. Mit Refugees hat sie nicht direkt zu tun. Diese leben irgendwo in einem Teil der Vorstadt, den sie allenfalls vom Hörensagen kennt. Am Wochenende besucht sie mir ihren beiden Kindern, die das örtliche Gymnasium besuchen, eine Kulturveranstaltung, auf der eine Gruppe afrikanischer Menschen musizieren und die heimische Küche vorstellen. Schnell freundet sie sich mit einem Refugee an, den sie für die kommende Woche zum Essen einlädt. Man ist geneigt zu sagen: vorbildlich. Eine zwischenmenschliche Beziehung ist gestiftet worden.

Beate J. fühlt sich wohl, ein Musterbeispiel vorurteilsfreien Handelns. Stimmt dies? Zweifel sind angebracht. Als Werberin ist Beate J. oft geistig ausgelaugt, braucht zur Aufrechterhaltung ihres kreativen Potenzials immer wieder äußere Inputs. Und da kommt eine kulturell und menschlich interessante Begegnung gerade recht. Das alles bleibt letztlich folgenlos, denn ihren Alltag bestimmen weiterhin die Kreativ- und Lifestyle-Hipster, mit denen sie Clubs, Kinos, Vernissagen, Theater besucht sowie die Freizeit für ihre Kinder organisiert. Ihr diskriminierendes Handeln liegt in Folgendem: Refugees sind auf Grund ihres kulturellen Mehrwerts für Beate J. interessant. Letztendlich verhält sie sich nicht anders als jene, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhunderts afrikanische Menschen in Zoos aus Sensationsgier beglotzten.

Um auf die Karikatur zurückzukommen: Eine von Rassismus freie Gesellschaft werden wir nur dann erreichen, wenn es die Kluft zwischen Armen Und Reichen, zwischen Privilegierten und Ausgeschlossenen nicht mehr gibt. Rassismus ist eine soziale Frage. Solange wir das nicht begriffen haben, haben wir nichts verstanden.


Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.

Freitag, 26. Juni 2015

Claudia Aebersold Szalay: Klagen über tiefe Zinsen. Was macht die deutschen Sparer wirklich arm?

"Nun hat die Notenbank den Vorwurf in einem wissenschaftlichen Papier untersucht und ist zum Schluss gekommen, dass nicht ihre Politik für die Unzufriedenheit deutscher Sparer verantwortlich ist. Skepsis ist natürlich angebracht, wenn die Forschung ausgerechnet von der Angeklagten selbst kommt, doch die Argumentation der EZB-Ökonomen ist so simpel wie überzeugend. Sie erinnern daran, dass die Notenbank lediglich die kurzfristigen nominalen Zinssätze direkt steuern kann. Auf die langfristigen Nominalsätze kann sie lediglich indirekt, über die Inflationserwartungen, Einfluss nehmen. In der langen Frist - die Perspektive, die Sparer interessiert - hängt die Verzinsung aber primär vom Realzins ab. Dieser wird von mehreren Faktoren bestimmt, vor allem von den verfügbaren Arbeitskräften in einem Land und deren Produktivität. Was den Realzins somit erhöht, sind eine kluge Arbeitsmarktpolitik, Infrastruktur-Investitionen sowie gute Rahmenbedingungen für technischen Fortschritt. Für all das ist nicht die Notenbank zuständig. Im Gegenteil, sie ist gegenüber den Kräften, die den langfristigen Realzinssatz bestimmen, nahezu machtlos. Die 'Bild' beklagt den 'Zins-Klau', doch der Dieb ist nicht die EZB."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/reflexe/wer-macht-die-deutschen-sparer-wirklich-arm-1.18567911

Mittwoch, 24. Juni 2015

JasminTeam: Spiegel schützt Lobbyisten Elmar Brok in „Kasachen-Affäre“

"Dafür organisierte der Wiener Anwalt Gabriel Lansky mit Geld aus Astana einen „Berater-Kreis“ unter dem Namen „Independent International Advisory Council“ (IIAC), dem Ex-Staatschefs und Top-Politiker angehörten: Neben Gerhard Schröder auch Ex-Kurzzeit-Bundespräsident Horst Köhler, Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, Romano Prodi, Aleksander Kwasniewski, Marcelino Oreja; als „Team Operation“ sollen weitere EU-Mächtige noch tiefer verstrickt sein: Peter Gauweiler, Otto Schily, Max-Peter Ratzel (Europol-Exchef), Jürgen Kapplinghaus (EU-Justiz) -sie alle sollen im Auftrag Nasarbajews dessen Feind Alijew gejagt haben. Nur vergisst der „Spiegel“ in dieser Darstellung die Schlüsselrolle Elmar Broks bei Alijews Inhaftierung genauer zu betrachten."

Quelle: https://jasminrevolution.wordpress.com/2015/06/21/spiegel-schutzt-lobbyisten-elmar-brok-in-kasachen-affare/

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Dienstag, 23. Juni 2015

Jenni Roth im Interview mit Wolfram Meyerhöfer: "Der Pisa-Test gehört abgeschafft". Wolfram Meyerhöfer, Spezialist für Mathematikunterricht, erklärt, warum er den Pisa-Test für einen schlechten Test hält

"Jenni Roth: Warum sind die Aufgaben dann so konstruiert?

Wolfram Meyerhöfer: Als Organisation für wirtschaftliche Entwicklung interessiert die OECD die ökonomische Rolle der öffentlichen Schulen. Die Tests orientieren sich also an der Brauchbarkeit von Schülern als Arbeitskräften. Aber das kann nicht das einzige Ziel öffentlicher Bildung und Erziehung sein! In anderthalb Minuten zu entscheiden und bei einem Sachproblem lediglich ein Kreuz zu setzen, das folgt einem ökonomischen Konzept, welches für ein Land mit einer Wirtschaftsstruktur wie Deutschland fatal ist. Für Pisa ist die OECD auch Allianzen mit multinationalen und profitorientierten Unternehmen eingegangen, die versuchen, von jedem von Pisa behaupteten Bildungsproblem zu profitieren. Die internationalen Bildungskonzerne benötigen Tests wie Pisa, um eigene Bildungsprogramme zu legitimieren, laufen mit ihren Bildungsinhalten aber in eine völlig falsche Richtung."

Quelle: http://www.nzz.ch/wissenschaft/bildung/miese-noten-fuer-den-pisa-test-1.18566596

Joachim Güntner: Auf Diät. Wider die Verkürzung eines Begriffs

"Von Ludwig Wittgenstein ist das Bekenntnis überliefert, es sei ihm gleich, was er esse, es müsse 'nur immer dasselbe sein'. Das ist kurios, denn dieser Philosoph kannte dort, wo die Diätik der leiblichen Ernährung endet und die geistige beginnt, sehr wohl die Gefahren der Einseitigkeit. In Paragraf 593 seiner 'Phlosophischen Untersuchungen' notierte er: 'Eine Hauptursache philosphischer Krankheiten - einseitige Diät: man nährt sein Denken nur mit einer Art von Beispielen.' Theoriebildung tendiert dazu, Hypothesen durch passende Belege zu stützen und die störenden auszublenden. Man muss kein Philosoph sein, um dieser Denkform zu frönen. Wann immer wir strikt für eine Sache argumentieren, lassen wir fort, was nicht ins gewünschte Bild passt. Das Schöne an Wittgenstein ist, dass er den Diät-Begriff auch auf Geistiges bezieht statt bloss auf Speisepläne. Das macht ihn zum Gewährsmann gegen den üblichen Reduktionismus."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/auf-diaet-1.18562693

Montag, 1. Juni 2015

Eduard Kaeser: Sind wir alle Experten? Die Wissensgesellschaft und die "Bürgerwissenschaft" der vermeintlichen Laien

"Vor fünfunddreissig Jahren sprach Ivan Illich von der 'Entmündigung durch Experten'. Er warnte vor der 'behaglichen Gleichgültigkeit der Bürger, die sich als Klientel dieser Experten einer vielgestaltigen Sklaverei unterwerfen'. Und er sah damals bereits eine Position zwischen Expertenhörigkeit und Expertenfeindschaft voraus, die er das 'postprofessionelle Ethos' nannte. Man könnte sagen: Im Zeitalter des Post-Expertismus lässt sich ein neues altes Expertentum wiederbeleben oder wieder schätzen lernen. Wer zählt zu seinem Bekanntenkreis nicht Liebhaber und Kenner von Pilzen, Käfern, Lokalgeschichte, alternativen Energieformen oder extraterrestrischem Leben?"

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/sind-wir-alle-experten-1.18551867

Milosz Matuschek: Ich liebe mich, pardon dich!

"Doch wer sich verlieben will, muss den kleinen Narzissten in sich zum Schweigen bringen oder zumindest dessen Handlungshorizont beschränken. Wer im starren Glauben an die eigenen Werte weiter nach oben strebt, bleibt ziemlich sicher allein. So gehört man vielleicht bald zu den 'Anspruchsvollen', die doch eigentlich Verblendete sind. Für den Narzissten ist Liebe eine Belohnungskategorie, eine Art Zertifikat über den eigenen Statuswert. Der Partner ist hier nur sie Verlängerung des eigenen Ichs, eine Art Prothese oder Selfie-Stick für die Widerspiegelung der eigenen Grossartigkeit. Eine Umfrage unter 10 000 Mitgliedern einer Online-Partnervermittlung für 'Akademiker und Singles mit Niveau' förderte als häufigsten Grund fürs Alleinsein die Antwort zutage: 'Weil ich so anspruchsvoll bin.'"

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/ich-liebe-mich-pardon-dich-ld.422

Rainer Stadler: Rekordmutter nur bei RTL

"Die Hintergründe des Informationspakts sind nicht bekannt. Abgesehen von allenfalls finanziellen Vorteilen bietet eine exklusive Vereinbarung der nun 17-fachen Mutter die Möglichkeit, mediale Erregungen zu kanalisieren. Aufmerksamkeit hätte sie, die bereits vor zehn Jahren mit der Geburt eines weiteren Kinds als 55-Jährige im Rampenlicht stand, ohnehin auf sich gezogen. Da nun RTL über sie wacht, kann sie sich Mediensprecher, Rechtsanwälte oder sonstige Agenten zur Vertreibung aufdringlicher Späher ersparen. Der Ausschluss von Konkurrenz bringt zudem etwas Ruhe in den Informationsverwertungsprozess. Es herrscht weniger Druck, die Geschichte zu überdrehen, um zusätzliche Aufmerksamkeit zu erregen. Entsprechend zivil verlief denn auch der Hausbesuch, über den RTL vor einem Monat berichtete. Die Rekordmutter tritt recht abgeklärt auf. Sie pocht aufs Recht auf Selbstbestimmung; sie fordert, man solle andern bei ihren Entscheidungen nicht dreinreden, und nimmt die Fortschritte der Medizin für sich in Anspruch. Ihren Kritikern macht sie es gar nicht so einfach. Präsentiert wird sie - wie üblich - zwischen Werbespots. Klar, Medien müssen Geld verdienen. Dennoch irritiert diese Kommunikationspraxis bei speziellen Ereignissen immer noch. Aber inzwischen werden selbst Hinrichtungs-Videos des IS mit Werbespots versehen.

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/blogs/medienblog/546/2015/05/26/rekord-mutter-nur-bei-rtl

Freitag, 15. Mai 2015

Jan Süselbeck: Irren ist menschlich. Akademiker wie Silvio Vietta und Peter Trawny sehen in Heideggers Philosophie eine respektable Fortschrittskritik. Dabei handelt es sich aber um die zentrale antisemitische Chiffre in Heideggers Werk.

"Weit schlimmer als die Judenvernichtung erscheint Heidegger nach Kriegsende, dass dem deutschen Volk nicht erlaubt wurde, sein 'Eigenes', sein 'Wesen' und sein 'Seyn' zu finden. Schuld daran sei der 'Terror des endgültigen Nihilismus', der 'noch unheimlicher' wirke als 'alle Massivität der Henkerknechte und der KZ'. Heidegger attackiert die 'planetarische Plattheit des Meinens und Redens und Schreibens', das internationale 'Literatentum' und die 'Weltpresse'. Das deutsche 'ratlose Kriechen im Schatten' vor der 'Weltöffentlichkeit' als 'Organisation der Seynsvergessenheit' kann für ihn schließlich nur eines heißen: 'Ahnt <man>, daß jetzt schon das deutsche Volk und Land ein einziges Kz ist -  wie es <die Welt> allerdings noch nie <gesehen> hat'? Der Denker höhnt über die Situation nach 1945: 'Daß die jetzt in Deutschland, im besetzten wohlgemerkt, in Gang gebrachte Tötungsmaschinerie etwas anderes leisten soll als die vollständige Vernichtung, das können nur noch liberale Demokraten und sogenannte Christen glauben machen wollen.'"

Quelle: Jungle World, 13. Mai 2015 (Nr. 20, 19. Jg.), S. 18.

Andreas Kappeler: Putin ist kein Stalin. Ohne Aggressionen verharmlosen zu wollen: Es gibt auch das andere Russland.

"Wenn man sozialpsychologische Erklärungen schätzt, kann man von einer 'Bedrohungsneurose' Russlands sprechen. Diese war indes nicht ganz unbegründet. Abgesehen von der Unterwerfung und Zerstörung durch die Mongolen war Russland mehrfach durch Angriffe aus dem Westen existenziell bedroht. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts besetzten polnische Truppen Moskau und setzten einen polnischen Zaren ein, im Jahr 1812 war es Napoleon, der Russland unterwerfen wollte, im 20. Jahrhundert folgte Hitlers Vernichtungskrieg. Russlands Geschichte war nicht nur eine der Expansion, sondern auch eine der Abwehr äusserer Aggressionen."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/putin-ist-kein-stalin-1.18542357

Daniel Steinvorth: Gefährliche Geschäfte. Waffenexporte in die Gelfstaaten sind derzeit kein Beitrag zur Stabilisierung der Region. Sie stabilisieren allein die absolutistischen Regime.

"Wären also die Respektierung von Menschenrechten und eine Aussenpolitik, die nicht zu regionaler Instabilität beiträgt, tatsächlich Kriterien, an denen sich Waffenexporte messen lassen müssen, so müsste ein Staat wie Saudiarabien im Grunde geschnitten werden. Eingesetzt werden können die Militärgüter auch zur inneren Repression. Man kann nur vermuten, wozu das Herrscherhaus imstande gewesen wäre, wenn der Arabische Frühling Riad, Jidda und Dammam erreicht hätte. Eine Idee dazu liefern die Niederschlagung des Aufstandes in Bahrain 2011 mithilfe saudischer Truppen oder auch das Vorgehen gegen Angehörige der schiitischen Minderheit im Osten Saudiarabiens. Und es gibt aktuell noch weitere Vorbehalte gegen Rüstungslieferungen an einen Staat, der nicht nur in seinem 'Hinterhof' Jemen, sondern auch in Syrien militärisch indirekt agiert, wo er längst nicht nur 'moderate' Rebellen unterstützt. In vielen Fällen ist der Endverbleib der Waffen nicht gesichert."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/gefaehrliche-geschaefte-1.18540554

Ulrich Schmid: Islamischer Staat fordert die Hamas heraus. Nach Jahren relativer Ruhe bekämpfen sich in Gaza die herrschende Terrorgruppe und Salafisten, die mit dem IS affiliiert sind

"Dem Islamischen Staat, seinen Affiliierten und Adepten ist jegliches Denken in Kategorien der Nationalstaatlichkeit zutiefst zuwider. Sie sehen sich als Kämpfer für den Islam und versuchen, die 'Ungläubigen' zu treffen, wo immer sie können, in Europa ebenso wie in den USA. Sie haben nicht die geringsten Skrupel, Zivilisten zu töten, und sie greifen auch Araber an, die ihnen als nationalistisch erscheinen, selbst so konservative wie die Muslimbrüder, denen die Hamas entsprungen ist. Die Hamas ist aber national gesinnt, und ihr Kampfstil ist vergleichsweise traditionell. Ihr Führer im katarischen Exil, Khalid Mashal, hat stets klargemacht, dass sich die Operationen seiner Gruppe auf Palästina beschränken und dass Israel der grosse Gegner ist, den es zu bekämpfen gilt. Dass die Hamas mit dieser Strategie übermässig erfolgreich war, lässt sich nicht behaupten. Der IS aber hat überall dort schnellen Erfolg gehabt, wo arabische Staatlichkeit versagte, und es ist nicht auszuschliessen, dass man es nach dem Irak, Syrien und Lybien nun auch im noch gar nicht geborenen Palästina versuchen will."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/naher-osten-und-nordafrika/is-fordert-die-hamas-heraus-1.18540469

Donnerstag, 7. Mai 2015

Christian Schmidt: Die richtigen Fragen stellen. Heideggers antisemitische Äußerungen lassen es an Deutlichkeit nicht fehlen. Und dennoch war er ein Denker der Revolution, des Umbruchs und sogar der Freiheit.

"Die praktische Fundierung unserer Welterfahrung birgt aber noch ein größeres Problem, auf das Heidegger hinweist. Da das menschliche Leben in seinem täglichen Ablauf davon abhängt, dass die praktischen Bezüge zu anderen Menschen und zu den Dingen funktionieren, wird es zu einer Notwendigkeit, die Dinge auch tatsächlich so zu machen, wie 'man' es eben macht. Die Wirklichkeit reproduziert sich so beständig selbst. Politische Revolutionen, die etwa die Kapitalisten enteignen, stehen damit in der Gefahr, am Kern der praktischen Verhältnisse gar nichts zu ändern. Statt der kapitalistischen Bürokratie herrscht dann eine staatliche, aber die Struktur der Ausbeutung und Unterdrückung ist substantiell die gleiche geblieben."

Quelle: Jungle World, 7. Mai 2015 (Nr. 19, 19. Jg.), S. 18.

Anja Krüger: Die Deutsche Bad Bank. In München hat der Prozess gegen drei Führungsgenerationen der Deutschen Bank begonnen.

"Interessante Details kamen ans Licht: Wenige Tage vor dem Interview hatte sich Breuer mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Middelhoff, der zu dieser Zeit Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann war, getroffen. Dabei ging es nach Auffassung der Richter des Münchner Oberlandesgerichts um die Zukunft des Kirch-Imperiums - der Komkurrenz von Bertelsmann. Die Bank hatte bereits Pläne für die Zerschlagung des Kirch-Besitzes geschmiedet. Kirch starb 2011, seine Erben setzten den Rechtsstreit fort - mit Erfolg. Das Oberlandesgericht München erkannte 2012 einen Schadenersatzanspruch wegen vorsätzlicher sittenwidriger Schädigung an. Die Deutsche Bank und die Erben schlossen im Februar 2014 einen Vergleich, die Deutsche Bank zahlte 925 Millionen Euro. Für die nun angeklagten Manager hat dieses Verfahren ein Nachspiel, weil sie sich nach Auffassung der Staatsanwaltschaft abgesprochen haben, um mit falschen Angaben in diesem Prozess die Forderung nach Schadenersatz abzuwehren. Weil das Gericht ihnen damals nicht glaubte, werden sie nur wegen versuchten gemeinschaftlichen Prozessbetrugs in einem besonders schweren Fall angeklagt."

Quelle: Jungle World, 7. Mai 2015 (Nr. 19, 19. Jg.), S. 6.

Zafer Senocak: Wahrnehmen und Wahrhaben. Wie kam es zum Völkermord in Armenien? Türken und Armenier waren einander nicht fremd in Anatolien. Wie aber wurden sie einander feind? Das ist die Frage, die uns beschäftigen muss. Es hat mit der Etablierung von Nationalstaaten zu tun.

"Zu Recht werden heute Vertreibungen und Verfolgungen von Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Ethnie oder einem Glauben als Verbrechen gegen die Menschlichkeit geahndet. Doch wie es zu diesen Verbrechen gekommen ist, wo sie stattfanden, wird nach wie vor kaum thematisiert. Die weisse Weste scheint die Uniform vieler Staaten zu sein, die sich freiheitlicher Demokratie verpflichtet fühlen. Doch ist die Weste wirklich so weiss? In der Wirklichkeit will man die Schlachthäuser nicht wahrnehmen, wahrhaben. Auch nicht in Europa, in den USA, in Japan. Es ist den Arbeiten einzelner mutiger Forscher zu verdanken, dass hier und da die Verbrechen der Kolonialzeit aufgedeckt werden, ganz zu schweigen von der Beinahe-Ausrottung der einheimischen Völker Amerikas und Australiens durch die weissen Siedler. Der Humus des Nationalstaats bleibt unangetastet."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/wahrnehmen-und-wahrhaben-1.18535442

Mittwoch, 6. Mai 2015

Andreas Schnauder: Griechenland - Schuldenschnitt überfällig

"Denn Unternehmen, Konsumenten, internationale Investoren und Geldgeber sehen sich die ökonomischen Rahmenbedingungen genau an, bevor sie wirtschaftliche Aktivitäten entfalten. Und die legen nahe, dass Athen unter Schuldenlast und Zahlungsverpflichtungen kollabieren wird.

Das hat bereits dramatische Folgen. Die Konjunktur bricht nach einem kurzen Aufschwung wieder ein und zieht die Haushaltsdaten mit in den Abgrund. Verantwortlich dafür sind nicht nur die Athener Regierungsvertreter, sondern mindestens ebenso die Eurokutscher in Berlin und Brüssel. Die Zuchtmeister haben verkannt, dass sie den Bogen längst überspannt haben. Jetzt hilft nur noch das Eingeständnis, dass die an Griechenland geflossenen Steuergelder längst verloren sind. Das erforderte allerdings weit mehr Mut als das ständige Säbelrasseln gegenüber Athen."

Quelle: http://mobil.derstandard.at/2000015330351/Griechenland-Schuldenschnitt-ueberfaellig

Montag, 4. Mai 2015

Wolfgang Streeck: Wie wird der Kapitalismus enden? Teil II

"Ohne (Max; SR) Weber zu nahe treten zu wollen: Betrug und Korruption haben den Kapitalismus seit je begleitet. Es gibt allerdings gute Gründe anzunehmen, dass sie mit dem Aufstieg des Finanzsektors zur Vorherrschaft über die Ökonomie so allgegenwärtig geworden sind, dass Webers ethische Rechtfertigung des Kapitalismus sich heute anhört, als sei sie von einer gänzlich anderen Welt. Das Finanzwesen ist eine 'Industrie', in der es schwerfällt, Innovationen von der Beugung oder dem Bruch von Regeln zu unterscheiden; in der sich mit halblegalen oder illegalen Aktivitäten besonders hohe Gewinne erzielen lassen; wo das Gefälle zwischen Unternehmen und Regulierungsbehörden hinsichtlich Expertenwissen und Bezahlung extrem ist; wo die Drehtüren zwischen beiden unbegrenzte Möglichkeiten für subtile und weniger subtile Korruption eröffnen; wo die größten Firmen nicht nur too big to fail sind, sondern auch too big to jail - zu groß, als dass man sie angesichts ihrer Bedeutung für die Wirtschaftspolitik und das Steueraufkommen des jeweiligen Landes zur  Rechenschaft ziehen könnte; und wo die Grenzen zwischen Privatunternehmen und Staat mehr als irgendwo sonst verschwimmen, wie der Bailout von 2008 oder auch die unglaubliche Zahl ehemaliger und künftiger Beschäftigter von Finanzfirmen in der Regierung der Vereinigten Staaten illustrieren. Nach den Affären um Enron und World-Com hieß es, Korruption und Betrug hätten in der US-Wirtschaft ein Allzeithoch erreicht. Doch was dann nach 2008 ans Licht kam, übertraf alles bislang Dagewesene: die Bezahlung von Rating-Agenturen durch die Produzenten toxischer Papiere zwecks Erlangung von Spitzenbewertungen; Offshore-Schattenbanking, Geldwäsche und Beihilfe zur Steuerflucht großen Stils als normales Geschäftsmodell der größten Banken mit den besten Adressen; der Verkauf von Wertpapieren an arglose Kunden, die so konstruiert waren, dass andere Kunden gegen sie spekulieren konnten; das betrügerische Fixing von Zinssätzen und Goldpreis durch die führenden Banken der Welt und so weiter und so weiter. In den vergangenen Jahren mussten mehrere Großbanken für solche Aktivitäten Strafzahlungen in Milliarden-Dollar-Höhe leisten, und weitere Fälle dieser Art scheinen bevorzustehen. Was jedoch auf den ersten Blick wie schmerzhafte Sanktionen aussehen mag, erscheint im Vergleich zu den Bilanzen eher lächerlich - ganz abgesehen von der Tatsache, dass es sich in all diesen Fällen um außergerichtliche Regelungen handelte, weil die Regierungen strafrechtliche Regelungen nicht unternehmen wollten oder zu unternehmen wagten."

Quelle: Blätter für deutsche und internationale Politik 4/2015, S. 109-120, Zitat: S. 118.

Wolfgang Streeck: Wie wird der Kapitalismus enden?

"Darüber hinaus steigerten die Regierungen die Ungleichheit noch, als sie Steuereinnahmen durch Staatsverschuldung ersetzten: Denen, deren Geld sie nicht länger konfiszieren konnten oder wollten, si dass sie es stattdessen leihen mussten, boten sie damit sichere Anlagemöglichkeiten. Im Unterschied zum Steuerzahler gehört dem Käufer von Staatsanleihen das, was er dem Staat überlässt, auch weiterhin. Er erhält sogar Zinsen darauf, die in der Regel aus einer immer weniger progressiven Besteuerung aufgebracht werden; zudem kann er es seinen Kindern vererben. Im Übrigen lässt steigende Staatsverschuldung sich, wie es ja tatsächlich geschieht, politisch instrumentalisieren, nämlich als Argument zugunsten staatlicher Ausgabenkürzungen und der Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen. So werden die Möglichkeiten umverteilender demokratischer Intervention in die kapitalistische Ökonomie weiter beschnitten."

Quelle: Blätter für deutsche und internationale Politik 3/2015, S. 99-111, Zitat: S. 104.

Samstag, 2. Mai 2015

Paulette Gensler: Sehnsucht nach etwas Festem. Die Kritik an Heidegger entbindet nicht von der Auseinandersetzung mit seinen aktuellen Adepten und ihrem Jargon.

"Dabei ist die Kritik des 'Jargons der Eigentlichkeit' in erster Linie tatsächlich Sprachkritik. Ihre selbst gestellte Aufgabe besteht darin, wie es in der angehängten Notiz Adornos heißt, die 'implizite Philosophie', das heißt den unwahren Gehalt, welche die Form der Sprache selbst setzt, zu kritisieren. 'Die zeitgemäße deutsche Ideologie hütet sich vor faßbaren Lehren (...). Sie ist in die Sprache gerutscht.' (Hrvb. PG) Adornos Kritik verweilt keineswegs bei dem Ausdruck Rilkes, Jaspers' und Heideggers, sondern zeigt ihre Dringlichkeit vor allem durch den Verweis auf die immense gesellschaftliche Verbreitung des Jargons. So zeigt sich auch die heutige 'Heideggerisierung der Linken' in einem starken Ausmaß im sprachlichen Ausdruck: Neologismen, Unterstrich-Wörter, eine spezielle Sprache als Normsprache der Gesinnung, Adverbisierung beziehungsweise Partizip-Bildung ('frauisiert', 'illegalisiert'), Isolation der Worte von ihrem geschichtlichen oder grammatikalischen Kontext. All diese formalen Aspekte finden sich bei Hedegger, wenn auch teilweise im direkten Gegenteil. Und vielleicht ist es gerade diese formelle und inhaltliche Verkehrung ins Gegenteil - von der schon Freud erkannte, dass sie keineswegs eine Abkehr vom Ursprünglichen darstellt -, in der die bewusstlose Vermittlung, die sich als Radikalität geriert, zu erkennen ist. Das ist der späte poststrukturalistische Heideggerismus, welcher zunehmend auch in die Sprache mancher Autoren der Jungle World rutscht. Der dermaßen durch die Form gesetzte Gehalt müsste bestimmt statt behauptet, entwickelt statt identifiziert werden. Man kann sich hierbei nicht auf Adorno ausruhen, da Kritische Theorie immer eher als gestellte Aufgabe denn als Leitfaden zu betrachten ist."

Quelle: Jungle World, 30. April 2015 (Nr. 18, 19. Jg.), S. 18.

Francesco Maiani: Seenotrettung im Mittelmeer- eine verpasste Chance. Wenn die EU wirklich daran interessiert ist, den Tod weiterer Menschen im Mittelmeer zu verhindern, darf sie sich nicht länger hinter unverbindlichen Formulierungen verstecken. Ohne ein echtes Programm zur Seenotrettung geht es nicht.

"Als sich im Oktober 2013 die Tragödie vor Lempedusa ereignete, unternahm die EU keine bedeutsamen Massnahmen. Italien lancierte 'Mare nostrum' allein, ohne direkte Unterstützung der EU, für neun Millionen Euro monatlich. Theoretisch hätte Rom für alle 100 000 Geretteten die Verantwortung über- und deren Fingerabdrücke abnehmen müssen. Statt dessen griff Italien zur 'Selbsthilfe' und verzichtete auf die Fingerabdrücke. Ein ausgesprochener Fortschritt im Vergleich zur 'Selbsthilfe', die man 2009 gewählt hatte - nämlich die Migranten zurück in die unmenschlichen Zustände in Libyen zu schicken. Diesmal reagierten aber die anderen EU-Staaten empört, da Italiens Verhalten direkt ihre Interessen berührte."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/eine-verpasste-chance-1.18530872

Milosz Matuschek: Hätte, hätte, Würstchenkette

"Das Gefühl der Reue sei natürlich jedem unbenommen. Doch unabhängig vom konkreten Einzelfall schließt sich die Frage an, wie rational diese Form von Vergangenheitsaggression überhaupt ist. Die erste Tücke des Gefühls der Reue liegt wohl darin, dass man gedanklich Äpfel mit Birnen vergleicht, nämlich eine reale Ist-Situation mit einer fiktiven Was-wäre-gewesen-wenn-Situation. Diese Asyymetrie bietet ein Einfallstor für die Verzerrung des Optimismus ('optimism bias'). Dass das Gras woanders grüner ist, gilt auch für fiktive Vergleichspositionen. Unser Denken hat die Tendenz, Situationen, über die wir wenig Datenmaterial besitzen, als atteaktiver zu bewerten. Kein Wunder, dass so manche Mutter die Karriere als bessere Alternative gegenüber dem Kindergeburtstag sieht und Topmanagement interessanter findet als Topfschlagen. Hätte, hätte, Würstchenkette."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/haette-haette-wuerstchenkette-1.18531658

Mittwoch, 29. April 2015

Klaus Bartels: Stichwort "Text"

Unsere 'Gedankenfabrik' - eine klappernde, ratternde Weberwerkstatt, ein Text wie dieses 'Stichwort' hier -, ein buntes Gewebe aus Kette und Schuss: Das handwerkliche Bild ist in der Spätantike aufgekommen und seither unter dem bildhaften Wort 'Text' so selbstverständlich geworden, dass wir das Bild im Wort gar nicht mehr wahrnehmen, dass wir unter einem 'Text' nichts weiter als eine Folge alphanumerischer Zeichen verstehen. So viele tausend Fäden ein Tritt da auch regt, so viele Verbindungen ein Schlag da auch schlägt: Zwischen den 'Texten', die der Werbetexter für die neue Sommetkollektion textet, und ebendiesen 'Textilien' schiesst in unserem Sprachzentrum kein flinkes Gedankenschifflein mehr hin und her."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/text-1.18530848

Knut Henkel: Im Alter anders. Viele Einwanderer verbringen auch ihren Lebensabend in Deutschland - der Bedarf an kultursensibler Pflege nimmt daher rasch zu

In Hamburg ist das Diakoniewerk Tabea bisher die einzige Einrichtung mit zwei Wohngruppen, in denen türkische Senioren in ihrer Muttersprache umsorgt und wenn nötig gepflegt werden. In Berlin gibt es mit dem 'Türk Huzur Evi' schon seit 2006 ein türkisches Seniorenheim, wo es nicht nur Freitagsgebete und Kost ohne Schweinefleisch gibt, sondern etwa auch die Garantie, dass die Intimpflege nur von Personen des gleichen Geschlechts vorgenommen wird. Die Pioniere der interkulturellen Pflege sitzen allerdings in Duisburg. Das 1997 eröffnete 'Haus am Sandberg' war das erste Pflegeheim in Deutschland, das sich darauf einrichtete, dass Menschen mit Migrationshintergrund im Alter besondere Bedürfnisse haben. Konzept und Bau des hellen Gebäudes mit grosszügigem Atrium wurden gemeinsam mit dem Forschungsprojekt 'Multikulturelles Seniorenheim' des Rhein-Ruhr-Instituts für Sozialforschung und Politikberatung entwickelt. Das Konzept 'basiert auf den Empfehlungen von zahlteichen Moschee-, Kultur- und Seniorenvereinen aus dem Ruhrgebiet und hat sich bewährt', sagt Ralf Krause. Der Heimleiter ear ebenfalls von Beginn weg in die Konzeption des Seniorenzentrums involviert. Im 'Sandberg' gibt es einen schmucken, gekachelten Gebetsraum, eine Küche, die auf die Essgewohnheiten aller Bewohner eingeht, internationale Zeitungen, aber vor allem Pfleger und Pflegerinnen, die mehrere Sprachen sprechen und für den Umgang mit Migranten ausgebildet sind. Neben den Senioren mit türkischen Wurzeln sei in den vergangenen Jahren auch die Zahl der russischstämmigen Heimbewohner gestiegen, erzählt Krause."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 28. April 2015 (Nr. 97, 236. Jg.), S. 6.

Dienstag, 28. April 2015

Josh Cohen: West Must Compromise on Victory Day

"Certainly, Western leaders do face a dilemma. On the one hand, no one with even the slightest sense of history could fail to acknowledge the brutality endured by the people of the Soviet Union during World War II. On the other hand though, it is politically untenable for Western leaders to be seen as endorsing the way in which President Vladimir Putin frequently uses the historical memory of the fight against Nazism to justify Russia's proxy war in eastern Ukraine."

Quelle: http://www.themoscowtimes.com/opinion/opinion/article/west-must-compromise-on-victory-day/519766.html

Montag, 27. April 2015

Mark Lilla: Frankreich in Flammen. Nach den jüngsten Attentaten muslimischer Extremisten stellt sich die Frage: Was muss oder kann die Zivilgesellschaft tun?

"Es gibt Väter, die sich weigern, weiblichen Lehrkräften die Hand zu geben oder ihre Frauen allein mit männlichen Lehrkräften sprechen zu lassen. Es gibt Fälle von Kindern, die es ablehnen, zu singen, zu tanzen oder ein Instrument zu lernen. Manche weigern sich, in der Mathematik das Pluszeichen zu verwenden, weil es einem Kreuz ähnelt. Das Problem der Kleidung und der Vermischung der Geschlechter hat dazu geführt, dass an manchen Schulen der Turnunterricht ausfällt. Kinder lehnen es offen ab, Klassiker zu lesen, die ihrer Ansicht nach religiös nicht akzeptabel sind: Rousseau, Molière oder die ehebrecherische 'Madame Bovary'. Brstimmte Themen erweisen sich als Knacknuss im Unterricht: Dazu gehören die Evolution, Sex und die Shoah. Ein Vater wird zitiert, der zu einem Lehrer sagte: 'Ich verbiete Ihnen, meinem Sohn gegenüber den Namen Jesus zu erwähnen.'"

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/frankreich-in-flammen-1.18530186

Samstag, 25. April 2015

Tomasz Kurianowicz: Der Code der Liebe. Wie Goethe in seinen "Wahlverwandtschaften" die Grundlagen des Online-Datings erfand

"Dieses Prinzip will der Hauptmann testen. Er schlägt vor, weitere Personen ins Anwesen zu holen, um den Pool an Partnerkandidaten zu erweitern. Nur so lässt sich klären, ob Charlotte tatsächlich das beste Element für Eduards Liebeserwartungen ist. Wie im Reagenzglas soll sich entscheiden, wer sich anzieht und wer sich abstösst. Charlotte ahnt das Risiko des Experiments und warnt vor der Verbindung von Wissenschaft und Liebe: 'Diese Gleichnisreden sind artig und unterhaltend, und wer spielt nicht gern mit Ähnlichkeiten? Aber der Mensch ist doch um so manche Stufe über jene Elemente erhöht, und wenn er hier mit den schönen Worten Wahlverwandtschaft etwas fteigiebig gewesen, so tut er wohl, wieder in sich selbst zurückzukehren und den Wert solcher Ausdrücke bei diesem Anlass recht zu bedenken.'"

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/der-code-der-liebe-1.18529280

Claudia Aebersold Szalay: Deutsche Bank gebüsst. Lässt sich die Kultur der Gier ausrotten?

"'Who gets f*cked on that?', fragt sich ein Händler, nachdem seine Pendants bei anderen Banken gerade gemeinsam das Fixing des Euribor künstlich nach unten gedrückt haben. Die Antwort liefert er gleich selbst nach: 'Ich gehe davon aus, dass ihr gerade einen Kunden abgezockt habt.' Das Beweismaterial der Behörden, bestehend aus solchen E-Mails und Chats zwischen Händlern verschiedener Banken, wiegt schwer. Nicht nur belegt es, dass Mitarbeiter der Banken über Jahre hinweg die Zinssätze am Interbankenmarkt zu eigenen Gunsten verfälscht, sich untereinander abgesprochen, den eigenen Kunden geschadet und die Marktverhältnisse verzerrt haben, vielmehr zeigt es auch auf, dass sie sich ihres schädlichen Verhaltens durchaus bewusst waren. Dessen nicht genug: Sie prahlten auch damit gegenüber ihren eigenen Chefs. So schreibt ein Händler nach einer erfolgreichen Manipulation des Euribor direkt seinem Vorgesetzten, dem Leiter der Global-Finance-Einheit der Deutschen Bank, und fragt ihn, ob er das 3-Monate-Fixing schon gesehen habe. 'Das war eine exzellente konzertierte Aktion - cheers.'

Ja, prost. Kriminelle Energie, Gier und die Blindheit selbst hochrangiger Manager gegenüber Verfehlungen in den eigenen Rängen, wenn sie denn nur lukrativ sind, können nach den vielen Enthüllungen seit Ausbruch der Subprime-Krise eigentlich niemanden mehr überraschen. Betroffen macht die Aufarbeitung der Zeit vor und während der Finanzkrise aber noch allemal. Zwar versichert die Deutsche Bank, wie andere gebüsste Häuser vor ihr, sie habe die involvierten Personen bestraft oder entlassen und die internen Kontrollen erheblich verbessert. Doch reicht das aus, um eine Betriebskultur auszumerzen, in der jahrelang nicht genau hingeschaut wurde, wenn nur die Zahlen stimmten?

Es ist gut, dass die Ermittlungsbehörden heute den Banken endlich ihre Zähne zeigen. Noch viel wirkungsvoller wäre es aber, wenn dies die Bankenchefs im eigenen Betrieb täten."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 25. April 2015 (Nr. 95, 236. Jg.), S. 10.

Nicole Anliker: Das Geschäft mit dem Exodus. Schlepperbanden in Libyen kontrollieren ganze Fluchtrouten und verdienen das grosse Geld damit

"Die 2000 Kilometer lange Mittelmeerküste Libyens hat für die Schlepper in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Seit der Diktator Muammar Ghadhafi 2011 gestürzt und getötet wurde, ist Libyen zum strategischen Basislager vieler Schlepper geworden. Das Land versinkt im Chaos, und die schlecht ausgerüstete Küstenwache funktioniert kaum mehr. Die Regierung in Tripolis will in der politisch instabilen Situation neue Konflikte um jeden Preis verhindern. Sie lässt die Schlepper gewähren."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/europa/das-geschaeft-mit-dem-exodus-1.18528763

Oliver Pfohlmann: Werdet endlich erwachsen! Eine philosophisch-pädagogische Streitschrift von Susan Neiman

"Weder - noch, den Neimans (Susan Neiman: Warum erwachsen werden? Eine philosophische Ermutigung. Aus dem Englischen von Michael Bischoff. Hanser, Berlin 2015. 242 S.; SR) Modell des Erwachsenwerdens verlangt den schwierigen Balanceakt: zwischen naivem Idealismus einerseits und desillusioniertem Zynismus andererseits. Oder besser gesagt: Es will beide Extreme auf fruchtbare Weise verbinden - ähnlich, wie einst Kant in seiner Erkenntnistheorie Dogmatismus und Skeptizismus zusammenführte. Vor allem in der Auseinandersetzung mit Rousseaus 'Emile', Kants 'Kritik der reinen Vernunft', der Stoa und Hannah Arendt entwickelt Neiman ihr Modell, das sie als ein 'subversives Ideal' bezeichnet. Erwachsensein hiesse demnach: Gleichermassen ernüchtert wie 'nicht-resignativ' zu sein - eine engagierte Haltung, die die Grenzen der Realität zwar sieht, aber vor allem als Ansporn nimmt mitzuhelfen, das Sollen und das Sein zusammenzubringen: 'Erwachsenwerden verlangt, sich der Kluft zwischen beidem zu stellen, ohne eines davon aufzugeben.'"

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/werdet-endlich-erwachsen-1.18527725

Günter Figal: Ressentiments, Selbstgerechtigkeit, Ignoranz. Martin Heideggers "Schwarze Hefte" aus den Jahren 1942 bis 1948

"Der nationalsozialistische Zivilisationsbruch in Deutschland, suggeriert uns der Denker, sei nur ein letztlich unpassender Augenblick für den neuen Anfang des abendländischen Geschicks gewesen. Und Heideggers Sorge gilt einzig dem, dass ein neuer und besserer Augenblick zukünftig nicht verpasst werde. In dieser allein mit sich selbst und dem eigenen Denken beschäftigten Sorge versteigt Heidegger sich zu Sätzen, die man noch aus historischem Abstand mit einer aus Fassungslosigkeit und Abscheu gemischten Beklemmung liest. Die 'grösste Gefahr' sei es, dass 'das <grosse> Man' - gemeint sind wohl die Siegermächte und alle, die sich durch diese befreit wussten - 'uns gerade in unser Eigenstes nicht einkehren' lasse und die Deutschen, vor allem jedoch den Einen, den Denker, am neuen Anfangen hindere; das sei eine grössere Schuld als die durch 'alle öffentlich <anprangerbaren> Verbrechen', und sie könne 'im Wesen nicht einmal am Greuelhaften der <Gaskammern>' - man beachte diese Anführungszeichen - 'gemessen werden'."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/ressentiments-selbstgerechtigkeit-ignoranz-1.18526970

Lennart Laberenz: Lachen bis zum bitteren Ende. Wo Nachrichtensendungen zunehmend Seichtes bieten, wird die Fernseh-Satire investigativer

"'Die Anstalt', Minute 45, ein prächtiger Witz: Wir haben den Krieg verloren, aber die Nachkriegszeit gewonnen. Bei der Boulevardisierung von Nachrichten und politischem Journalismus sprechen Spötter von einer Mariettaslomkaisierung. Die ZDF-Nachrichten-Moderatorin Marietta Slomka bereiste mit Betroffenheitsmiene und inszeniertem Recherchedrang Afrika, Ostdeutschland oder China. Der Eindruck drängte sich auf, dass es in ihren Beiträgen und Filmen vor allem um Marietta Slomka vor locker wechselnden Kulissen ging. Damit steht sie in einem interessanten Gegensatz etwa zu dem 1995 verstorbenen Hanns-Joachim Friedrichs, einer Ikone des deutschen Nachrichtenjournalismus. Friedrichs erklärte in einem 'Spiegel'-Interview einmal, dass er kurz nach dem Krieg bei der BBC in London gelernt habe, Distanz zu halten, 'sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein'. Die plötzlich grassierende Lockerheit, erwähnte er noch, sei ihm ein Graus gewesen. Man könnte also denken, dass Friedrichs das genaue Gegenteil von Marietta Slomka war. Im April 2015 gab die Jury des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises bekannt, nächstens Marietta Slomka den Preis umzuhängen."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/fernsehen/lachen-bis-zum-bitteren-ende-1.18526963

Manfred Schneider: Der Geist wird zunehmend weiblich. Was von Lehr- und Sozialberufen her bekannt ist, ist auch an den Universitäten immer öfter Realität - je stärker Frauen ein Berufsfeld durchdringen, desto mehr weichen Männer auf alternative Bereiche aus. Es ist schwer, diese Veränderungen zu beschreiben, ohne Geschlechterklischees zu bemühen. Nichtsdestoweniger - ein Versuch.

"Aber es ist in den Geisteswissenschaften nichts mehr von den alten agonalen Leidenschaften und Affekten zu spüren. Kaum ein Professor oder eine Professorin glaubt noch daran, dass von der eigenen Tätigkeit ein Fünkchen auf das Heil der Welt überspringen könnte; allenfalls auf das Heil der Drittmittelquoten, wo die Entscheidung von 'bewilligt' und 'nicht bewilligt' die Unterscheidung von 'wahr' und 'falsch' abgelöst hat. Nur wenn man glaubt, dass der Geist als laues Lüftchen weht, dann tragen die Geisteswissenschaften ihren Namen zu Recht. Niemand erweckt dort den Eindruck, dass es um etwas geht. Ein Potpourri aus Pop, Gender, Medien und Theoriescharmützeln bestimmt gegenwärtig die Agenda in den Kulturwissenschaften, und wenn man in die philosophischen Seminare blickt, dann sitzen dort die einstigen Verwalter des Logos auf dem Schoss der Neurowissenschafter und hoffen, mit der Übersetzung philosophischer Begriffe wie Geist und Bewusstsein in Neuro-Speech an den prall gefüllten Geldtöpfen der Hirnforscher lecken zu dürfen. Man gewinnt den Eindruck, dass unsere Welt, die an vielen Ecken in Flammen steht und bedroht ist, den Geist der Geisteswissenschaften nicht berührt. Den Geisteswissenschaften ist nicht der Geist ausgetrieben, wie vor Jahrzehnten Friedrich Kittler meinte, sondern das Agonale, nämlich der Sinn dafür, dass auch in diesen Wissenschaften etwas auf dem Spiele steht."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/der-geist-wird-zunehmend-weiblich-1.18526250

Freitag, 24. April 2015

Steffen Roski: Erfahrungen mit der Hartz-Rebellin

Gerade ist dieses Buch von Inge Hannemann auf den Markt gekommen:

http://www.rowohlt.de/buch/Inge_Hannemann_Die_Hartz_IV_Diktatur.3167515.html

Mir war es vergönnt, in den Jahren 2013/14 mit anderen Aktivisten an der Seite von Inge Hannemann zu kämpfen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Enttäuschen konnte mich Inge Hannemann nie. Dazu bin ich schon zu lange politisch unterwegs, um die menschlichen Schwächen medienbekannter Linker nicht genau zu kennen. Getäuscht habe ich mich in Inge Hannemann wohl.

Begonnen hatte alles auf dem Vorplatz des Hamburger Landesarbeitsgerichts 2013. Zuvor wurden im Occupy-Camp Transpis hergestellt, um die Solidarität mit Inge zu bekunden. Damals noch formal als Arbeitsvermittlerin beim Altonaer Jobcenter angestellt, kämpfte sie arbeitsrechtlich um ihre Weiterbeschäftigung. Schon vor dem Landesarbeitsgericht herrschte gute Stimmung. Viele hundert Menschen waren da: Musiker, Aktivisten, Medienleute, Politiker. Der Gerichtssaal war rappelvoll. Es wurde etwas sichtbar: Hartz IV ist menschenunwürdig, Kritiker werden mundtot gemacht, es ist an der Zeit, den Widerstand zu bündeln.

Einige Zeit später traf ich gemeinsam mit einem Okkupisten Inge Hannemann zu einem ausführlichen Gespräch in St. Georg. Sie berichtete von konkreten Bedrohungen in Altona gegen ihre Person und wir sagten ihr unsere Unterstützung zu. Rufnummern wurden ausgetauscht. Inge, so die Vereinbarung, brauchte sich nur zu melden - und Unterstützer von Occupy Hamburg wären zur Stelle gewesen. Weiterer Bestandteil des Gesprächs: Inges Vorträge verliefen sich stets in Einzelfallbetrachtungen. Das System Hartz IV geriet in seinem Gesamtzusammenhang aus dem Blickfeld. Als BdWi-Fachreferent zum Thema Bertelsmann Stiftung bot ich ihr hier konkrete Expertise und Hilfe an. Entgegen ihrer Absichtsbekundung ist sie darauf nie zurückgekommen. Inzwischen ist mir auch der Grund klar geworden: Inge Hannemann war es von Anfang an um den Exklusivanspruch auf den Titel der Hartz-Rebellin gegangen. Es ging ihr um Eigenkarrierisierung, nicht um solidarisches Handeln.

Auch der weitere Prozess vor dem Landesarbeitsgericht war gut besucht. Wieder war Occupy Hamburg mit Transpis vertreten. Noch immer stand fest: Entweder wird Inge weiter ihrer Tätgkeit im Jobcenter nachgehen oder aber abgefunden ausscheiden und als politische Aktivistin weitermachen.

Erste Zweifel entstanden bei mir als Inge Hannemann mit Unterstützung der Bundestagsabgeordneten Katja Kipping eine Petition gegen SGB-II bundesweit lancierte und sich dabei die Bezeichnung Hartz-Rebellin urheberrechtlich schützen lassen wollte. Zudem war auch von ihrer unbedingten Forderung, die Tätigkeit im Jobcenter weiterführen zu wollen, keine Rede mehr. Dennoch beteiligte ich mich an der Aktion und sammelte vor Hamburger Jobcentern Unterschriften für die Eingabe. Medial wurde diese als Initiative der Partei DIE LINKE vermarktet. Inge Hannemann war auf der Pressekonferenz neben Katja Kipping zu sehen. Vermutlich fiel in diesem Zusammenhang die Entscheidung, Inge Hannemann zum außerparlamentarischen Hartz-IV-Flaggschiff der Hamburger Linkspartei zu installieren.

Der damalige stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Altonaer Linkspartei, Horst Schneider, hat sich sehr für Inge Hannemann stark gemacht. Schneider hat jahrelang seine politische Tätigkeit in den Dienst von Menschen gestellt, die die Kraft sich zu wehren, verloren hatten. Ganz konkret nutzte er das Fraktionsbüro zur Sozialberatung und hatte z.B. vielen Genossinnen und Genossen aus der Occupy-Bewegung Hilfestellung gegeben. Auch ich bin ihm für seine uneigennützige Unterstützung persönlich sehr verbunden. Ein Gespann Hannemann/Schneider hätte eine starke Flanke der Hartz-Kritik sowohl parlamentarisch als auch außerparlamentarisch ergeben können.

Meine letzte persönliche Begegnung mit Inge Hannemann fand Ende September vergangenen Jahres im Rahmen der Nationalen Armutskonferenz des Paritätischen statt. Inge Hannemann hatte zu dieser Zeit ihre Facebook-Aktivitäten eingestellt. Ihre dortigen Seiten wurden immer mehr zur Plattform von Postings aus dem Querfront-Lager. Somit war es nur allzu verständlich, dass das von ihr geleitete Panel im Rahmen der Konferenz sich mit der Unterwanderung der Armutsbewegung durch neurechte Verschwörungstheoretiker befasste.

Ob die Ausbootung Horst Schneiders mit der Zustimmung der gar auf Initiative Inge Hannemanns erfolgte, vermag ich nicht zu beurteilen. Am Ende war es Inge Hannemann allein, die einen Sitz in der Hamburger Bürgerschaft ergatterte. Schneiders sozialberaterische Tätigkeit wurde nicht gewürdigt. Wie auch, handelt es sich bei der Partei DIE LINKE in Hamburg um einen bürgerlichen Wahlverein, in dem man lieber über Gramsci räsonniert, als sich konkret um die Belange der Menschen zu kümmern.

Was bleibt festzuhalten? Inge Hannemann hat von Anfang an eine poltische Karriere systematisch geplant. Der hartzkritischen Bewegung vermag sie keinerlei Impuls mehr zu geben. Ihr jetziges berufliches Tätigkeitsfeld hat mit dem Jobcenter nichts mehr zu tun. Es gilt abzusahnen, den Windfallprofit mitzunehmen, das Hinterteil in der Bürgerschaft plattzusitzen. Hartz-Rebellin? Das war Inge Hannemann nie und wird Selbstvermarkterin bleiben.

Dienstag, 21. April 2015

Rainer Stadler: Ein Care-Team für Journalisten

"Undifferenzierte Kritik mag die Betroffenen verärgern. Die Journalisten haben täglich die Gelegenheit, mit gutem Beispiel voranzugehen und zu zeigen, wie man es besser macht als das 'digitale Proletariat'. Die Unterschiede zwischen 'denen da oben' und 'denen da unten' sind indessen keineswegs scharf. Im Zusammenhang mit Germanwings fand man auf alternativen Plattformen Schriftstücke, die deutlich reflektierter waren als solche aus dem professionellen Gewerbe. Warum werfen die Kritiker der Kritiker alle Widersprechenden in denselben Topf und beklagen sich selbstgerecht darüber, dass alle Journalisten in einen Topf geworfen werden? Der sekundenschnelle Dauerkampf um Fakten und Meinungen macht manchen mürbe."

Quelle:
http://medienblog.blog.nzz.ch/2015/04/21/bitte-ein-care-team-fuer-journalisten/

Daniel Wiener: Der Kapitalismus schleicht sich davon. Null- und Negativzinsen zerstören die Vorteile des Systems.

"Noch schlimmer ist ein zweiter Effekt: Solange Geld einen Preis hat, fällt es den Unternehmungen mit der besten Geschäftsidee zu, die auch die höchsten Raten zahlen können, bei vergleichbarem Kreditausfallrisiko. Wenn die Zinsen als Preissignal für Investoren entfallen, wird das Geld heimatlos. Es weiss nicht mehr, wohin es fliessen soll. Je tiefer das Zinsniveau liegt, umso einer werden allenfalls noch bestehende Unterschiede zwischen den Preisen. Beispielsweise senken die meisten Banken, trotz Negatvzinsen, die sie der Nationalbank schulden, ihre Libor-Hypotheken nicht unter ein bestimmtes Minimalniveau. Bald zahle alle Hypothekarschuldner, unabhängig von ihrer Tragfähigkeit, Bonität oder ihren spezifischen Risiken ihrer Liegenschaft, rund 0,75 Prozent Zins. Es ist, als ob dem Kapitalmarkt der Kompass abhanden gekommen wäre. Ohne Preissignal wird er zwangsläufig ineffizient oder inexistent. Mit der Amputatin der 'unsichtbaren Hand', wie Adam Smith vor bald 250 Jahren den pteisgesteuerten Mitteleinsatz treffend umschrieb, fällt der wichtigste Erfolgsfaktor des kapitalistischen Systems dahin. Nicht mit revolutionärem Getöse, wie noch Karl Marx erwartete, sondern auf leisen Sohlen schleicht der Kapitalismus von dannen."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/der-kapitalismus-schleicht-sich-davon-1.18526242

Torsten Landsberg: Wohnheim mit Concierge. In Berlin fehlt es an bezahlbarem Wohnraum für Studenten - private Investoren haben diesen Markt entdeckt

"Die Ausstattung der Wohnung ist allerdings weniger 'cum laude', als ihr Preis vermuten lässt. Die 212 Einheiten sind identisch gestaltet: schmucklos und in tristem Grau, PVC-Boden in Laminat-Optik. Nägel einzuschlagen, ist wegen der Leichtbauwände verboten. Die Staffelung der Preise hängt von der Lage des Apartments ab: Die erste Etage zur Strasse ist günstiger als die siebte im Hof mit Blick auf den Fernsehturm. Im Schnitt 500 Euro kosten 21 Quadratmeter im Monat eonschliesslich Heizkosten, 950 das Doppel-Apartment."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/deutschland-und-oesterreich/wohnheim-mit-concierge-1.18526408

Bruno Lezzi: Die Ukraine als Test für die US Army. Das neue Konzept des amerikanischen Heeres ist auf ein weites Spektrum von Konflikten ausgerichtet

"Wie eine kürzlich veröffentlichte Studie der Rand Corporation über die französische Kampfführung in Mali anregt, sollte sich die Army vermehrt mit den dort gewonnenen Erfahrungen in taktischer und materieller Hinsicht auseinandersetzen. Gerade der selbständige Einsatz kleiner Formationen, wie dies auch dem amerikanischen Heeresstabschef (General Raymond Odierno) vorschwebe, verdiene ernsthaft in die Entwicklungsarbeiten einbezogen zu werden. Näher zu betrachten seien auch die Radpanzer und Radschützenpanzer des französischen Heeres, die logistische Vorteile böten und zum Teil wie etwa das Kampffahrzeug AMX-10RC mit seiner 10,5-cm-Kanone über eine grössere Feuerkraft als der Schützenpanzer Stryker verfügten."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/amerika/die-ukraine-als-test-fuer-die-us-army-1.18525612

Montag, 20. April 2015

Peter Rásonyi: Wachsende Wohnungsnot im boomenden London. Steigende Hauspreise, Sozialkürzungen und der Ausverkauf von Sozialwohnungen setzen Junge und sozial Schwache unter Druck

"Doch von der neuen Zeit werden auch dessen Einwohner überrollt. Die Zahl der Obdachlosen ist seit 2010 um zwei Drittel gestiegen. Seit Inkrafttreten der von der konservativ-liberalen Regierung verfügten Sozialkürzungen hat gemäss dem Ausschuss eine beschleunigte Verdrängung von Bedürftigen in die äusseren Bezirke und ganz aus der Stadt hinaus eingesetzt. Viele Einwohner von Sweets Way und West Hendon Estate leben heute in provisorischen Notunterkünften. Sie müsse jetzt dreimal umsteigen und eineinhalb Stunden im Bus bis zur Schule fahren, erzählt die 13-jährige Anida, die ihre Primarschulzeit in Sweets Way verbracht hatte. Die Notunterkunft sei feucht und eng. Jedes Mal, wenn ein Zug vor dem Fenster vorbeifahre, wackle das Bett. Für das Erledigen der Hausaufgaben fehle das Internet. Die Schulleistungen hätten nachgelassen."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/europa/wachsende-wohnungsnot-in-london-1.18524700

Samstag, 18. April 2015

Peter Trawny: Die letzte Hand des Zauberers. Martin Heidegger und seine Gesamtausgabe.

"Wer einmal 'Heideggerianer' war, weiss, wie schwierig es ist, sich davon zu lösen. Ein unauflösbarer Widerspruch wird konsequent mit Verstossung bezahlt. Als ich im Herbst 1997 den Satz 'Zu fragen wäre, worin die eigentümliche Vorbestimmung der Judenschaft für das planetarische Verbrechertum' begründet sei, in Heideggers Manuskript fand und in die Satzvorlage übertrug, war die Reaktion von Heideggers ehemaligen Privatassistenten unmissverständlich. Das durfte nicht veröffentlicht werden. Und da der Satz in der von Fritz Heidegger angefertigten Abschrift des Manuskripts fehlte, gab es ein Argument. Vorausgesetzt, Heidegger hatte mit seinem Bruder die Abschrift durchgesehen, war sie der Text, der letzter Hand publiziert werden musste. Nun wurde deutlich: Der Dienst an der Gesamtausgabe enthielt den Auftrag, Schaden von Heideggers Denken auch dann abzuwehren, wenn dieser Schaden diesem Denken selbst entsprang."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/die-letzte-hand-des-zauberers-1.18524364

Freitag, 17. April 2015

Gottfried Schatz: Echte Bildung anstatt nur Wissensvermittlung. Die wahren Aufgaben der Universitäten.

"Wissenschaft beschäftigt sich nicht vorrangig mit Wissen, sondern mit Unwissen. Sie verwandelt dieses Unwissen in Wissen, wobei ihr der Akt der Umwandlung meist wichtiger ist als das Ergebnis. Leidenschaftliche Forscherinnen und Forscher betrachten das von ihnen geschaffene Wissen fast als ein Nebenprodukt, dessen Verwaltung und Weitergabe sie gerne anderen überlassen. Ein Lehrbuch der Biochemie wäre für sie nicht 'Biochemie', sondern die Geschichte der Biochemie - eine Zusammenfassung dessen, was sie bereits wissen oder zumindest wissen sollten. Ihre Heimat ist nicht das gesicherte Wissen, sondern dessen äusserste Grenze, wo Wissen dem Unwissen weicht."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/echte-bildung-anstatt-nur-wissensvermittlung-1.18523733

Heidi Gmür: Klappe auf für ein australisches Drama

"Es geht der Regierung nicht etwa darum, die Bevölkerung für das Schicksal von echten oder unechten Flüchtlingen zu sensibilisieren. Nein, das Drama soll in den Herkunftsländern potenzieller Flüchtlinge wie Syrien ausgestrahlt werden, um diese von einer Reise der Hoffnung nach Australien abzuhalten. Damit der Film Wirkung entfalten kann, müsste die Lage in Australien freilich so dargestellt werden, dass das Publikum vor Schreck lieber zu Hause bleibt und wartet, bis Australien sie allenfalls für eine humanitäre Aufnahme auserwählt. Keine einfache Aufgabe. Doch Australien hat Vorarbeit geleistet, die Produzenten können aus dem Vollen schöpfen."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/aufgefallen/klappe-auf-fuer-ein-australisches-drama-1.18523232

Donnerstag, 16. April 2015

Stephan Wehowsky: Kritik und Gewalt. Russland und der Islam werfen dem Westen Dekadenz vor. Was ist da dran?

"Der Bremer Soziologe Gunnar Heinsohn hat schon früh auf die Brisanz der Demografie aufmerksam gemacht. Demnach besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Geburtenraten und Krieg. Immer dann, wenn es Geburtenüberschüsse gibt, so seine These, werden Kriege geführt. Das liegt daran, dass die Überzahl junger Männer eine machtvolle Ressource ist. Hinzu kommt, dass in aller Regel die Bevölkerung schneller wächst als die Wirtschaft. Eine grosse Zahl von jungen Männern hat also keine Chance, eine Position zu finden, die ihnen angemessen erscheint. Das war schon im Mittelalter und in der frühen Neuzeit so, und heute beobachten wir das in den Gesellschaften des Nahen Ostens, Afrikas und zum Teil auch in Asien. Durch die vorgeburtliche geschlechtliche Selektion in manchen Ländern kommt noch das Problem hinzu, dass Männer ohne Frauen bleiben. Gewalt bietet nun die Chance, sich zu beweisen, wenigstens zeitweise Prestige zu erringen und Frustration abzureagieren."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/vernunft-und-selbstbehauptung-1.18522868

Mittwoch, 15. April 2015

Peter Glaser: Die neue Weltordnung

"Mit dem Buchdruck waren zahlreiche alte Manuskript vervielfältigt worden und hatten die Renaissance mit der Vergangenheit des Altertums und des Mittelalters überflutet. In dieser Zeit wurde auch die Zukunft erfunden. Mithilfe von Büchern begann der menschliche Geist zum ersten Mal, sich frei in Vergangenheit und Zukunft zu bewegen. Heute lässt die Vernetzung uns eintauchen in alle Kulturen, die je auf dieser Wet existierten. Für manchen fühlt sich der kreative Anspruch der neuen Medien jedoch erdrückend an. Was zuvor Zeitungen, Fernsehen und Bibliotheken vorgeordnet, registriert und zusammengefügt hatten, wird nun durch die Dugitalisierung entbündelt. Musikalben zerfallen wieder in einzelne Stücke. Zeitungen zerflattern zu Artikel-Atomen im Stream der sozialen Netze. Das Internet stattet die Dinge mit einer neuen Gewichtslosigkeit und Mobilität aus. Alles lässt sich nun mit einem Klick um die Welt schicken, verändern, miteinander verbinden ubd teilen. Das Inbild der digitalen Welt sind nicht mehr die Reihen ruhender Bücher in einer Bibliothek, sondern die riesigen, wendigen Fischschwärme im Ozean."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/die-neue-weltordnung-1.18522236

Franziska Bulban: Mehr Asylanträge im vergangenen Jahr

"Insgesamt wurden 128 911 Anträge 2014 bearbeitet. Davon bekamen 40 563 Personen Schutz zugesprochen, was einer Schutzquote von 31,5 Prozent entspricht. Auch diese Quote ist im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Für 2015 rechnet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit rund 250 000 Personen, die neu nach Deutschland kommen. Trotz der wachsenden Zahlen ist der Anteil an Flüchtlingen an der Gesamtbevölkerung in Deutschland gering. Ein Beispiel: Viele klassische Verkehrsflugzeuge haben ungefähr 400 Sitzplätze. Angenommen, Deutschland wäre ein solches Flugzeug und die Passagiere wären die Einwohner, dann würde etwa zwei Pläze im ganzen Flugzeug von den Menschen beansprucht, die 2014 Asylanträge gestellt haben. Länger bleiben dürfen im Jahr 2014 davon so wenige, dass sie gerade einmal einen Fünftel-Platz brauchen würden - also. Um in der Analogie zu bleiben, etwa so viel Platz wie ein Kleinkind."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/mehr-asylantraege-im-vergangenen-jahr-1.18521450

Dienstag, 14. April 2015

[anti-b]: Bertelsmann NS Verbrechen ( Tomas Hartmann)

Hallo, 

anbei ein Buch mit einer Bücherliste im Anhang von bis dato noch unbekannten NS Verbrechen von Bertelsmann, im übrigen wird auch bewiesen, dass die NS Führung mit Bertelsmann Bielefeld eng vernetzt war, dem heutigen Partner der Bundesregierung, die NS Verbrechen durch Bertelsmann Autoren sind der Öffentlichkeit noch nicht bekannt.

Nach dem ich das Buch letzes Jahr zum Teil veröff. ware relativ oft der Rechner der Bundeswehr, LKA und diverse Staatskanzlein auf meiner Seite.

Das Buch wird jetzt bei Google Books gratis angeboten.  
Es wird um Verbreitung gebeten. Das Werk als E-Book ist frei.

T.A. Hartmann

Hier der Link: https://books.google.de/books?id=Ge0wBwAAQBAJ&pg=PA65&dq=thomas+hartmann+buch+bertelsmann&hl=de&sa=X&ei=W_EsVbfDOoHWOIeRgZgL&ved=0CDQQ6AEwAA#v=onepage&q&f=false

Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.

Montag, 13. April 2015

Hans Ulrich Gumbrecht: Durchatmen im Stadion

"Immer hoffe ich auf das Gelingen einer dynamischen Form, deren Substanz aus den Bewegungen meiner Mannschaft besteht, begleitet von den ständig einsetzenden Bewegungen meines eigenen Körpers am Rand der Aufmerksamkeit. Jeder gelingende Spielzug ist ein Ereignis, weil er sich gegen den Widerstand der anderen Mannschaft verwirklicht hat, was auch bedeutet, dass sein Gelingen nie gewiss sein konnte und in jedem Fall zu einer spezifischen, der anderen Mannschaft abgerungenen Form wird. Als unwiederholbares Ereignis und singuläre Form aber beginnt der gelingende Spielzug vom ersten Moment seines Aufscheinens an zu verlöschen. So hat er eine Aura von Melancholie, die keine seiner vielfachen Medien-Wiederholungen aufwiegen kann."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/durchatmen-im-stadion-1.18519608

Jürg Kürsener: Amerikas Antwort auf Chinas Salamitaktik. Mit dem Kampf um Interessensphären in Ostasien wächst die Bedeutung der pazifischen Streitkeäfte der Vereinigten Staaten

"Unbeeindruckt davon baut China seine Präsenz auf den Spratly-Inseln mit künstlichen Aufschüttungen aus, beispielsweise bei den Gaven Reefs und beim Johnson South Reef. Ferner soll es auf dem Fiery Cross Reef seit November 2014 eine künstliche Insel aufschütten, auf der nebst Hafenanlagen vermutlich auch ein Flugplatz mit einer 3000 Meter langen Piste gebaut wird. Damit könnte China seinen Aktionsradius viel weiter nach Süden hin ausbauen."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/amerika/amerikas-antwort-auf-chinas-salamitaktik-1.18519134

Donnerstag, 9. April 2015

Stefan Betschon: Psychologie und Big Data

"Der amerikanische Psychologe James Pennebaker hat bereits in den 1990er Jahren angefangen, in geschriebenen Texten Hinweise zu suchen, die etwas über die Gefühlslage des Autors aussagen. Er hat zum Beispiel herausgefunden, dass Leute, die mit sich selber Mühe haben, häufiger 'Ich' sagen. Durch die häufige Verwendung dieses Pronomens unterscheiden sich etwa Lyriker, die sich umgebracht haben, von anderen, die eines natürlichen Todes gestorben sind. Es sind interessanterweise Funktionswörter, die den Unterschied machen, Wörter, die in einem Satz keine lexikalische Bedeutung besitzen, die rein grammatische Funktionen übernehmen. Im Englischen sind das laut Pennebaker rund 500 Wörter, ein Prozent des Wortschatzes. Der Psychologe hat Computer-Software entwickelt, die durch die Analyse dieser Wörter den emotionalen Gehalt einer schriftlichen Äusserung erfassen kann."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 9. April 2015 (Nr. 81, 236. Jg.), S. 38.

Neue Zürcher Zeitung (S. B.): Schädliche Werbung. Google greift durch

"Werbung auf dem Smartphone ist nervig. Aber nicht nur das: Sie kostet Geld, weil sie Bandbreite, Speicherplatz, Rechenleistung und Batteriekapazität konsumiert. William Halfond hat es unternommen, diese nachteiligen Auswirkungen von Werbung zu quantifizieren. Dafür hat sich der amerikanische Computerwissenschafter von der University of Southern California mit Kollegen vom Rochester Institute of Technology und von der kanadischen Queen's University zusammengetan. In ihrer Studie konnten die Forscher zeigen, dass Werbung den Energiebedarf von Apps um durchschnittlich 16 Prozent erhöht. Bei der Rechenleistung verursacht Werbung eine Erhöhung des Bedarfs um durchschnittlich 48 Prozent, bei der CPU-Auslastung um 56 Prozent, beim Speicherplatz um 22 Prozent. Werbung erhöht den Datenverkehr um durchschnittlich 79 Prozent; jede Einblendung einer Anzeige kostet den Rezipienten ein paar Cents."

Quelle: http://www.nzz.ch/mehr/digital/google-gegen-ad-injectors-1.18517983

Peter Nowak: Unfrieden in der Friedensbewegung. Am Wochenende fanden in Deutschland unter dem Motto "Die Waffen nieder" die traditionellen Ostermärsche statt.

"Vor allem aber erwähnt Krüger (Uwe Krüger in einem Beitrag für das " Neue Deutschland"; SR) nicht, dass die Friedensbewegung durch ihr Bündnis mit den nach rechts offenen 'Mahnwachen für den Frieden' unter dem Dach des 'Friedenswinters' viel Anlass zur kritischen Berichterstattung gegeben hat. Mittlerweile hat zumindest die wichtigste antimilitaristische Organisation 'Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte Kriegsdienstgegner' (DFG-VK) dieses Bündnis aufgekündigt. Der unmittelbare Anlass war ein verbaler Ausfall des 'Mahnwachen'-Aktivisten Ken Jebsen gegen den politischen Geschäftsführer der DFG-VK Monty Schädel. Auf einer Kundgebung bezeichnete der ehemalige Radiomoderator Schädel als 'Feind', darüber hinaus behauptete Jebsen, Schädel sei 'gekauft von der Nato'. Der Gescholtene hatte in Interviews eine kritische Bilanz des 'Friedenswinters' gezogen und war zu dem Fazit gelangt, dass dieses Bündnis die Friedensbewegung nicht etwa voranbringe, sondern kaputt mache."

Quelle: Jungle World, 9. April 2015 (Nr. 15, 19. Jg.), S. 7.

Samstag, 4. April 2015

Andreas Kilcher: Okkultistischer Weltentwurf. William Butler Yeats' Schrift "Eine Vision" liegt erstmals in deutscher Übersetzung vor

"So kann es nicht überraschen, dass die Übersetzung dem anspruchsvollen Text (William Butler Yeats: Eine Vision. Aus dem Englischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Axel Mobte. Kröner-Verlag, Stuttgart 2014. 336 S.; SR) nicht immer gewachsen ist. Denn was Yeats unter dem Titel 'Eine Vision' vorlegte, ist nicht nur schöne Literatur, sondern im Wesentlichen ein umfassendes esoterisches System, in dessen Zentrum ein 'Hauptsymbol' steht, das sogenannte 'grosse Rad', das in '28 Mondphasen' einen ganzen Weltentwurf visualusiert. Dessen Darstellung und Ausdeutung bildet den eigentlichen Anspruch dieses niveavollen und letztlich sehr persönlichen Werks. An den Illustrator des Buches, Edmund Dulac, schrieb Yeats im April 1924: 'I do not know what my book will be to others - nothing perhaps. To me it means a last act of defence against the chaos of the world.'"

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/okkultistischer-weltentwurf-1.18515530

Uwe Justus Wenzel: Eine Ausgabe letzter Hände. Die Diskussion um die angemessene Edition von Martin Heideggers Schriften nimmt wieder Fahrt auf

"Wer gelassen bleiben will, wird fragen: Warum heute noch so viel Aufhebens um den Nachlass, wo doch bereits die Quellen zu gut neunzig Bänden eingesehen werden können? Selbstredend geht es um unter der - letzten oder vorletzten - Hand vorgenommenen Textänderungen, zumal um solche, die Rückschlüsse auf Gesinnungen, Ressentiments oder sonstige Geisteszustände zulassen. Darum dreht sich die 'Heidegger-Debatte' seit gut sechs Jahrzehnten immer wieder. Peter Trwany, der Editor auch der 'Schearzen Hefte', hat bereits vor einem Jahr auf einen Satz hingewiesen, der in dem von ihm 1998 herausgegebenen Band 69 der Gesamtausgabe fehle, aber im ursprünglichen Manuskript (aus der Zeit von 1938/40) stehe. 'Zu Fragen wäre', schreibe Heidegger dort, 'worin die eigentliche Vorbestimmung der Judenschaft für das planetarische Verbrechertum begründet' sei. Ist da von den Juden als Opfern von 'planetarischen' Verbrechern die Rede - oder werden sie selbst des Verbrechertums bezichtigt? Nach dem Bekanntwerden der einschlägigen Passagen aus den 'Heften' ist die zweite Lesart die naheliegende."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/eine-ausgabe-letzter-haende-1.18515827

Jeroen van Rooijen: Facebook macht bald auch Mode

"Mehr als 2800 Personen werden auf dem neuen Facebook-Campus (1 Bayfront Expressway, Menlo Park, Kalifornien; SR) arbeiten. Was tun sie? Der Social-Network-Konzern tut gerne so, als würden die vielen Mitarbeiter den ganzen Tag im Internet surfen und Spass haben. So wie wir alle, die mit Facebook Unmengen von Lebenszeit verplempern. Tatsächlich wird beim mächtigsten Medium unserer Zeit aber an der Beherrschung der Welt gefeilt. Ganz gewiss sitzt in Menlo Park auch eine Moderedaktion, die sich ausdenkt, was wir 2018 tragen. Facebook hat die Macht und die Mittel dazu, weltumspannend in den Stildiskurs einzugreifen. Konventionelle (Print-)Titel wirken daneben fast antiquarisch."

Quelle: http://www.nzz.ch/lebensart/stil/facebook-macht-morgen-auch-mode-1.18515087

Torsten Landsberg: Der Pressekodex rückt in den Hintergrund. Für ihre Berichte über die Germanwings-Katastrophe greifen einige Medien zu fragwürdigen Recherche-Mitteln

"Wenn Psychologen relevante Hintergrundinformationen zu den Anzeichen für Suizidalität gäben, könne das dazu beitragen, dass die Debatte sachlich geführt werde, sagt Andrea Abele-Brehm, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychplogie. Es sei wichtig, dass es sich dabei um allgemeines Wissen handele. 'Wenn sich Personen jedoch hinreissen lassen, über den konkreten Einzelfall zu spekulieren, halte ich das für problematisch.' Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, zählt hingegen zu jenen, die mit dem konkreten Einzelfall keine Berührungsängste haben. 'Wir können spekulieren', sagte sie zwei Tage nach dem Absturz dem Nachrichtensender N24 - und stellte fest, der Co-Pilot sei 'gekränkt worden, hat sich elendig, klein, vielleicht maximal beschämt gefühlt'. Solche Ferndiagnosen lassen Redaktionen ihr eigenes Vorgehen legitimieren. Das sei ein wesentlicher Grund, warum Medien sogenannte Experten bemühen, sagt Bolz (Norbert Bolz, Medienwissenschaftler an der TU Berlin; SR). 'Redaktionen suchen gezielt nach Leuten, deren Einschätzung als Blankoformular für die Berichterstattung in eine bestimmte Richtung dient.'"

Quelle: http://www.nzz.ch/international/europa/der-pressekodex-rueckt-in-den-hintergrund-1.18515076

Niklaus Peter: Verwandlung und Erneuerung. Religionen schärfen den Blick für die Vetkehrtheit des Menschen - sie helfen aber auch, Heilung und Transformation anzustreben. Dabei sollten sie ihre eigenen Ambivalenzen nicht übersehen.

"Das leitende Interesse des Philosophen James (William James: Die Vielfalt religiöser Erfahrung; SR) bei seiner Reise in wunderbare und auch wunderliche Regionen des Geistes war die Beantwortung der Frage: Gibt es auch etwas Durchgängiges und Verbindendes? Gibt es einen gleichbleibenden Kern religiöser Erfahrung in dieser verwirrenden Vielfalt? Die positive Antwort im Schlusskapitel lautet: Zwei Erfahrungen seien es, die innerlich zusammenhingen. Erstens finde man fast überall ein in religiösen Traditionen gespeichertes Gefühl von uneasiness, ein Unbehagen im Hinblick auf uns selbst, die tiefe Ahnung, dass etwas mit uns nicht stimme. Zweitens aber die Erfahrung: Wenn man mit höheren Mächten in Verbindung trete, könne man von der Verkehrtheit (wrongness) befreit und geheilt werden."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/verwandlung-und-erneuerung-1.18515944

Donnerstag, 2. April 2015

Neue Zürcher Zeitung (cei.): Halbzeit bei Bertelsmann. Firmenchef Rabe setzt auf Bildung und Schwellenländer

"Es ist ein langwieriger Umbau, den Firmenchef Thomas Rabe Europas grösstem Medienkonzern, Bertelsmann, verordnet hat. Noch vor gut einem Jahrzehnt hatte die Firma in Tiefdruckkapazitäten und in Buchklubs investiert - solche Geschäfte werden derzeit abgewickelt oder abgestossen, was den sinkenden Reingewinn zu einem guten Teil erklärt. Rabe leitet den Konzern seit 2012. Man sei jetzt in der Halbzeit der Transformation angekommen, sagte er an der Bilanzpressekonfetenz in Berlin. Noch ist die Dynamik des Gesamtkonzerns aber verhalten. Der Umsatz ohne Zukäufe ist gegenüber der Vorjahr leicht tiefer.

Rabe will den Konzern internationaler aufstellen. 93% des Umsatzes werden derzeit in Europa und den USA erzielt. Gleichzeitig soll Bertelsmann stärker wachsen. Geschäfte, die jährlich mindestens 5% zulegen, machen derzeit 27% am Umsatz aus. Diesen Anteil will Rabe in wenigen Jahren auf 40% bringen. Auf Grossübernahmen sei man nicht erpicht. Die Familie Mohn, die direkt und über ihre Stiftung 100% der Firma kontrolliert, mag keine Abenteuer.

Rabe will den Umsatz in zwei bis vier Jahren um ein Fünftel auf 20 Mrd. € steigern. Zu diesem Wachstum sollen das Geschäft in den Schwellenländern sowie das noch kleinere Standbein Bildung, etwa mit E-Learning, je 1 Mrd. € beitragen. Ein Beispiel, wie Ersteres gelingen soll, wurde am Montag geliefert: Demnach wird die Internetplattform Alibaba den chinesischen Online-Markt für Künstler von BMG, der Musikrechte-Sparte von Bertelsmann, erschliessen. Das Geschäft mit BMG ist (noch) klein, aber fein. Stabile Erträge liefert weiterhin das Fernsehgeschäft der RTL-Gruppe. Auch dort macht man aber Schritte zum Online-Geschäft. So wurde 2014 die Firma SpotXchange gekauft, über die täglich 3 Mrd. Reklamen für Online-Videos auktioniert werden.

Zu Bertelsmann gehören 250 Buchverlage, die unter dem Dach von Penguin Random House zusammengefasst sind. Jeden Tag verkauft die Firma 2 Mio. Bücher. Sie ist nach dem Zusammengehen von Random House und Penguin Marktführer in den USA, Grossbritannien und Deutschland. Der Marktanteil von E-Books beträgt mittlerweile 20%. Dabei sind die Unterschiede zwischen den Ländern gross: In den USA sind es 30%, in Deutschland erst 15%. Und er differiert auch nach Genre. In den USA etwa liegt die Quote von E-Books für Belletristik bei 50%, bei Kinder- und Kochbüchern aber unter 10%. Bemetkenswert ist, dass in den USA bei E-Books eine Wachstumsabflachung stattfindet. Das gedruckte Buch ist also kein Auslaufmodell."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 2. April 2015 (Nr. 77, 236. Jg.), S. 13.

Toby Matthiesen: Die gefährlichen Interventionisten vom Golf. Die Militärintervention in Jemen verschärft die regionalen Spannungen zwischen Saudiarabien und Iran. Es geht weniger um echte politische Lösungen für Jemen als darum, die Vormachtstellung der Golfstaaten und des mit ihnen verbündeten ägyptischen Präsidenten Sisi in der Region zu demonstrieren.

"Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) beteiligten sich mit Kampfflugzeugen und Spezialeinheiten an der Nato-Intervention in Libyen und waren auch symbolisch wichtig, um die Intervention weniger neokolonialistisch aussehen zu lassen. Im März 2011 rollten saudische Panzer (zusammen mit Einheiten aus den VAE, Kuwait und Katar) über die Brücke, die die saudische Ostprovinz mit dem Inselstaat Bahrain verbindet, und schlugen dort eine weitgehend friedliche Demokratiebewegung nieder. 2014 führten die Golfstaaten (ohne Kuwait und Oman) dann Luftangriffe in Syrien und im Irak durch, um die Rebellen des Islamischen Staates zu schwächen. Im selben Jahr flogen die VAE zusammen mit Agypten auch Luftangriffe in Libyen. Libyen ist ein Paradebeispiel dafür, welche Konsequenzen solche Interventionen haben können und wie persönliche Rivalitäten zwischen Herrscherfamilien am Golf die Aussenpolitiken einzelner Golfstaaten beeinflussen. Denn in Libyen hat Katar Libya Dawn, einem Rebellenverband, der auch Islamisten umfasst und die Hauptstadt Tripolis kontrolliert, den Rücken gestärkt, während die VAE sich hinter General Haftar, einen säkularen alten Militär und Weggefährten von Ghadhafi, gestellt haben. Die Luftangriffe der VAE und Ägypten zielten denn auch auf Libya Dawn, mit dem Ziel, Haftar zu stärken. Die Angriffe haben das Land aber noch stärker polarisiert und den Bürgerkrieg angeheizt. Der Zerfall des Staates und die Omnipräsenz von Milizen erschweren eine politische Lösung in Libyen."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/die-gefaehrlichen-interventionisten-vom-golf-1.18514108

David Signer: Der Islamismus und die Frauen. Die Frage der Sexualität ist für Jihadisten offensichtlich zentral. Aber je mehr sie alles Weibliche verbannen, desto obsessiver sucht es sie heim.

"Vor allem die Schwiegermütter wachen eifersüchtig darüber, dass die junge Frau nicht 'Schande' über die Familie bringt und möglichst bald Kinder in die Welt setzt. Eigentlich wächst der Knabe in einem matriarchalen Haushalt auf, und er entkommt ihm bis an sein Lebensende kaum, mag er sich aussethalb des Hauses noch so sehr als als Chef aufspielen. Unnötig zu sagen, dass die Frauen von diesem System allerdings auch wenig haben. Insbesondere sind Zärtlichkeit, Liebe und Leidenschaft zwischen Ehepartnern unter solchen Bedingungen fast unmöglich. Ein Araber, der seine Frau allzu offensichtlich und mehr als seine Mutter liebt, macht sich lächerlich. Er ist 'unter die Räder gekommen'. Verwestlichung und Modernisierung bedeuten für viele dieser Männer, die gefährlichen Frauen freizulassen und so sich ihnen erst recht auszuliefern. Deshalb kommen ihnen Europäer manchmal wie Eunuchen vor. Ohne all diese sexuellen Aspekte ist Jihadismus nicht verständlich."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/der-islamismus-und-die-frauen-1.18514067

Mittwoch, 1. April 2015

Oliver Pfohlmann: "Der eine sucht dies, der andere das". Anton Tantner über Fragstuben, Intelligenz-Comptoirs und Berichthäuser - die Vorläufer der Suchmaschinen

"Nach Tantner (Anton Tantner: Die ersten Suchmaschinen. Adressbüros, Fragämter, Intelligenz-Comptoirs. Klaus Wagenbach, Berlin 2015. 174 S.; SR) begann alles mit Montaigne, der in seinen 'Essais' schrieb: 'Der eine sucht dies, der andere das, jeder nach seinem Bedarf', warum also nicht, 'in den Städten eine bestimmte Stelle' einrichten, die alle Angebote, Wünsche und Suchanfragen registriert, um den 'Austausch von Informationen' zu erleichtern? Viele nachfolgende Visionäre beriefen sich auf Montaigne und verbanden mit der Idee mitunter handfeste sozialreformerische Absichten, die den heutigen Gesellschaftsutopien von Google kaum nachstehen. So träumte der englische Gelehrte Samuel Hartlib in den 1640er Jahren von einem 'Office', das alles verfügbare Wissen sammeln und zur Verfügung stellen würde, um so eine Reform des Königreichs zu ermöglichen und eine 'wohlgeordnete Gesellschaft' entstehen zu lassen. Auf den praktischen Nutzen rekurrierte kein Geringerer als Gottfried Wilhelm Leibniz, der 1712/13 die Einrichtung eines 'Notiz-Amtes' vorschlug, in dem nicht nur 'leute, die einander von nöthen haben, von einander kundschafft bekommen können', sondern darin 'bekommt (einer) auch offt gelegenheit etwas zu suchen und zu verlangen, darauff er sonst nicht gedacht hätte.'"

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 1. April 2015 (Nr. 76, 236. Jg.), S. 24.

Milosz Matuschek: Verlieben Sie sich bitte - jetzt!

"In bestimmten Situationen einfach einmal nichts zu tun, uns gänzlich passiv zu verhalten, widerstrebt uns. Wer nichts tut, verliert scheinbar die Kontrolle über das Geschehen. 'Wir können ja nicht einfach herumstehen und gar nichts tun!' ist der Verzweiflungsschrei des Aktionisten. Zu glauben, dass es stets besser ist, etwas zu tun, als nichts zu tun, ist ein tief in uns verwurzeltes Denkmuster. Evolutionsbedingt sind uns eben die Alternativen Kampf oder Flucht eher in Fleisch und Blut übergegangen als die Strategie 'abwarten und Tee trinken', mit der vielleicht am ehesten noch die Engländer begabt sind. Als 1941 die Nachricht die Runde machte, Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess sei in Schottland gelandet, wollte sich Churchill deshalb lieber nicht von einer Folmvorführung abhalten lassen: 'Hess oder kein Hess - ich möchte jetzt die Marx-Brothers sehen.'"

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/verlieben-sie-sich-bitte--jetzt-1.18514068

Montag, 30. März 2015

Martin Zapfe: Zerfall der Staatenordnung im syrisch-irakischen Krisenbogen. Das Machtgefüge im Nahen und Mittleren Osten löst sich auf

"2015 sind Syrien und der Irak nun Schauplatz eines einzigen, grenzübergreifenden Krieges mit vielen unübersichtlichen Fronten, Akteuren und Kriegszielen. Zu Beginn der Präsidentschaft Barack Obamas bürgerte sich ein, Afghanistan und Pakistan als Schauplatz eines einzigen Konflikts mit der Wortschöpfung 'Afpak' zu bezeichnen. Analog hilft es zum Verständnis des Nahen und Mittleren Ostens, von einem Kriegsgebiet 'Syrak' zu sprechen."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 30. März 2015 (Nr. 74, 236. Jg.), S. 6.

Roman Bucheli: Die Rückeroberung des Ich. Wie der Selfie-Stick als verlängerter Arm die Optimierung des Selvstbildes unterstützt.

"Roland Barthes konnte in der Fotografie noch 'das Auftreten meiner selbst als eines anderen' beobachten. Es finde dabei 'eine durchtriebene Dissoziation des Bewusstseins von Identität' statt, notierte er in seinem Buch 'Die helle Kammer'. Davon ist gerade noch eine fahle Parodie geblieben, und die 'durchtriebene Dissoziation' wird in ihr Gegenteil gewendet: Das 'Bewusstsein von Identität' holt sich mit dem Gestänge seine ebenso schamlos sichtbare wie robuste Armierung. Dieses Ich braucht noch nicht einmal mehr auf der Strasse einen Passanten anzusprechen, um sich in Pose fotografieren zu lassen. Mit dem Auslöser im Sack und der Kamera auf der Stange kann jeder Lebensaugenblick und können selbst ganze Sequenzen nach eigener Massgabe und jederzeit fotografisch oder filmisch dokumentiert und für die eigene kleine Ewigkeit fixiert werden."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/die-rueckeroberung-des-ich-1.18511504

Samstag, 28. März 2015

Luke March: Beyond Syriza and Podemos, other radical left parties are threatening to break into the mainstream of European politics

O"Even some of the larger, more established parties such as the German Die Linke and Dutch Socialist Party have struggled to increase their perspectives during the crisis. Gradual moderation to offer governing perspectives has often risked disappointing more radical supporters while failing to fully convince new voters and coalition partners that they mean business, while the business community itself often weighs in heavily against the radical left and their supposedly obsolete, 'extreme' or 'far left' policies. At the same time the radical right often benefits more than the radical left, mainly because they are more ideologically flexible than the left an can appropriate left-wing arguments (defence of the welfare state, protection of workers) while the left often struggles to come up with a popular response to right-wing arguments. Repugnant though anti-immigration sentiment is, it can be electorally dynamic in a way that international solidarity is not."

Quelle: http://blogs.lse.ac.uk/europpblog/2015/03/24/beyond-syriza-and-podemos-other-radical-left-parties-are-threatening-to-break-into-the-mainstream-of-european-politics/

Daniel Steinvorth: Auf den Spuren des "Kalifats". Herausforderung IS

"Mit der besonderen Entstehubgsgeschichte des IS, vor allem mit den Biografien des Gründers Abu Musab al-Zarkawi und des heutigen IS-Chefs Abu Bakr al-Baghdadi, hat sich der deutsche Islamwissenschafter Guido Steinberg (Kalifat des Schreckens. Knaur TB, München 2015. 208 S.; SR) beschäftigt. In seinem Buch mit dem etwas reisserischen Titel 'Kalifat des Schreckens' zeichnet er präzis den bis 2014 wenig beachteten Aufstieg der Jihadisten nach. Als Wegmarken seien dabei genannt die fatale Irak-Offensive der Amerikaner, der darauffolgende Bürgerkrieg - der dem fanatischen Schiitenhasser Zarkawi ein ideales Schlachtfeld bot - sowie der Staatszerfall und das sich hieraus ergebende Machtvakuum in Syrien und im Irak."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/politische-literatur/auf-den-spuren-des-kalifats-1.18509861

Wolfgang Taus: Die NSA als Religion. Datenhunger ohne Grenzen

"Damit scheint die NSA an den demokratischen Grundfesten des Rechtsstaates zu rütteln. Aus Demokratie wird schrittweise eine Überwachungsdemokratie - im Namen einer angebluchen 'Demokratieoptimierung'. Damit scheine, historisch gesehen, der moderne demokratische Rechtsstaat zurückzufallen auf die Stufe einer altindischen Monarchie im 4. Jh. n. Chr. mit ihrem Theoretiker Kautilya. In seinem Staatsmodell war der Mensch nicht von sich aus ein staatsteagendes Wesen, sondern bedurfte ständiger Gängelung und Überwachung. Jeder Bürger war potenzieller Staatsfeind. Im Reich des Bösen seien die Bösen stets die anderen, betont der Autor (Bernhard H. F. Taureck: Überwachubgsdemokratie. Die NSA als Religion. W.-Fink-Verlag, Paderborn 2014. 103 S.; SR)."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/politische-literatur/die-nsa-als-religion-1.18510176

Stefan Betschon: Googles Geheimnisse

"Die Wissenschaftlichkeit von (Robert; SR) Epsteins Studien ist nicht über alle Zweifel erhaben. Doch der Verdacht, dass eine Firma, die die Informationsvermittlung im Internet kontrolliert, einen grossen Einfluss auf die politische Meinungsbildung besitzt, ist nicht von der Hand zu weisen. Deshalb diskutieren jetzt deutsche Politiker 'Transparenzverpflichtungen für meinungsrelevante Algorithmen'. Google soll die 'geheime Formel seiner Suchmaschine' ('Spiegel'), die 'Suchformel' ('Bild') offenlegen."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 26. März 2015 (Nr. 71, 236. Jg.), S. 34.

Andrea Spalinger: Ein Leben ohne Perspektive. Kibrom Tefamihret hatte einst grosse Hoffnungen - nun steckt der Eritreer in Italien fest, wo es weder Jobs noch Hilfe für Flüchtlinge gibt

"Eritrea ist ein autoritärer Staat, der Andersdenkende verfolgt und Bürger zu jahrelangem Militärdienst zwingt. Flüchtlinge aus dem ostafrikanischen Land erhalten überall in Europa humanitäre Aufnahme oder Asyl. Er habe damals leider keine Ahnung von 'Dublin' gehabt, erklärt Tesfamihret. Mittlerweile seien die Flüchtlinge besser informiert. Eritreer versuchten, nach der Ankunft unterzutauchen und weiterzureisen."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/europa/der-eritreer-kibrom-tesfamihret-ist-nach-seiner-flucht-in-rom-auf-der-strasse-gelandet-1.18509382

Ulrich Schmid: Empfindliche Potentaten. In Kuwait sind Sicherheitskräfte gewaltsam gegen Kritiker des Emirs vorgegangen. Dieser soll sich, wie andere Golfherrscher auch, beleidigt gefühlt haben.

"Demonstriert wurde für die Freilassung des Oppisitionsführers Mussallam al-Barrak, der 2014 festgenommen und wegen Beleidigung des Emirs von Kuwait zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden war. 'Beleidigung', rechtlich extrem lax definiert, ist in den meisten Golfstaaten ein schweres Verbrechen und kann mit Leichtigkeit gegen politische Gegner eingesetzt werden. Bestraft wird in Kuwait auch die Beleidigung ausländischer Herrscher: Der 26-jährige Satiriker Muhammad al-Ajmi etwa wurde nach eigenen Angaben mehrfach festgesetzt und verhört, weil er einen Tweed gepostet hatte, in dem er das saudische Königshaus beleidigt und das (in Riad offenbar als positiv eingestufte) Menschenrechtsimage des Landes brschädigt haben soll."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/naher-osten-und-nordafrika/empfindliche-potentaten-1.18509336

Donnerstag, 26. März 2015

Peter Hornung: Datenleck bei Bertelsmann-Tochter Infoscore

"Infoscore hat nach eigenen Angaben von 7,8 Millionen Verbrauchern Daten, die auf finanzielle Schwierigkeiten hinweisen: von Mahnbescheiden über erfolglose Pfändungen bis hin zu Haftbefehlen für hartnäckige Schuldner. All das konnte man auch über das Mieterportal erfahren."

Quelle: http://www.ndr.de/info/programm/Datenleck-bei-Bertelsmann-Tochter-Infoscore,datenschutz364.html

Enver Robelli: Hetze gegen eine halbe Million Menschen. Mit Klischees ist der Balkan nicht zu erklären. Ein Stück Schweizer Geschichte zeigt, weshalb.

"Die Schweiz hat nicht die falschen Ausländer rekrutiert, wie rechtsnationale Kreise behaupten, sondern mit einer falschen Migrationspolitik das Problem verschärft. Dennoch: Die Integration der Menschen aus dem Balkan verläuft schneller als jene der Italiener vor 30 oder 40 Jahren. Davon zeugen nicht nur Baufirmen, Malergeschäfte und Restaurants, die hierzulande von Menschen aus dem Balkan gegründet, geöffnet oder geleitet werden. Davon zeugen auch immer mehr Jungpolitiker und gut ausgebildete Handwerker. Sie sind ein Teil der Schweiz. Und sie werden hier bleiben."

Quelle: http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Hetze-gegen-eine-halbe-Million-Menschen/story/10311804

Dienstag, 24. März 2015

Rainer Stadler: Griechischer Salat

"Und nun? Hat Varoufakis etwas erreicht? Volksvertreter und Minister müssen sich für ihr Land einsetzen. Doch am Schluss zählt das Resultat, nicht der tolle Tanz auf der Medienbühne. Das Affentheater um einen exponierten Mittelfinger des Griechen mündete in der vergangenen Woche in ein Massaker an allen Beteiligten. Auslöser war Günther Jauch, der in seiner Talkshow Effekthascherei betrieb, indem er einen Videomitschnitt von Varoufakis’ Skandalfinger aus dem Zusammenhang riss. Der Finanzminister sprach darauf von einer Fälschung. Der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann wiederum inszenierte sich als angeblicher Fälscher der Videoszene. Zahlreiche Zeitgenossen fielen darauf herein, und Varoufakis sah sich in seinem Vorwurf bestätigt, bis das ZDF den Fall auflöste. Ein formidabler Trick, um die Einschaltquote zu erhöhen. Und was für eine Blamage. Journalisten wissen, dass der Einsatz von Ironie heikel ist, weil flüchtige Konsumenten den doppelten Boden einer Botschaft oft nicht wahrnehmen. Umso peinlicher, wenn es nun die engere Gemeinde nicht merkte. Die sekundenschnelle Dauerkommunikation treibt selbst manchen medial Gestählten in die Besinnungslosigkeit."

Quelle: http://medienblog.blog.nzz.ch/2015/03/24/griechischer-salat/

Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.

Wolfgang Sofsky: Die Wunder der Illusion. Karl Heinz Bohrer versucht die Künste vor kunstfremden Übergriffen zu retten

"Bohrers Gewährsleute sind nicht unbekannt: Novalis, Brentano, Baudelaire, Nietzsche, Bataille oder auch Heinrich von Kleist, dessen «Michael Kohlhaas» er nicht als Lehrstück über die fatalen Folgen des moralischen Rigorismus liest, sondern als Exemplum «imaginativer Intensität». Der «gottverdammte, entsetzliche» Mordbrenner stürzt im Kleistschen Text von Augenblick zu Augenblick. Er erbleicht, errötet, gerät ausser sich, bewegt sich knapp vor dem Abgrund. Doch was Bohrer als Schreibweise eines rätselhaften Ausnahmezustands identifiziert, widerspricht der moralischen Lesart nicht, sondern bestätigt sie. Unbedingt ist die Wut zur Rache. Kohlhaas ist kein Prinzipienreiter, er agiert im Sog der Vergeltung, die ihr Ende nicht in Ausgleich oder Strafe findet, sondern in Vernichtung rundum."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/die-wunder-der-illusion-1.18508371

Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.

Mark Lilla: Europa - eine Frage des Selbstbewusstseins. Selbstbewusstsein ist ein zentraler Punkt in der Politik, besonders in der Aussenpolitik. Europa aber hat keine Strategie. Europas Standpunkt liegt im Nirgendwo.

"Welche Rolle also kann Europa spielen? Denken wir an Kanada. Kanada hat ein ganz klares Selbstverständnis. Es weiss, dass es keine grosse Vergangenheit, kein historisches Schicksal für sich reklamieren kann. Es versteht, dass all seine Macht vom Nachbarn USA abhängt. Es akzeptiert, dass es für seine Bürger und Einwanderer nicht mehr tun kann, als ihnen ein sicheres Umfeld zu bieten, in dem sie ihre wirtschaftliche Lage verbessern können. Dieser Aufgabe wird der Staat in bemerkenswerter Weise gerecht. Kanada weiss auch, dass es sich als Mitglied der internationalen Staatenge einschaft hin und wieder mit anderen Nationen zu diplomatischen und militärischen Aktionen zusammentun muss. Kanada erklärt seine militärische Macht nicht zum Fetisch, wie die USA es tun. Genauso wenig erhebt es das internationale Recht zum Götzen, wie die Europäer es machen. Kanada ist frei von der Bürde nationaler Identität und historischer Katastrophen und hat daher eine einzigartige Stellung inne: als kleiner, gewitzter und selbstbewusster Bürger der internationalen Gemeinschaft."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/europa--eine-frage-des-selbstbewusstseins-1.18507638

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Stephanie Geiger: Offene Ohren und eine Tasse Tee. Rund 300 000 Personen leben in Deutschland ohne festen Wohnsitz, viele von ihnen auf der Strasse. In Berlin kümmert sich ein Team der Stadtmission um die Obdachlosen. Geschichten einer Nacht in der Hauptstadt.

"Verlässliche Zahlen über Wohnungslose gibt es nicht. 2012 waren laut Schätzungen der BAGW rund 284 000 Personen in Deutschland ohne Wohnung, übernachteten bei Freunden und Bekannten, in einer Pension oder auf der Strasse. Das war gegenüber 2010 ein Anstieg um 15 Prozent. Die Strassenobdachlosigkeit hat im selben Zeitraum um 10 Prozent zugenommen. Die BAGW prognostiziert bis 2016 einen weiteren Anstieg der Wohnungslosigkeit um etwa 30 Prozent auf dann 380 000 Personen – zusammen wären sie eine Stadt etwas grösser als Bochum. Wohnungslosigkeit trifft laut BAGW die Menschen in Ost- und Westdeutschland gleichermassen. Überwiegend sind sie alleinstehend, ein Drittel lebt aber mit Partner oder sogar Kindern. Die BAGW schätzt, dass jeder zehnte Wohnungslose minderjährig ist."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/offene-ohren-und-eine-tasse-tee-1.18508840

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Elena Panagiotidis: «Es ist wichtig, dass diese Wunde nicht weiter schwärt». Viele Opfer des deutschen Besatzungsterrors in Griechenland wurden nie entschädigt

"Im Frühjahr 1943 wurden innert weniger Wochen 45 000 der 50 000 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde von Thessaloniki nach Auschwitz und Treblinka deportiert. 90 Prozent von ihnen wurden ermordet. Massaker an der Zivilbevölkerung wie in Distomo wurden von SS- und Wehrmachtssoldaten auch in Kalavryta, Lingiades und anderen Orten verübt. Als die Nationalsozialisten 1944 abzogen, waren über 1000 Dörfer niedergebrannt, eine Million Menschen obdachlos. Drei Viertel der griechischen Handelsflotte waren versenkt, die Infrastruktur zerstört."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/europa/es-ist-wichtig-dass-diese-wunde-nicht-weiter-schwaert-1.18507644

Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.

Montag, 23. März 2015

Reinhard Frankl (über den Anti-Bertelsmann-Verteiler): Bertelsmannkuratorin Berichterstatterin des Ausschuss für intetnationalen Handel (INTA) für TISA-Entwurf-Empfehlungen

"In einer ppt von Louise Høl Larsen (ETUCE) lese ich gerade unter dem Abschnitt Entwurfempfehlungen des Ausschusses für internationalen Handel (INTA, Vorsitzender Nernd Lange, SPD): 'Mrs Viviane Reding is the rapporteur for the TiSA recommendations.'

Wem die Frau nicht schon bekannt ist, kann bei Wikipedia nachlesen und findet u.a.:

'Angebote der Privatwirtschaft

Nach dem Wechsel von der Europäischen Kommission ins Europäische Parlament im Juli 2014 erhielt Viviane Reding mehrere Angebote der Privatwirtschaft.

Seit 1. Januar 2015 ist sie Mitglied im Kuratorium der Bertelsmann Stiftung (Medien) und wird in Zukunft dem Verwaltungsrat bei Nyrstar (Bergbau) und der Agfa-Gevaert AG (Fototechnologie) beiwohnen. Außerdem erhielt sie Angebote, für die (noch in Planung befindliche) UEFA Foundation for Children und für verschiedene Referenten-Agenturen zu arbeiten.

In diesem Zusammenhang hat es Kritik wegen möglicher Interessenskonflikte und des politischen Drehtüreffekts gegeben.

Viviane Reding selbst betrachtet ihre Nebenbeschäftigungen als unproblematisch; ebenso wurden diese seitens der Europäischen Kommission genehmigt.'

Also aus meiner Sicht nicht gerade die Garantin für gewerkschaftliche Bildingsinteressen."

Samstag, 21. März 2015

Daniel Steinvorth: Nacht über Syrien. Der Horror des Bürgerkrieges geht in sein fünftes Jahr, ein Ende ist nicht in Sicht. Schuld ist die Hilflosigkeit der Uno, der Zynismus der Schutzmächte und das Zögern des Westens.

"Reden wir über Syrien. Reden wir, auch wenn einige es nicht mehr ertragen, über die grösste humanitäre Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. So haben die Vereinten Nationen den Krieg in Syrien bezeichnet, und das erscheint nicht übertrieben. In den vergangenen vier Jahren sind bis zu 220 000 Menschen im Land getötet worden. Etwa 11 Millionen, die Hälfte der Bevölkerung, wurden zu Flüchtlingen im eigenen Land und ausserhalb. Sechs Prozent sind nach Uno-Angaben tot, verstümmelt oder verwundet. Zwei Drittel der Syrer leben in 'extremer Armut'. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist von 75,9 auf 55,7 Jahre gesunken. Das sind zwei Jahrzehnte. Aber was bewirken diese Zahlen? Als sich vor einigen Tagen, am 15. März, der Beginn des Aufstands gegen das Assad-Regime zum vierten Mal jährte, berichteten die meisten Medien mehr pflichtschuldig als engagiert. Einige stellten aufwühlende Dokumentationen ins Internet und wunderten sich danach über schwache Klickzahlen. Hilfsorganisationen klagen über Desinteresse. Gespendet wird kaum noch. Erst drei Prozent des erforderlichen Jahresbudgets von 297 Millionen Dollar seien bisher eingegangen, berichtete kürzlich das Uno-Kinderhilfswerk. Warum verdrängen wir das Grauen? Weil uns die Ausweglosigkeit des Konflikts frustiert?"

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/nacht-ueber-syrien-1.18506788