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Freitag, 27. Februar 2015

David Abulafia: The EU is in thrall to a historical myth of European unity. As Britain prepares to renegotiate its relationship with the European Union, historians must speak out against the false vision of 'inevitable' unification

"The events of the last few months have exposed serious shortcomings in the idea of a European demos. The current unwillingness of German creditors and Greek debtors to see eye to eye exposes the lack of solidarity at the heart of Europe. Far from making integration inevitable, the decisions of European leaders have pulled Europeans further apart.

It is time to admit that a sense of 'Europeaness' cannot be traced far back in time. Europe is not on myth but many myths, myths rooted in an idealusation of the classical past and in fantasies about figures such as Charlemagne. Attempts to create an artificial notion of 'Europe' distract from the reality of the situation and make it harder to rectify the many problems that exist within the EU's institutions."

Quelle: http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/11435270/The-EU-is-in-thrall-to-a-historical-myth-of-European-unity.html

Ueli Bernays: Zurück zur Realität. Die afroamerikanische Musikszene im Zeichen von Ferguson und "Selma"

"Seit dem Black Nationalism eines Marcus Gravey (1887-1940) wecken Integrations-Erfolge der afroamerikanischen Minderheit regelmässig kulturpolitische Ängste: Man könnte der eigenen Identität Kultur verlustig gehen. Als drohte, wer sich zu weit über die 'Colour Line' hinauslehnte, das afroamerikanische Erbe zu verraten. Das zeigte sich auch in der Musikgeschichte immer wieder: Im Swing der dreissiger Jahre schien der Jazz seine schwarze Essenz zu verwässern; und der R 'n' B scheint in den achtziger Jahren im Mainstream auszubleichen - dies jedenfalls schrieb der Kulturkritiker Nelson George 1988 in 'The Death Of Rhythm and Blues'. Obama wurde mitunter nun mit R 'n' B-Sänger Lionel Richie verglichen, der nach seinem Start mit Soul seine Karriere später auf Pop-Schnulzen baute, um weltweit ein möglichst breites Publikum zu erreichen."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/pop--jazz/zurueck-zur-realitaet-1.18491228

Jakob Müller: Nicht einfach nur eine Ware. Wasser als ein Menschenrecht

"Vor allem die Privatisierung von Wasser sowie das Bestreben, es zu einer gewöhnlichen Handelsware zu machen, werden kritisiert und Auswüchse dokumentiert. (Maude Barlow: Blaue Zukunft. Das Recht auf Wasser und wie wir es schützen können. Verlag Antje Kunstmann, München 2014. 352 S.; SR) Im Zuge der Finanzkrise wurde etwa Portugal zur Entstaatlichung seiner Wasserversorgung gezwungen. Auf Anweisung der Regierung wurden alle ordentlichen Trinkbrunnen geschlossen. Gleichzeitig wurde Privathaushalten das Wasser abgestellt, wenn sie die gestiegenen Gebühren nicht mehr zahlen konnten. Dass der Zugang zu Trinkwasser auch für diejenigen garantiert sein muss, die es nicht bezahlen können, ist eine Kernforderung Marlows."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/nicht-einfach-nur-eine-ware-1.18490805

Beat Stauffer: Der Pater und die Afrikaner am Grenzzaun. Der spanische Priester Esteban Velazquez kümmert sich in Marokko um gestrandete Migranten

"'Das ist die Version der Betroffenen', betont Padre Esteban. Laut den marokkanischen Sicherheitskräften üben viele Migranten aber auch selber Gewalt gegenüber Grenzwächtern aus. Genau aus diesem Grund wäre es dringend nötig, an diesem Hotspot der afrikanischen Migrationsrouten internationale Beobachter zu stationieren, sagt Velazquez. Dies habe auch der europäische Kommissar für Menschenrechte gefordert. Doch das Anliegen werde offensichtlich sabotiert; weder Spanien noch Marokko hätten Interesse daran, in dieser Sache Transparenz herzustellen. Im Gegenteil: Immer mehr, so konstatiert Velazquez, komme es zu direkten, sogenannt heissen Rückführungen von illegal eingereisten Migranten, die den Grenzzaun überwunden hätten. So wurden am letzten Januarwochenende rund 400 Migranten umgehend nach Marokko zurückgeschafft, ohne dass sie in Spanien hätten einen Aylantrag stellen können. Für Velazquez eine eindeutige Verletzung internationaler Verpflichtungen der beiden Staaten."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/afrika/der-pater-und-die-afrikaner-am-grenzzaun-1.18490682

George Szpiro: "Intifooda" in New York

"Mitte Februar wollten zwei jüdische Geschäftsleute einen Stand namens 'Holy Rollers Kosher Cart', auf dem sie koschere Waren anbieten, ebenfalls an dieser Kreuzung aufstellen. Da die muslimischen Speisegesetze weniger streng sind als die jüdischen, dürfen Muslime koscheres Fleisch geniessen. Orthodoxen Juden ist das Umgekehrte nicht gestattet. Um ihre Kundschaft fürchtend, wollten die Betreiber der Halal-Fuhrwerke die Konkurrenz nicht zulassen. Die 'Halal-Mafia' stellte sich den Zuzügern in den Weg, und das folgende Wortgefecht wandte sich schnell - wie könnte es anders sein - dem Palästina-Konflikt zu. 'Landbesetzer', schrien die einen, 'Terroristen', die anderen. Am folgenden Tag berichteten Lokalzeitungen von der 'Intifooda' in Manhattans Midtown."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/aufgefallen/intifooda-in-new-york-1.18490725

Donnerstag, 26. Februar 2015

Stefan Betschon: Apple bringt also ein Auto

"Apple bringt nun also ein Auto. Es ist eine Revolution, nicht weniger als das. Es ist mehr als ein Auto, es ist ein Verkehrssystem. Die wichtigste Innovation des iCar ist das 'i'. Es steht für 'Internet' und 'intelligent'. Ein iCar vernetzt sich mit anderen iCars. Die Autos sprechen sich ab bei der Navigation, hängen sich aneinander an, formieren einen Zug. Die Fahrer können zurücklehnen, iVideos anschauen, iTunes hören. Es ist, als fahre der iCar auf Schienen. Am Ziel angekommen, muss man sich nicht um einen Parkplatz kümmern. Man kann den iCar stehen lassen, später am selben Ort in einen anderen iCar einsteigen. Mein iCar ist dein iCar. Um Zugang zum Gefährt zu erhalten, braucht es keinen Schlüssel. Die iCar-Fahrer besitzen ein kreditkartengrosses Stück Plastic, das sie berechtigt, überall und immer in einem iCar Platz zu nehmen. Auf dem blauen Kärtchen steht: GA."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 26. Februar 2015 (Nr. 47, 236. Jg.), S. 34.

Nash Riggins: Here are some of the sex blogs that Google plans to wipe from the internet - and all the reasons why they shouldn't

"Pornography is just one of infinite forms of sexual expression. So, Google doesn't want to be associated with porn - we get it. Yet Blogger was bulit around the idea that information should be feely accessible in order to stimulate healthy debate. What happened to that?

Millions of users have spent the better part of a decade working to construct an extensive community on Blogger that offers a digital, sex-positive network of support. It shouldn't matter whether it's art, advice or strange pornography that most of us don't quite get. This is a sexual cull that goes against anything Blogger, Google and the internet stands for."

Quelle: http://www.independent.co.uk/voices/comment/google-banishing-explicit-sex-blogs-is-a-cull-that-goes-against-everything-the-internet-should-stand-for-10068778.html

Mittwoch, 25. Februar 2015

Kathrin Passig & Ira Strübel: Im Umgang mit Trollen

"In letzter Zeit ist häufiger zu lesen, Trolle seien soziopathische Gestalten, Narzissten, Sadisten, durch wissenschaftliche Tests eindeutig zu identifizieren. Es gebe quasi hier den Menschen und da den Troll. Jedoch existieren im Netz nicht allzu viele hauptberufliche Trolle. Die meisten unter ihnen trollen lediglich hie und da, quasi in Teilzeit, und sind sonst recht sympathische oder sogar empathiefähige Personen. Sie haben vielleicht einen recht eigenwilligen Sinn für Humor, sie schätzen die Provokation als Strategie, und manchmal sind sie der Meinung, dass die anderen Diskussionsteilnehmer einer kollektiven Illusion erliegen, an der jemand einmal kräftig rütteln muss. Der Aufruhr wegen eines Trollkommentars bedeutet häufig, dass sich an dieser Stelle ein heikler Punkt der Debatte befindet und die getrollte Seite die Sachlage etwas zu einfach dargestellt hat. Überprüfen sie nach gebührender (stiller) Empörung über die Form der Trollerei, ob an den Vorwürfen nicht doch im Kern etwas dran sein könnte."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/im-umgang-mit-trollen-1.18489737

David Signer: Die Hauptopfer der Jihadisten sind Muslime

"So sind wir es gewohnt, Islamisten vor allem als Feinde des Abendlandes wahrzunehmen. Westlichen Todesopfern wie den Mitarbeitern von 'Charlie Hebdo' oder getöteten IS-Geiseln wie James Foley wird eine gewaltige Medienaufmerksamkeit zuteil, und taucht in einer Hollywood-Produktion ein Islamist auf, geht es gemeinhein darum, dass er 'westliche Werte' gefährdet. Die Realität sieht anders aus. Die meisten Opfer der 'Glaubenskrieger' sind Muslime, sei es im Nahen Osten, sei es in Afrika. Sie beten, gehen in die Moschee, befolgen den Ramadan und trinken keinen Alkohol. Und trotzdem werden sie von den Fanatikern als Ungläubige schickaniert, bestraft, gefoltert, getötet. Weil sie falsch angezogen waren, eine Zigarette geraucht oder Musik gehört haben."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/aufgefallen/die-hauptopfer-der-jihadisten-sind-muslime-1.18489260

Dienstag, 24. Februar 2015

Paul Lendvai: Putins Triumph. Die Spaltung der Ukraine kann nicht mehr rückgängig gemacht werden

"Trotz durch den Sturz des Ölpreises und die westlichen Sanktionen ausgelöster wirtschaftlicher Schwierigkeiten genießt Putin - auch natürlich infolge der totalen Kontrolle der Medien - eine Popularität deutlich über 80 Prozent. Es bleibt vor diesem Hintergrund fraglich, ob die vielfach diskutierte Waffenhilfe durch die USA für die Ukraine Putin zum Nachgeben zwingen könnte. Von Merkel bis zu den meisten europäischen Beobachtern wird eher eine Eskalation des russischen Drucks mit unabsehbaren Konsequenzen befürchtet. Die langfristige Hoffnung auf den unvermeidlichen wirtschaftlichen Niedergang Russlands und die Überlegenheit westlicher Prosperität kann freilich die Spaltung der Ukraine nicht mehr rückgängig machen. "

Quelle: http://derstandard.at/2000012064907/Putins-Triumph

Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.

Una Mullally: Why Greece's rebellious streak is so appealing

"There's something very appealing about Greece's current rebellious streak. Everyone loves a rebel, an underdog and a comeback, and Greece is now two of those. It is inevitable that even among the Irish - who benefited hugely from the European Union since its previously inception - grumpiness would start to creep in when the stark reality emerged that we're not all in this together after all. There are hierarchies, there are bosses, there are subordinates. There are sharks and minnows. And there is the Irish plankton. But Greece asserting itself brings to mind Èamon de Valera's love affair with asserting Ireland's miniature prowess, making an asset out of being a small nation, at least in rhetoric."

Quelle: http://www.irishtimes.com/opinion/una-mullally-why-greece-s-rebellious-streak-is-so-appealing-1.2112931

Stephan Russ-Mohl: Wenn Wachhunde zahm werden. Die heikle Nähe tonangebender Journalisten zur Machtelite

"Krügers (Uwe Krüger: Meiningsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten - eine kritische Netzwerkanalyse. Verlag von Halem, Köln 2013, 320 S.; SR) Befunde: Leitende Redaktoren der deutschen mronungsführenden Medien sind 'ausserhalb ihrer unmittelbaren journalistischen Pflichten vielfältig mit Politik- und Wirtschaftseliten verbunden'. Eine solche Einbindung könne 'als Ausdruck der Bemühung der Journalisten um hochrangige Quellen, um Information und Orientierungswissen aus dem Umfeld jener Akteure, die den grössten Einfluss haben, gesehen werden'. Doch dieses 'journalistisch durchaus ehrenwerte Bemühen' habe bedenkliche Begleiterscheinungen: Das 'embedding' der Journalisten führe dazu, dass diese die Sichtweisen der Entscheider-Eliten übernähmen - oder es würden eben nur solche Journalisten in die entsprechenden Hintergrundkreise, Stiftungen, Think-Tanks und zu nichtöffentlichen Konferenzen eingeladen, die deren Sichtweisen von vorneherein teilten."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 24. Februar 2015 (Nr. 45, 236. Jg.), S. 36.

Klaus Bartels: Stchwort: "Person"

"Wo einer 'die Hauptperson spielt', steht mit ihm das alte Wort wieder auf der Bühne. Hören wir die Wörter flüstern, wenn wir aus der individuellen 'persönlichen' Anlageberatung im Private Banking noch einen fernen Bezug auf die besondere Welttheaterrolle des sp persönlich Betatenen heraushören? Vielleicht, vielleicht auch nicht; jedenfalls hört der Kunde besser nicht weiter hin, sonst flüstert ihm das 'individuell' noch so etwas von unverteilten Dividenden, das 'persönlich' etwas von 'Vermummung' und das 'privat' etwas von 'Beraubung' - ja, von 'Beraubung'! - ins Ohr."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 24. Februar 2015 (Nr. 45, 236. Jg.), S. 19

Montag, 23. Februar 2015

Philippe Legrain: Greece Should Not Give In to Germany's Bullying. It's not just a question of being morally right - it's sound economics. And Athens has a lot more leverage than anyone thinks

"Let's face it: no advancrd economies in living memory have been as catastrophically mismanaged as the eurozone has been in recent years, as I document at length in my book, European Spring. Seven years into the crisis, the eurozone economy is doing much worse than the United States, worse than Japan during its lost decade in the 1990s and worse even than Europe in the 1930s: GDP is still 2 percent lower than seven years ago and the unemployment rate is in double digits. The policy stance set by Angela Merkel's government in Berlin, implemented by the European Commission in Brussels, and sometimes tempered - but more often enforced - by the European Central Bank (ECB) in Frankfurt, remains disastrous. Continuing with current policies - austerity and wage cuts, forbearance for banks, no debt restructuring or adjustment to Germany's mercantilism - is leading Europe into the ditch; the launch of quantitative easing is unlikely to change that. So settling for a 'compromise' that shifts Merkel's line by a millimeter would be a mistake; it must be challenged and dismantled."

Quelle: http://foreignpolicy.com/2015/02/19/greece-should-not-give-in-to-germanys-bullying-euro-syriza-merkel-varoufakis/

Christin Severin im Gespräch mit Siegbert A. Warwitz: Nicht nur Kriegs-, auch Friedensspiele sind umstritten. Der Psychologe Siegbert A. Warwitz plädiert für das Sammeln möglichst vielseitiger Erfahrungen

Siegbert A. Warwitz: "Im Gegensatz zu den Kriegsspielen sind die Friedensspiele meist von Erwachsenen kreiert. Das Spielen wird hier zu pädagogischen Zwecken instrumentalisiert. Es kommt im freien Kinderspiel kaum vor. Mit den Friedensspielen werden zudem eher die schwächeren Kinder angesprochen, die dynamischeren bevorzugen den Wettstreit. Anders als die Sportspiele wie Fussball- oder Basketball stellen die Friedensspiele wie das Erdballspiel taktisch und bewegungstechnisch meist nur geringe Ansprüche. Das Fehlen des Kämpferischen verringert die Spannung und macht die Spiele schnell langweilig."

Quelle: http://www.nzz.ch/wissenschaft/bildung/warum-friedensspiele-umstritten-sind-1.18488551

Niels Anner: Big Professor. Dänische Studierende lassen sich rund um die Uhr überwachen - von ihren Dozenten

"Für 'SensibleDTU' werden zudem Standortdaten aufgezeichnet. Diese liefert der GPS- aber auch der Wi-Fi-Empfänger, wenn er nach Netzen sucht. Am genauesten ist aber Bluetooth: Wenn zwei Telefone über den Kurzstreckenfunk Verbindung aufnehmen, erschliesst sich daraus, dass die Handy-Besitzer nahe beieinander stehen; ist der Abstand sehr klein, führen sie vermutlich von Angesicht zu Angesicht ein Gespräch miteinander. Damit ist der Link von den Daten zum physischen Kontakt zwischen zwei Menschen hergestellt, für die Forscher eine völlig neue Perspektive. Sie können nun messen und aufzeichnen, wie Telefon- und Internetkommunikation mit persönlichen Treffen zusammenspielen. 'Interessant ist letztlich nicht die einzelne Person, sondern das Gesamtbild', sagt Sune Lehmann, der mit Psychologen, Soziologen und Ökonomen kollaboriert. Das Ziel ist, mit dem riesigen Datenberg Verhaltensmuster von Gruppen zu analysieren. Daraus folgt die nächste Frage: Wie kann ein Netzwerk beeinflusst und wie sein Verhalten vorausgesagt werden? Konkret heisst das zum Beispiel: Warum feiern gewisse politische oder ideologische Botschaften und Werbekampagnen einen Schneeball-Erfolg, während andere nie ins Rollen kommen? Welcher Zusammenhang besteht zwischen Likes auf Facebook und Tipps, die man Freunden im persönlichen Kontakt gibt? Oder: Wie beeinflusst uns unser Umfeld? Wird jemand schneller übergewichtig, wenn er viele Freunde hat, die sich ungesund ernähren? 'Wir wissen bisher enorm wenig über solche Mechanismen', sagt Lehmann."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 23. Februar 2015 (Nr. 44, 236. Jg.), S. 39.

Elisa Hübel: "Alles ist zu teuer". Viele Athener haben weniger Geld in der Tasche und erhoffen sich von der neuen Regierung Besserung

"Der 38-jährige Panos V. sitzt in seinem Kiosk am Athena Omonia-Platz, im Herzen der Stadt. Sein Arbeitsplatz ist sehr eng, nur er und ein Stuhl finden Platz. Dafür breiten sich rings um ihn herum viele Waren aus, die man in manchen Supermärkten nur schwer findet. Vom Feuerzeug bis zum Zahnstocher hat er manch Nützliches im Angebot. Vor seinem Kiosk drängen sich vier, fünf Passanten. Sie lesen die Titelseiten der Zeitungen: 'Schäuble teilt Europa', 'Tauziehen zwischen Athen und Berlin', 'Schäuble hat Durst nach Blut', 'Die Mutter aller Schlachten' und 'Plan zur Vernichtung der Griechen'. Die Zeitung 'Akropolis' titelt sogar: 'Es kommt die Hölle', und ruft die Leser dazu auf, die Schränke mit Spaghetti zu füllen und ihr Geld unter den Fliesen zu verstecken. Der Kioskbesitzer Panos schüttelt den Kopf: Der Verkauf der Zeitungen sei in den Jahren seit dem Ausbruch der Krise deutlich zurückgegangen. Auch jetzt läsen alle nur die Titelseiten, keiner wolle mehr Zeitungen kaufen."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/europa/alles-ist-zu-teuer-1.18487786

Christoph Eisenring: Nach Triumph ist Berlin nicht zumute. Athen hat sich Sympathien in allen Lagern verscherzt

"Für den Leiter des Jacques Delors Instituts (Henrik Enderlein von der Hertie School of Governance; SR) wäre der Grexit die schlimmste Variante für Griechenland und teuer für Deutschland. Deutschland ist Griechenlands grösster Gläubiger mit etwa 60 Mrd. €. Sinn (Leiter des Ifo-Instituts; SR) und Mayer (früherer Chefökonom der Deutschen Bank; SR) halten dagegen: Schlimmer als in den letzten fünf Jahren könne es für Griechenland mit einer Arbeitsosenquote von 26% gar nicht mehr kommen. Enderlein hängt auch deshalb am Euro, weil die gemeinsame Währung dem Freihandel förderlich sei. Hier mag man einwenden, dass sich die Volkswirtschaften in der Krise weiter auseinanderentwickelt haben, was die Basis des Euro untergräbt."

Quelle: Neue Zürcher Zeiting, 23. Februar 2015 (Nr. 44, 236. Jg.), Titelseite.

Samstag, 21. Februar 2015

Florian Bieber: Abkehr von der Demokratie. In zahlreichen Staaten Südosteuropas haben sich Herrscher etabliert, die zunehmend die Grundlagen einer funktionierenden Demokratie untergraben, auch wenn sie demokratische Regeln formal einhalten. Die Haltung der EU stützt das autoritäre Gebaren dieser Politiker.

"So sah sich in Montenegro eine NGO-Aktivistin und scharfe Kritikerin der lang anhaltenden Herrschaft Milo Djukanovics dem von der Boulevardzeitung 'Informer' erhobenen Vorwurf 'perverser sexueller Praktiken' ausgesetzt. Dass zwischen den beiden Vorgängen kein Zusammenhang besteht, ist wenig wahrscheinlich. In Serbien feiert dieselbe Zeitung den neuen starken Mann Serbiens, Aleksandar Vucic, auf Schritt und Tritt, andere Medien üben sich in Selbstzensur. Die ehemals kritische - da die Opposition unterstützenden - Boulevardzeitung 'Blic' (sie gehört der Schweizer Ringier-Gruppe und dem deutschen Axel-Springer-Verlag) erhob gegen den bekannten schwulen Schauspieler Goran Jevtic den - offenbar unbegründeten - Vorwurf der Pädophilie und huldigte gleichzeitig Vucic mit seinem Tagebuch aus Davos. So entsteht ein Klima der Angst, in dem kritische Medien und Intellektuelle zunehmend zögern, Regierungen zu kritisieren, die Öffentlichkeit wird zur Regimetreue erzogen."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/abkehr-von-der-demokratie-1.18486108

Gerd Kolbe: Pegida als Sprungbrett für Rechtsradikale. Rechtsextreme Parteien und Hooligans vereinigen sich im politischen Kampf gegen Ausländer

"Die Ruhrgebiets-Metropole Dortmund hat sich ungewollt den Ruf einer braunen Hochburg erworben. Pro NRW sucht man in der Dortmunder Stadtverordnetenversammlung zwar vergeblich, stösst dafür aber auf die Partei Die Rechte. Sie präsentiert sich als die brutalste der Splittergruppen am rechten Rand. Dass einer der Ihren einen Punker mit einem Messerstich tötete, war ihr eine Freudenfeier wert. Die Mitglieder protestieren laut vor Asylbewerberheimen und verbreiten ein Klima der Angst. Anonyme Drohungen gehören zum gängigen Repertoire der Partei. So kommt es vor, dass Kritiker die eigene Todesanzeige im Briefkasten vorfinden. Nachweisen konnte die Polizei den Neonazis diese Taten bisher nicht."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/europa/pegida-als-sprungbrett-fuer-rechtsradikale-1.18486124

Freitag, 20. Februar 2015

Simon Kelner: The Telegraph has put at risk the most precious asset a newspaper has - the bond of trust with its readers

"I am not diminishing Mr Oborne's courage or high-mindedness: his was a stand worth making. In other newspapers, the sword of truth may be blunted by commercial interests - witness the Murdoch papers' coverage of the phone-hacking scandal - but the Telegraph was putting the interests of advertisers ahead of readers. And for no apparent reason: it's not known wheather HSBC even threatened to pull its advertising."

Quelle: http://www.independent.co.uk/voices/comment/the-telegraph-has-put-at-risk-the-most-precious-asset-a-newspaper-has--the-bond-of-trust-with-its-readers-10057544.html

Dan White: Greek euro exit could be massive boost for Ireland

"Grexit or mor likely a fudge followed by continuing uncertainty, is just what the doctor ordered to keep the euro weak on the foreign exchange markets and prevent the Eurozone from slipping into outright deflation - something that would further exarcerbate the European economic crisis."

Quelle: http://www.herald.ie/opinion/columnists/dan-white/dan-white-greek-euro-exit-could-be-massive-boost-for-ireland-31000718.html

Donnerstag, 19. Februar 2015

Irish Examiner: Resist this corporate tyranny - Threat from tobacco giants

"Politicians with the courage to confront forces as powerful and ruthless as the tobacco congomerates are to be praised, encouraged and supported. This David-and-Goliath showdown is over the health of the people of this small island. The tobacco companies are indifferent to that and will do all they can to stop measures like those proposed by Mr Reilly because they know health promoting-rules like this bring the end of tobacco tyranny ever closer. The sooner the better.

Quelle: http://www.irishexaminer.com/viewpoints/ourview/resist-this-corporate-tyranny--threat-from-tobacco-giants-313097.html

Mittwoch, 18. Februar 2015

George Irvin: What A Grexit Would Really Mean For The Eurozone

"So, is it all about German stubbornness? Yes, but a compromise on Greek finance is not the only thing that's needed. What really matters us Germany's apparent unwillingness to contemplate any change to current arrangements for the Euro. It matters little wheather one is pro- or anti-Euro. What matters is the question of joint responsibility - 'mutuality' is the preferred term. As long as individual EZ members depend exclusively on their own Euro-denominated bonds for finance (and each EZ state can be held hostage by the financial markets), the Euro cannot succeed in the long run. As I've argued elsewhere, if individual US states were dependent on EZ-style financial arrangements, the USA would long ago have ceased to exist."

Quelle: http://www.socialeurope.eu/2015/02/grexit-really-mean-eurozone/

Peter Glaser: Abschied vom Plakat

"Mit den Filbildern auf den hausgrossen Monitorwänden verlieren wir ein paar Dinge: Übermalungen, wild Drüberplakatiertes, verrutschte und abgefetzte Plakatteile - die Unzulänglichkeiten der analogen Welt. Das grosse elektronische Bild strömt gleichförmig, von keinerlei Klebekanten begrenzt. Und an die teuren Monitorwände können wir nicht mehr so nah herantreten. Das Bild bleibt nun in der Entfernung, distant."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/abschied-vom-plakat-1.18485251

Matthias Müller: Chinas kommunistische Führung greift durch. Ranghoher Funktionär aus der Partei ausgeschlossen

"Abgesehen von den persönlichen Schicksalen wie im Falle Sus, zeitigt die Antikorruptionskampagne auch wirtschaftliche Folgen. So soll im vergangenen Jahr der Absatz von Luxusgütern in China gesunken sein. Zudem mussten die Nobelrestaurants 2014 einen Umsatzrückgang von 30 Prozent verkraften. Luxusgüter und Einladungen zu teurem Essen zählen zu den gängigen Methoden, um das Gegenüber für die eigenen Interessen zu gewinnen."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 18. Februar 2015 (Nr. 40, 236. Jg.), S. 6

Dienstag, 17. Februar 2015

Steffen Roski: Republik der Plagiatoren

Die Relation ist einfach und klar: Je höher positioniert ein Plagiator, desto überregionaler seine Medienpräsenz. Weitgehend unbeachtet bleiben dagegen die Plagiatsfälle auf den mittleren und unteren Ebenen der Sozialstruktur. Und: Wie viele manipulierte Doktorgrade gibt es eigentlich noch im Lande? Bei der akademischen Manipulation handelt es sich keineswegs um ein Kavaliersdelikt. Für viele Karrieren bedeutete der Doktorgrad gleichfalls das Eintrittsbillet in gut bezahlte öffentliche und öffentlich-rechtliche Positionen. Es bedarf hier m.E. einer Art "Wahrheitskommission". Folgende Ansage könnte gemacht werden: Jeder, der sich unlauterer Methoden bei der Abfassung seiner Dissertation bediente, erhält die Möglichkeit, dies von der Kommission überprüfen zu lassen. Kommt diese zu dem Schluss, dass der akademische Grad auf den tönernen Füßen des Plagiats steht, ist für den Manipulateur eine empfindliche Buße in fünfstelliger Höhe fällig. Wessen Dissertation sich nach der zweijährigen Eingabefrist als Plagiat erweist, weil sie etwa auf Grund einer Anzeige oder Stichpunktüberprüfung sich als manipuliert erweist, wird ohne Ansehen der Person von seiner Position entfernt. Ich stelle einfach einmal die Vermutung in den Raum, dass dann mancher Schulleitersessel und Bürokratenstuhl zu wackeln begänne.

http://www.focus.de/politik/deutschland/plagiatsvorwurf-bestaetigt-staatssekretaer-dippel-verliert-doktortitel-einspruch-angekuendigt_id_4482015.html

Wolfgang Münchau: Das passiert, wenn Griechenland aus dem Euro austritt

"Die Eurozone würde ohne Schwierigkeiten einen Austritt Griechenlands verkraften. Kommt es aber zu einer Kettenreaktion, dann wäre es mit dem Euro sehr schnell vorbei, vor allem wenn sie Italien erreicht. Die Kosten wären so immens, dass selbst Deutschland die Verluste nicht mehr stemmen könnte."

Quelle: http://m.spiegel.de/wirtschaft/a-1018664.html#spRedirectedFrom=www&referrrer=

Rainer Stadler: Die Werbung schleicht sich an

"Genau damals, im Jahr 2007, arbeitete Heiser kurzzeitig für die 'SZ'. Allerdings nicht in der 'normalen' Redaktion, sondern in jener, welche Themenseiten betreut. Dort habe man 'unverholene Werbung' für Steuerhinterziehung gemacht - um Anzeigen einer Sparkasse hereinzuholen. Heiser zitiert wörtlich aus Gesprächen mit der Anzeigenabteilung, in denen es darum ging, was er schreiben solle, damit ausländische Banken mehr Inserate buchten. Dabei müsse 'natürlich sichergestellt sein, dass man die Finanzplätze nicht als Schwarzgeldparadiese darstellt'. Der Journalist sagt, er habe bisher geschwiegen, belegt nun aber seine Vorwürfe mit Tonaufnahmen von damaligen Gesprächen - eine heikle Sache. Da das Journalistenkonsortium seinerseits mit gestohlenen, überdies von andern Behörden zur Verfügung gestellten Daten operierte, kann der eine Akteur kaum mehr vom andern eine zimperliche Behandlung erwarten. Die Berufung aufs höhere öffentliche Interesse wäscht die Methoden weiss."

Quelle: http://medienblog.blog.nzz.ch/2015/02/17/die-werbung-schleicht-sich-an/

Christoph Lüthy: Der Unterschied. Thomas Suddendorf versucht die Frage zu beantworten, was den Mensch zum Menschen macht

"Es sind vor allem zwei menschliche Fähigkeiten, die Suddendorf bei unseren engsten Verwandten vermisst. Die erste ist die Befähigung zu mentalen Zeitreisen. Wir sind in Gedanken fortdauernd damit beschäftigt, Zukunftsszenarien auszuprobieren, wobei wir Parameter verschieben, die zu unterschiedlichen Resultaten führen. Ähnliches tun wir auch mit der erinnerten Vergangenheit. Auch wenn das Verhalten von Menschenaffen Aspekte der Zukunftsplanung enthält, lassen die von Suddendorf analysierten Experimente auf eine vergleichsweise beschränkte Befähigung zu mrntalen Zukunftsspielereien schliessen. Die zweite spezifisch menschliche Fähigkeit ist der Gebrauch einer konzeptuellen Sprache. Gewissen Affen konnten zwar (im Extremfall) mehr als tausend Wörter beigebracht werden, die sie auf Piktogrammen oder oder via Gebärdensprache erkannten und erfolgreich an Gegenstände zu koppeln wussten. Selbst einfachste syntaktische Strukturen ('Leg den Schlüssel in die Kiste') konnten einige von ihnen erlernen. Doch wurde die angelernte Sprache von den abgerichteten Affen nie an andere weitergegeben oder dazu benutzt, dem Forscher etwas Neues mitzuteilen."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/der-unterschied-1.18484430

Gerd Kolbe: Geplatzter Politprozess. Nachwehen des Debakels am Nürburgring

"Urs Barandun war seinerzeit für die Mainzer Landesregierung der willkommene Retter in der Not gewesen. Monatelang hatte sich das Finanzministerium vergeblich um eine private Finanzierung bemüht, weil dies die Bedingung für den Bau des Fteizeitzentrums am Nürburgring war. Man war in Mainz daher heilfroh, mit Baranduns Hilfe anscheinend endlich den geeigneten Investor gefunden zu haben. Finanzminister Deubel war stolz, nicht nur Teile, sondern das gesamte Projekt privat finanzieren zu können. Es gab hohes Lob. Der ehemalige langjährige Ministerpräsident und eifrigste Befürworter des Nürburgring-Projekts Kurt Beck liess sich vom Namen Dupont blenden. Es war in Mainz offenbar nicht aufgefallen, dass sich der weltweit tätige amerikanische Chemiekonzern DuPont schreibt."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/deutschland-und-oesterreich/geplatzter-politprozess-1.18482790

Montag, 16. Februar 2015

Neue Zürcher Zeitung, 16. Februar 2015 (Nr. 38, 236. Jg.), S. 2



Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.

Urs Schoettli: Geopolitik als Wachstumstreiber

"Eigentlich hätten die Internationalisierung und vor allem die Globalisierung der Finanzströme dafür sorgen sollen, dass die Präponderanz des Nationalstaats gegenüber der Wirtschaft gebrochen wird. Seit der globalen Finanzkrise, welche in zahlreichen Industriestaaten die faktische Rettung der Finanzindustrie durch den Staat erforderte, hat sich der Trend eindeutig von der Globalisierung auf die Renationalisiering gewendet. Renationalisierung heisst aber nicht anderes, als dass es einen mächtigen Auftrieb für die Geldpolitik gibt. Rivalisierende Nationalstaaten, die sich mit alten und neuen existenziellen Bedrohungen konfrontiert sehen, werden gezielt ihre Ressourcen für volkswirtschaftliche Massnahmen und Entwicklungen einsetzen, die ihren geopolitischen Interessen dienen."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 16. Februar 2015 (Nr. 38, 236. Jg.), S. 16

Samstag, 14. Februar 2015

Christoph Türcke: Hohn und Spott - und ihre Grenzen. Über Blasphemie.

"Sind es aufklärungsfeindliche Gesetze? Nicht nur. Aufklärung kann zwar ohne Hohn und Spott nicht ernst sein. Aber Hohn und Spott waren stets nur da aufklärerisch, wo sie aus der Unterdrückung hervorbrachen, wo Schwache sie als Waffe gegen Mächtige führten, die über weniger Witz, aber über die stärkeren Bataillone verfügten. Als Triumphgeschrei von Siegern hingegen sind sie widerlich. Als die Nazis das Judentum verhöhnten, fuhr ein dummes, rassistisches Ressentiment gegen eine Religion daher, von deren geistigen Errungenschaften alle Aufklärung bis heute zehrt. Wenn Europäer sich über den Ahnenkult von Amazonasindianern lustig machen, feiern sie den Sieg des Kolonialismus noch einmal auf geistlose Weise nach. Das ist Besserwisserei von Privilegierten, nicht Aufklärung. Echte Aufklärung bedenkt immer auch ihre Grenzen. Deren grosser Prüfstein ist derzeit der Islam. Zuerst Ayatollah Khomeinys Todesurteil gegen Salman Rushdie wegen Beleidigung des Islams. Dann die Mohammed-Karikaturen einer dänischen Zeitung und die Empörung darüber in der islamischen Welt. Schliesslich der vorläufige Gipfel: Muslime drangen in die Redaktion des Satiremagazins 'Charlie Hebdo' ein und schossen die Mehrzahl der Redakteure nieder, um 'den Propheten zu rächen'. Ohne einen Blick auf die politische Grosswetterlage zwischen Ost und West versteht man das alles nicht."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/hohn-und-spott--und-ihre-grenzen-1.18482637

Marie-Astrid Langer: Der Spion im Wohnzimmer

"Samsung rät nun seinen Kunden, vertrauliche Belange nicht vor dem Fernseher zu diskutieren. Denn ist die Sprachsteuerungs-Funktion aktiviert, hört der TV sämtliche Gespräche mit - schliesslich muss er ja etwaige an ihn gerichtete Befehle aufschnappen. 'Sollten Ihre gesprochenen Worte persönliche Informationen enthalten, seien Sie sich bitte bewusst, dass auch diese Informationen Teil der aufgezeichneten Daten sind, die an Dritte weitergeleitet werden', heisst es in den Datenschutzrichtlinien der Firma. Samsung nehme die Privatsphäre der Kunden 'sehr ernst' und weise daher explizit auf diese Datenauswertung hin. Die Gesprächsdaten würden aber nicht aufgezeichnet oder weiterverkauft."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/aufgefallen/spion-im-wohnzimmer-1.18481954

Markus Liske: Die Mitte ganz rechts. Dresden: Das Böse stirbt nie

"(Anschlussfähig für den rechten Rand; SR) will auch die SPD sein, insbesondere nachdem die Bundes-CDU in diesem Segment zuletzt etwas schwächelte und die Wählergunst weiter zu wünschen übrig lässt. Da reicht es natürlich nicht, dass man darauf verweisen kann, mit Thilo Sarrazin den ersten in einer Reihe neuer rassistischer Bestsellerautoren des Landes hervorgebracht zu haben, einen echten Trendsetter, dessen Thesen von neuen identitär-völkischen Bewegungen, wie etwa den sogenannten Reichsbürgern oder eben Pegida, mit Begeisterung weitergetragen werden. Nein, da muss auch schon mal der Parteivorsitzende und Vizekanzler Sigmar Gabriel selbst an die Front. Der reiste zwar nur 'als Privatmann' nach Dresden und auch nur zu einer Diskussionsveranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung, brachte von dort aber dennoch eine erstaunliche Erkenntnis mit: 'Es gibt ein demokratisches Recht darauf, rechts zu sein oder deutschnational.' So fasste er es anschließend in einem STERN-Interview zusammen und lehnte sich lächelnd zurück, um seinem Beliebtheitswert dabei zuzusehen, wie er acht Prozentpunkte in die Höhe schnellte. Von Dresden lernen heißt in diesen Tagen wohl siegen lernen."

Quelle: Jungle World, 12. Februar 2015 (Nr. 7, 19. Jg.), S. 3

Freitag, 13. Februar 2015

Oliver Meller: Mehr Herz! Kommentar. Die Mission Troton soll Grenzen sichern - keine Leben retten. Nach dem neuerlichen Flüchtlingsdrama sollte Europa diese Haltung überdenken.

"Es ist nicht sicher, ob mit Mare Nostrum alle 200 oder gar 300 Flüchtlinge hätten gerettet werden können, die diese Woche im kalten Wintersturm vor Lampedusa gestorben sind. Doch sicher ist, dass Mare Nostrum alles daran gesetzt hätte, sie zu retten. Triton hingegen ist ausdrücklich nicht dafür gemacht, Menschen zu retten. Die Operation soll Europas Grenzen sichern - gegen die Ankunft von Kriegs- und Armutsflüchtlingen, gegen deren Suche nach Frieden und Leben."

Quelle: http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/Mehr-Herz/story/31788800

Urs Hafner: Im Anfang war das Charisma. Stefan Breuer über Frühformen staatlicher Herrschaft

"Die charismatische Herrschaft beruht auf den ausserordentlichen Eigenschaften, die sich ein Anführer selbst zuschreibt und die ihm von den Angeführten zugeschrieben werden. Sie entsteht vor dem Hintergrund magischer Denkmuster und ist per se instabil. Eine charismatische Herrschaft besitzt nicht zwingend staatliche Qualität. Mit Weber grenzt Breuer, wenn er mit stupender Detailkenntnis in die Organisationsformen und Funktionsweisen frühgeschichtlicher politischer Gebilde eintaucht, den Staat vom 'Häuptlingstum' ab. Im Unterschied zu diesem, aber auch zum 'Verband' oder zum 'Stamm' weist der Staat Dauerhaftigkeit auf, besitzt ein Zwangsmonopol, übt seine Herrschaft über ein bestimmtes Gebiet und alle darin lebenden Menschen aus und errichtet Monomentalbauten. Von grosser Bedeutung ist die Verfügung über die von den Umweltbedingungen abhängende Produktion von Nahrungsmitteln und Konsumgütern."

Quelle: http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/im-anfang-war-das-charisma-1.18480165

Angela Schader: Das "himmlische" Geheimnis. Wie der Islamische Staat seine Frauen gerne sähe

"Es überrascht nicht, dass in solchen Kreisen der Umgang mit Literatur, Philosophie und anderen Freigeistereien ebenso wenig zur Debatte steht wie ein Blick auf die Weltgeschichte. Interessant ist jedoch der ambivalente Umgang mit Naturwissenschaft und Technik. Gleich in der Einführung der Propagandaschrift wird der Westen in seinen 'gesellschaftlichen, bildungsmässigen, wirtschaftlichen, medizinischen und industriellen Aspekten' pauschal veravschiedet und stattdessen der karge Lebensstil zur Zeit des Propheten gepriesen, als man in Hütten aus Lehm und Palmwedeln hauste und auf Kamelen und Rossen unterwegs war. Da sich die Anhänger des Islamischen Staats aber mehrheitlich auf motorisierten Untersätzen fortbewegen, mit industriell gefertigten Waffen feuern, ihre Geldmittel unter anderem aus der Bewirtschaftung moderner Ölfelder generieren und ihre Propaganda via elektronische Medien verbreiten, wirken derlei Bekenntnisse vielleicht eine Spur verlogen. Erstaunlich ist auch der Hohn, der sich über das eigene geistige Erbe ergiesst: So werden der grosse Denker und Universalgelehrte Ibn Nafis, dem sich eine bedeutende Entdeckung zum mrnschlichen Blutkreislauf verdankt, und der Mathematiker, Optiker und Astronom Ibn al-Haitham als 'Atheisten und Libertine' verabschiedet."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/das-himmlische-geheimnis-1.18481749

Aldo Keel: Der nordische Anti-Jude. Wie Hitler auf dem Obersalzberg den norwegischen Literaturnobelpreisträger Knut Hamsun empfing.

"Am Flughafen Reichenhall-Berchtesgaden wurden Hamsun und Holmboe vom Leiter der Skandinavien-Abteilung des Propagandaministeriums, Züchner, in Empfang genommen. Sie wurden angewiesen, in einem Hotel zu warten. Dort soll Hamsun angeblich ein Bierglas voll Cognac getrunken haben. Im Berghof wurden sie von Hitler begrüsst, der fahrig wirkte. Der Diktator litt unter Schlafproblemen und an sporadisch, aber kräftig auftretender Flatulenz. Hamsuns Schwethörigkeit beeinträchtigte die Konversation. Zudem war er auf die Hilfe eines Dolnetschers angewiesen. Als Fotograf wirkte Leni Riefenstahls Kameramann Walter Frentz."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/der-nordische-anti-jude-1.18481747

Christoph Eisenring: Zwist um Schulden aus der Nazi-Zeit. Athen fordert von Berlin die Rückzahlung einer Zwangsanleihe

"Der an der London School of Economics lehrende Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl warnt jedoch seit Beginn der griechischen Schuldenkrise die Deutschen vor Überheblichkeit und Besserwisserei. Dies stärke extreme Strömungen in Griechenland. Er hat auch früh für einen Schuldenschnitt im Austausch für Reformen plädiert. Deutschlands Wiederaufstieg wäre ohne den Schulden- und Reparationsverzicht auf der Londoner Konferenz 1953 unvorstellbar gewesen, argumentiert er. Für dieses Vorgehen hatten sich besonders die Amerikaner engagiert."

Quelle: http://www.nzz.ch/wirtschaft/nazi-schulden-sorgen-fuer-zwist-1.18480838

Ralf Roman Rossberg: Die verschieden langen Spiesse von Schiene und Strasse. Die deutschen Eisenbahnen sind pro Jahr durch 600 Millionen Euro mehr belastet als ihre Konkurrenz

"Am stärksten ist die Einseitigkeit bei der Belastung des Stroms für den elektrischen Bahnbetrieb: Die direkte Stromsteuer betrug 2014 rund 120 Millionen Euro, hinzu kommen die Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien, die sich innerhalb von zwei Jahren auf 160 Millionen verdreifacht hat, und schliesslich eine 'Kohlendioxid-Emissionshandelsabgabe', die weitere 60 Millionen betrug. All das trifft die Wettbewerber nicht. Durch die Abgaben wird gerade der grundsätzlich umweltfreundliche elektrische Betrieb der Bahnen erheblich verteuert. Betriebswirtschaftlich gesehen müssten sie auf Dieseltraktion umsteigen, obwohl sie dafür den vollen Energiesteuersatz zahlen müssen, während Flugzeuge und Binnenschiffe steuerfrei tanken."

Quelle: http://www.nzz.ch/mehr/verkehr/verschieden-lange-spiesse-auf-schiene-und-strasse-1.18480800

Stefan Betschon: Hello World! Wie Google Maps die Welt verändert hat

"In den Anfängen war Geodäsie ein Hobby von begüterten Privatgelehrten. Heute steht diese Wissenschaft wiederum davor, privatisiert zu werden. Niemand kann für die Beschaffung und Aufbereitung von Geodaten so viel Geld einsetzen wie Google. Doch wer als Aussenstehender bei dieser amerikanischen Firma in Erfahrung zu bringen versucht, wie viel Leute hier mit der Aufbereitung von Geodaten und der Entwicklung von geografischen Informationssystemen beschäftigt sind, an welchen Standorten diese Arbeiten hauptsächlich ausgeführt werden, wie viel Geld damit verdient wird, welche strategischen Ziele verfolgt werden oder welche firmenübergreifenden Kooperationen wichtig sind, wird nicht auf Antworten hoffen dürfen."

Quelle: http://www.nzz.ch/mehr/digital/10-jahre-google-maps-1.18480981

Andrea Köhler: L.A. im Haschisch-Nebel. Paul Thomas Andersons Pychon-Verfilmung "Inherent Vice"

"Zum halb psychedelisch bunt, halb noir gefärbten Zeitkolorit kommt die Pynchon-typische paranoide Struktur. Mafiöse Immobilien- und Drogenkartelle bestimmen das Spiel, Waffenschieber, dubiose Klinikchefs und das L.A.-Polizeidezernat mischen fröhlich mit. Es herrscht das bewährte uramerikanische Geschäftsmodell, das die Menschen erst krank und drogenabhängig macht, um sie sodann profitträchtig zu kurieren. Die Unübersichtlichkeit des Geschehens macht es fast unmöglich, diesem Film, der hier, wohl mit einem Genre-beugenden Augenzwinkern, von einer Frauenstimme aus dem Off erzählt wird, halbwegs verständlich zusammenzufassen. Ein Versuch sei trotzdem gemacht."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/kino/l-a-im-haschisch-nebel-1.18480079

Jürg Dedial: Dresden - ein unvergessenes Fanal. Am 13. Februar 1945 wurde die Stadt an der Elbe durch starke alliierte Bombenangriffe zerstört

"Ein entscheidender Teil des Schienentransports von Truppen und Ausrüstung der Wehrmacht an die Ostfront in Schlesien lief durch Dresden. Es war auch bekannt, dass die Industrie mit Zwangsarbeitern und KZ-Insassen in Schwung gehalten wurde. Da die Dresdner Betriebe lange ausserhalb der Reichweite alliierter Bomber gelegen hatten, lief die Produktion hier noch auf vollen Touren. Schliesslich befanden sich in Dresden ausser dem Hauptquartier der sächsischen Nationalsozialisten auch Aussenlager der Konzentrationslager Flossenbürg und Ravensbrück."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/deutschland-und-oesterreich/dresden--ein-unvergessenes-fanal-1.18480219

Jan-Werner Müller: Demokratie und Meritokratie. Thomas Pikettys Buch "Das Kapital des 21. Jahrhunderts"

"Die Geschichte - und eben keine ökonomische Theorie - lehre, so Piketty, dass die Kapitalrendite meist über der Wachstumsrate liege. Dieser Umstand führe, auch bei ganz kleinen Anfangsunterschieden, zu einer enormen Verschärfung der Ungleichheit. Der Normalzustand sei damit eine Welt, in der es sich für gewöhnlich eher lohne, eine reiche Erbin zu heiraten, anstatt hart zu arbeiten - so der Rat Vautrins, der dem jungen Rastignac in Balzacs 'Le Père Goriot' vorrechnet, warum er besser gleich per Ehe Rentner wird, als sich abzurackern."

Quelle: http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/demokratie-und-meritokratie-1.18480133

Urs Hafner: Im Anfang war das Charisma. Stefan Breuer über Frühformen staatlicher Herrschaft

"Die charismatische Herrschaft beruht auf den ausserordentlichen Eigenschaften, die sich ein Anführer selbst zuschreibt und die ihm von den Angeführten zugeschrieben werden. Sie entsteht vor dem Hintergrund magischer Denkmuster und ist per se instabil. Eine charismatische Herrschaft besitzt nicht zwingend staatliche Qualität. Mit Weber grenzt Breuer, wenn er mit stupender Detailkenntnis in die Organisationsformen und Funktionsweisen frühgeschichtlicher politischer Gebilde eintaucht, den Staat vom 'Häuptlingstum' ab. Im Unterschied zu diesem, aber auch zum 'Verband' oder zum 'Stamm' weist der Staat Dauerhaftigkeit auf, besitzt ein Zwangsmonopol, übt seine Herrschaft über ein bestimmtes Gebiet und alle darin lebenden Menschen aus und errichtet Monomentalbauten. Von grosser Bedeutung ist die Verfügung über die von den Umweltbedingungen abhängende Produktion von Nahrungsmitteln und Konsumgütern."

Quelle: http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/im-anfang-war-das-charisma-1.18480165

Michael Rasch: Erfolgreiche Germanisierung der Euro-Zone

"Die Abwertung des Euro von rund 12% zum Dollar im letzten Jahr dürfte dazu beitragen, dass die Euro-Zone künftig noch mehr vom Export profitiert - und die Germanisierung der Euro-Zone weiter erfolgreich vorankommt."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/erfolgreiche-germanisierung-der-euro-zone-1.18479582

Peter Rásonyi: Privatisierung als umstrittenes Heilmittel

"Die Erfahrungen mit Teilprivatisierungen sind gemischt. Private Anbieter gelten als leistungsfähig und flexibel. Die Hoffnung, dass sie die Finanznot nachhaltig beseitigen, hat sich aber nicht bestätigt. Von 1997 bis 2008 liess Labour 90 Prozent aller neuen Spitalbauten durch sogenannte PFI-Verträge von privaten Investoren bauen. Das hat kurzfristig die Staatskasse entlastet, die Spitäler aber dauerhaft mit viel höheren Kosten belastet. 66 NHS-Spitalbetreiber schrieben im letzten Jahr rote Zahlen. Erstmals ging 2012 mit dem South London Healthcare ein NHS-Spitalbrtreiber wegen untragbarer PFI-Gebühren in Konkurs."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/umstrittenes-heilmittel-privatisierung-1.18479499

Joachim Riecker: Kinderpornos, Lügen und Drogen. Die Affäre um ihren ehemaligen Bundestagsabgeordneten Edathy belastet die SPD immer mehr

"Nach Enttarnung der rechtsradikalen Terrorbande NSU wurde der aufstrebende SPD-Abgeordnete Edathy Anfang 2012 zum Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses gekürt, der die Ermittlungen aufklären sollte. Hartmann war zur gleichen Zeit innenpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Die beiden homosexuellen Abgeordneten waren auch privat befreundet. Was damals kaum jemand wusste: Die kanadische Polizei hatte im Herbst 2011 an das Bundeskriminalamt (BKA) eine Liste mit deutschen Kunden eines Nacktbilder-Versands übermittelt, zu denen auch Edathy gehörte. Die Ermittlungen gegen ihn begannen aber erst im Herbst 2013, nachdem der NSU-Untersuchungsausschuss seine Arbeit abgeschlossen hatte. Angeblich war der Name Edathy vorher niemandem aufgefallen."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/deutschland-und-oesterreich/kinderpornos-luegen-und-drogen-1.18479573

Neue Zürcher Zeitung (dpa): Baltikum bereit für "Hybrid-Krieg"

"Lettland und Estland sind angesichts der gemeinsamen Grenze zu Russland auf die Möglichkeit eines 'hybriden' Krieges vorbereitet. Dabei handelt es sich um eine Kriegsführung mit Soldaten und militärischer Ausrüstung ohne Hoheitsabzeichen, die von Desinformationskampagnen und Cyberattacken unterstützt wird. Man habe zur Kenntnis genommen, was in der Ukraine passiert sei, sagte der lettische Verteidigungsminister Vejonis am Montag im lettischen Fernsehen. Laut dem estnischen Regierungschef Roivas hat auch Estland 'seine Verteidigung sorgfältig geplant'. Beide betonten aber, dass die militärische Bedrohung aufgrund der Nato-Mitgliedschaft gering sei."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 11. Februar 2015 (Nr. 34, 236. Jg.), S. 2

Neue Zürcher Zeitung (dpa): Putin kritisiert den Anti-IS-Einsatz

"Russlands Präsident Putin ist am Montag nach Kairo gereist, um mit seinem ägyptischen Amtskollegen Sisi über die Bekämpfung des Terrorismus und bilaterale Fragen zu sprechen. In einem Interview mit der ägyptischen Staatszeitung 'Al-Ahram' kritisierte Putin das Vorgehen der von den USA angeführten Allianz westlicher und arabischer Staaten gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Durch plumpes und unverantwortliches Eingreifen von aussen sei die Lage im Irak und in Syrien erst zu dem geworden, was sie heute sei, sagte Putin. Strategie und Taktik der von den USA geführten Allianz seien 'unverhältnismässig im Vergleich zu der realen Bedrohung'. Russland zählt zu den wichtigsten Verbündeten Ägyptens. Es ist bereits das zweite Treffen zwischen Putin und Sisi innert eines halben Jahres."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 11. Februar 2015 (Nr. 34, 236. Jg.), S. 2

Dienstag, 10. Februar 2015

Grace Dent: Internet trolls are infuriating and depressing but giving them asbos is not the answer

"Of course, the uncomfortable truth is that in Britain is not against any law to be so stupid, cruel an misguided to think 'Hitler was right' or 'It's not rape if she's drunk'. It's not the police's job tp make these people gentler, kinder more empathetic folk with hobbies more rewarding than sitting indoors spewing hate. This was, at one point, their parents' job and they failed miserably, so now it's down to the idiot to take a look in the mirror and wonder why they feel so continously awful."

Quelle: http://www.independent.co.uk/voices/comment/internet-trolls-are-infuriating-and-depressing-but-giving-them-asbos-is-not-the-answer-10034692.html

Torsten Landsberg: Allzu autoritätsgläubige Journalisten. Bei der Berichterstattung über die NSU-Morde fehlte es den Medien an kritischer Distanz

"Die Darstellung der Ermittler, so die Studie, sei durchweg positiv gewesen: Sie wurden am häufigsten zitiert, und obwohl ihre Arbeit ergebnislos blieb, zogen die untersuchten Artikel die Ermittlungrn nicht in Zweifel. 'Polizeiliche und journalistische Arbeit weisen Parallelen auf, daher ist es wichtig, sich der Unterschiede bewusst zu werden', sagt Elke Grittmann. 'Wie gehe ich damit um, wenn eine Polizeimeldung einen terroristischen Hintergrund schon Stunden nach einer Tat ausschliesst?' Bis heute ist der Kenntnisstand verschiedener staatlicher Organe über das Treiben der Rechtsterroristen nicht geklärt."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/medien/allzu-autoritaetsglaeubige-journalisten-1.18479304

Uwe Justus Wenzel: Im Dämmerlicht des Abendlandes

"Das Abendland ist Eulenland. Es wird gleichwohl nicht nur von scharfsichtigen Spezies bevölkert. Im dämmrigen Licht, wenn die Konturen verschwimmen, befürchten manche Bewohner, ihr Land gehe unter. Das ist, möchte man meinen, natürlich reichlich kindisch: Wieso sollte das Land, in dem die Sonne untergeht, selbst untergehen?! Die untergehende Sonne, 'sol occidens', gibt dem Abendland nur seinen Namen, sie reisst es nicht mit in den Abgrund ihres Untergangs; obendrein taucht der Leuchtkörper ja jeden Tag wieder auf, um erneut unterzugehen - oder umgekehrt. Und noch genauer besehen geht die Sonne gar nicht 'hier', im Abendland also, unter; ebenso wenig, wie sie 'hier' aufgeht. Beides tut sie augenscheinlich 'dort', am jeweiligen Horizont. Entsprechendes werden übrigens auch die Bewohner des Landes der aufgehenden Sonne, 'sol oriens', sagen können."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/im-daemmerlicht-1.18479372

Neue Zürcher Zeitung (Reuters/afp): Putin gibt sich unnachgiebig. In einem Interview übt der russische Präsident scharfe Kritik an Kiew

"Das Interview wurde kurz vor einem Besuch des Stastschefs in Kairo veröffentlicht. Darin gab Putin nicht zu erkennen, in dem Konflikt von seinem bisherigen Standpunkt abzurücken. Die Gewalt in der Ostukraine sei eine Reaktion auf einen vom Westen unterstützten 'Staatsstreich' in Kiew, sagte er. Dabei wurde im vergangenen Jahr der prorussische Präsident Viktor Janukowitsch entmachtet. Der Konflikt werde so lange andauern, wie sich die 'Ukrainer nicht untereinander einig werden', sagte Putin. Die Regiering in Kiew müsse 'auf ihr Volk hören' und eine Übereinkunft mit 'allen politischen Kräften und Regionen des Landes' finden."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/europa/putin-gibt-sich-unnachgiebig-1.18479073

Montag, 9. Februar 2015

Jenni Roth im Gespräch mit Stefan Sell: "Da würde uns das ganze System um die Ohren fliegen". Der Ökonom Stefan Sell über Probleme und Fehlanreize der staatlichen Familienförderung - und die Medien

Jenni Roth: "Können gutverdienende Politiker nicht nachvollziehen, dass für viele Leute 150 Euro schlicht viel Geld sind?"

Stefan Sell: "In einem verteilungspolitischen Sinn ist das Betreuungsgeld in der Tat eine 'perverse' Leistung! Professoren oder Zahnärzte etwa brauchen diese Leistung nicht. Das ist mit der Giesskanne rausgeworfenes Geld! Da kann es passieren, dass wohlhabende Familien Betreuungsgeld kassieren, weil sie keinen Kira-Platz in Anspruch nehmen, und nachher mit dem Geld ein osteuropäisches Au-pair-Mädchen mitfinanzieren."

Quelle: http://www.nzz.ch/wissenschaft/bildung/das-kreuz-mit-der-familienfoerderung-1.18478700

Jenni Roth: Von "Herdprämie" und Wahlfreiheit. Unter dem Titel der Familienpolitik fliesst viel Geld. Dabei entstehen auch Fehlanreize. Ein Blick nach Deutschland

"Die Kinderbetreuung ist nur ein Aspekt der Familienpolitik, die versucht, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern. Um so weniger versteht Christina Boll, Forschungsdirektorin am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI), das mitten in diese Entwicklung 'das Betreuungsgeld platzt'. Die Prämie, die den Staat etwa 1,5 Milliarden Euro kostet, konterkariere den Erfolg des Elterngeldes, das Frauen eine rasche Rückkehr in den Job ermöglichen soll. 'Das ist ein Widerspruch in sich: Da baut der Staat die Kitas aus und zahlt dafür, dass die Leute sie nicht nutzen!'"

Quelle: http://www.nzz.ch/wissenschaft/bildung/was-bewirkt-die-herdpraemie-1.18478699

Niels Anner: "Gratulation, es ist ein Wikinger!" In Dänemark steht die grösste Samenbank der Welt - jeder zweite Spender ist Student

"Spannend fand er auch den kostenlosen, rigorosen Gesundheits-Check, der dazugehört. Cryos lässt nur einen Bruchteil der Bewerber zur Spende zu, die medizinischen, aber auch familiären und psychologischen Kriterien genügen. 'Sie wollen genau wissen, wer man ist, wie man sein Leben führt', sagt Jacob. Für die dänische Firma, die am Hauptsitz in der Stadt Århus Sperma von 600 Spendern lagert, ist die Analyse wichtig. Auf ihrer Homepage kann mit eonigen Klicks ein Wunsch-Spender gesucht werden, nach Haarfarbe, Grösse, Ethnie, Spermaqualität und mehr. Zu den Treffern gibt es weitere Information über Leistungen im Studium und Jobs, Persönlichkeit, Hobbys, Sprachkenntnisse, manchmal zudem Kinderfotos des Spenders oder Stimmproben. Wer sich hier einen Erzeuger für seine Kinder aussucht, lernt ihn zwar nicht persönlich, aber detailliert kennen."

Quelle: http://campus.nzz.ch/jobben/gratulation-es-ist-ein-wikinger

Andrea Köhler: Zwischen Gewalt und Regelkatalog. Sex auf dem Campus - haben Amerikas Elite-Hochschulen eine 'Rape-Culture'?

"Auch der inzwischen an einigen Universitäten eingeführte Regelkatalog, der vor jedem sexuellen Akt einen expliziten 'affirmativen' Konsens verlangt, hat eher für Lachnummern als für mehr Klarheit gesorgt. Es liegt nun einmal in der Natur des - in diesem Alter besonders verbreiteten - sexuellen Experimentierens, dass Eindeutigkeit darüber, was wirklich gewünscht ist, mit bürokratischen Massnahmen kaum zu erzielen ist. Zudem dürfte das althergebrachte Rollenbild, das den männlichen Akteuren die Aufgabe des 'Rumkriegens' nahelegt, noch dominant sein. Doch an den Universitäten herrscht ein Sexismus, der solche Konsens-Vorschriften weniger redikül erscheinen lässt. Vom 'how-to-rape-guide', den ein Student am Dartmouth College online stellte, bus zum Motto einer Yale-Bruderschaft sind die Beispiele schlagend: 'No means yes, yes means anal.'"

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/zwischen-gewalt-und-regelkatalog-1.18478648

Daniel Steinvorth: Die Leiden des Piloten. Mit dem Video einer Geiselverbrennung zeigen die IS-Terroristen, dass es ihnen schon lange nicht mehr auf Zustimmung in der arabischen Welt ankommt.

"Während die meisten Medien weltweit darauf verzichteten, die abstossenden Bilder zu verbreiten, wurden die Bewohner des Islamischen Staates geradezu verdonnert, sich das 22-minütige Martyrium anzuschauen. Auf öffentlichen Plätzen in Rakka, der Hauptstadt des sofenannten 'Kalifates', wurde der Film in einer Endlosschleife gezeigt. Die Botschaft war klar: Das Leiden des Piloten, der bei lebendigem Leib in einem Eisenkäfig krepiert, sollte das Leiden jener darstellen, deren Häuser von Bomben getroffen wurden: sein Tod die Toten des Krieges gegen den IS sühnen. Dass die Jihadisten dabei gegen ihre eigenen religiösen Prinzipien verstiessen - anders als für die Steinigung oder die Enthauptung finden sich nirgendwo koranische Belege für Verbrennungen -, wurde später mit einer eher hilflos anmutenden Fatwa des Kalifat-eigenen 'Ministeriums für Rechtsgutachten und Forschung' zu relativieren versucht."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/die-leiden-des-piloten-1.18476851

Monika Bolliger: Schauprozesse gegen die Kinder der Revolution. Vor vier Jahren riskierten junge Ägypter ihr Leben für Veränderung - heute sitzen sie auf der Anklagebank der Restauration

"Die Söhne des 2011 gestürzten Autokraten Mubarak wurden letzten Monat fast zeitgleich mit dem 4-Jahres-Jubiläum der Revolution freigelassen. Das Verfahren gegen Mubarak wurde fallengelassen, der unter anderem wegen des Todes von Hunderten Demonstranten während der Revolution angeklagt war. Für die über tausend Toten beim Auflösen der Muslimbrüder 2013 wurde aufseiten der Sichetheitskräfte niemand zur Rechenschaft gezogen, während Demonstranten auf der Anklagebank sitzen."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/naher-osten-und-nordafrika/schauprozesse-gegen-die-kinder-der-revolution-1.18476803

Freitag, 6. Februar 2015

The Irish Times: Jordan respinds to barbaric incineration of one of its pilots. Understandabke actions but ill-advised

"In responding to the horrendous incineration of Leuit Muath al-Kasesbeh, Jordan, by executing two jihadist prisoners, has regrettably crossed a line between justifiable violence in self-defence and an unethical act of revenge or reprisal, as the authorities have described it. The new, barbaric depths of viciousness manifested by Isis and the widespread revulsion inevitably generated throughout the country make that response understandable, but ill-advised."

Quelle: http://www.irishtimes.com/opinion/jordan-responds-to-barbaric-incineration-of-one-of-its-pilots-1.2091448

Robert Misik: Der Erfolgsmensch. Wir Protagonisten der Wettbewerbsgesellschaft sind zugleich deren erste Gefangene.

"'Meine Droge heißt Erfolg', rappt der gefeierte deutsche Gangsta-Poet 'Haftbefehl'. In Reinald Goetz' Roman 'Johann Holtrop' ist dem Typus ein literarisches Denkmal gesetzt: Holtrop ist der 'exzessiv von sich selbst eingenommene, innerlich enthemmte Ichidiot, egoman verkrüppelt. Aber: allen gefiel das, überall kam der neue Egostil gut an. (...) unsympathisch, angeberhaft, grobianisch, selbstgefällig, dröhnend'."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/der-erfolgsmensch-1.18476690

Martin Hellweg: Regeln für den digitalen Wildwest. Für die kostenlose Nutzung innovativer Online-Angebote bezahlen wir mit unseren Daten. Die Privatsphäre droht sich komplett aufzulösen. Eine Regelung des Wirtschaftsraums Internet tut not.

"Auch Facebook würde nicht aufhören zu existieren, sondern müsste sich in eine sogenannte Peer-to-Peer-Softwarelösung verwandeln. Das Erscheinubgsbild der Facebook-Maske könnte gleich sein, die Informationen ähnlich umfassend - allein, sie würden auf dem direkten Austausch zwischen Nutzern basieren. Nirgendwo würden Daten zentral gespeichert, sondern nur lokal beim Nutzer und jeweils zwischen Facebook-Freunden ausgetauscht. Facebook hätte die Daten dieser Nutzer nicht. In einer Peer-to-Peer-Welt würde auch gutes Geld verdient, aber vermutlich nicht Beträge wie die 19 Milliarden Dollar, die Facebook für Whatsapp zahlte, eine Apllikation, zu der der Schweizer Manuel Kasper quasi im Alleingang ein Konkurrenzprodukt aus dem Boden stampfte. Die 19 Milliarden zahlte Facebook eben nicht für die Apllikation, sondern für unsere persönlichen Adressbücher, die darin abgelegt sind."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/regeln-fuer-den-digitalen-wildwest-1.18475769

Hernando de Soto: Pikettys armseliger Eurozentrismus. Wenn Piketty das Kapital als eine Substanz herausarbeitet, die den Interessen der Armen entgegenläuft, missachtet er deren Ambitionen, selber Teil des Weltmarkts zu sein.

"Wie relevant sind also Pikettys Ausfälle gegen das Kapital im Mittleren Osten und in Nordafrika sowie in der ehemaligen Sowjetunion? Sie sind irrelevant. Für uns Nichtwestler ergibt es keinen Sinn, wenn er Kapital als eine Substanz herausarbeitet, die den Interessen der Armen entgegenläuft. Ein grosser Teil der Dritten Welt scheint in jenem Stadium der Geschichte angekommen zu sein, in dem in den USA Präsident Abraham Lincoln - im Rahmen seines Briefwechsels mit Karl Marx - feststellte, dass die Mehrheit der amerikanischen Siedler weder Kapital noch Arbeit verkörperten, sondern eine Verbindung aus beidem. Das Problem besteht nun darin, dass weltweit die Arbeitsstatistiken eurozentrisch sind und über keine Kategorie verfügen, die den unternehmerischen Aktivitäten der Armen Rechnung trägt - noch deren Ambitionen, Teil des Weltmarkts zu sein."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/pikettys-armseliger-eurozentrismus-1.18475870

Marco Kauffmann Bossart: Athens Abstinenzler auf Reisen

"Mit ihrer Abneigung gegen Krawatten setzt die neue Regierung ungewohnte Akzente auf dem diplomatischen Parkett. Die Foto mit dem britischen Schatzkanzler George Osborne, perfekt in edles Tuch gekleidet, und seinem Amtskollegen Varoufakis, das offene Hemd über die Hose hängend und die Hände locker in einer Winterjacke verpackt, illustriert, dass hier zwei Welten aufeinanderstossen. Eine Nuance angepasster tritt Tsipras auf, auch er ein geläuterter Kommunist. Meist in grauen Anzügen und mit einwandfrei gebügelten Hemden erweckt er den Eindruck, als habe er die Krawatte bloss kurz abgelegt."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/aufgefallen/athens-abstinenzler-auf-reisen-1.18475856

Donnerstag, 5. Februar 2015

Milosz Matuschek: Verliebt auf Datenwolke 7

"Die größte Unbekannte für die Informationsverarbeitung ist jedoch der Mensch. Er verfälscht zuverlässig die Datenbasis, auf die er selbst so vertraut. Profile sind keine objektiven Datenwolken. Sie sind idealisierte Aussagen über uns und von ins. Und damit oft mehr Wunsch als Wirklichkeit. So trägt nicht selten der 'athletisch gestählte' Mann aus dem Netz beim ersten Date plötzlich Bäuchlein, und die Operngängerin entpuppt sich als grössere Kennerin von TV-Seifenopern. Ist das schon Betrug? Oder nur die kreative Vorwrgnahme guter Vorsätze?
Es ist vor allem natürlich. Diese 'Optimismus-Verzerrung' ('optimism bias') ist für den Psychologen Daniel Kahneman die wichtigste Verzerrung überhaupt in Entscheidungssituationen. Sie zeigt sich auch am sogenannten 'Above-Average-Effekt'. 90 Prozent aller Autofahrer schätzen in Untersuchungen ihre Fahrkünste besser ein als die des Durchschnitts. Das Gleiche sagten übrigens auch Lehrer über die Qualität ihres Unterrichts und Franzosen über ihre Fähigkeiten als Liebhaber."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/verliebt-auf-datenwolke-7-1.18474780

Georges Wasser: Blätter auf den Geleisen und andere Ausreden

"Beträgt die auf ein Jahr errechnete Pünktlichkeitsquote für die Bahnbetriebsgesellschaft Cross Country klägliche 40 Prozent, brachte es Southern Rail auf 51 Prozent. Letztere hat den Hass vieler am Londoner Bahnhof Victoria gestrandeter Reisender auf sich gezogen. Bestätigt in ihrem Gefühl wurden jene, die dort kürzlich beim Warten das Gratisblatt 'Metro' lasen: Der um 7 Uhr 29 von Brighton nach Victoria fahrende Pendlerzug sei 12 Monate lang an jedem einzelnen Tag verspätet gewesen. Unter den Gründen für die Unzufriedenheit der Pendler sind die vielen Annullierungen, unzulängliche Information und überfüllte Züge. So vernimmt man, wird ein Zu annulliert, dies oft erst Minuten vor dessen fahrplanmässiger Abfahrtszeit. Verärgerung löst auch aus, dass die an jedem Vorortbahnhof haltenden Züge oft nur aus vier Wagen bestehen, während Züge mit zwölf Wagen an der wartenden Menschenmenge vorbeirasen."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/aufgefallen/blaetter-auf-den-geleisen-1.18474300

Dienstag, 3. Februar 2015

Rainer Stadler: Mehr Komfort, weniger Freiheit

"Wer an der digitalen Welt teilnimmt, muss stets damit rechnen, ausspioniert zu werden. Allerdings kann er die Risiken minimieren. Indem er beispielsweise auf Fitness- und Essgewohnheitsmesser oder ähnliche Neurosenförderer verzichtet, indem er ohne Smartphone-Geo-Lokalisation durchs Leben zieht, auf Gratisdiensten wie Facebook oder Whatsapp nicht sein Privatleben ausstellt, auf Angebote zum Punktesammeln verzichtet, für die digitale Kommunikation verschiedene Provider einsetzt und nicht zuletzt Bargeld verwendet. Das Alltagsleben wird dadurch etwas teurer und arbeitsintensiver. Aber es verschafft mehr Freiheit."

http://medienblog.blog.nzz.ch/2015/02/03/mehr-komfort-weniger-freiheit/

Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.

Joachim Güntner: Schmuddelkinder. Nutzen und Grenzen des Dialogs

"Diskurs-Ethiker glauben, die Sprache selber stifte bereits Konsens. Auch wenn wir verschiedenen Überzeugungen anhingen, so spielten doch 'die Konzepte von Wahrheit, Rationalität oder Rechtfertigung' in jeder Sprachgemeinschaft 'dieselbe grammatische Rolle'. Wir wissen, was es bedeutet, sich zu rechtfertigen oder rational zu bleiben. Allein dies schon, so schrieb einmal Jürgen Habermas, 'genügt, um dieselben universalistischen Begriffe von Moral und Gerechtigkeit in verschiedenen, ja konkurrierenden Lebensformen zu verankern'. Klingt nach prästabilisierter Harmonie. Gegen sie schiessen Fundamentalisten quer."

http://www.nzz.ch/feuilleton/schmuddelkinder-1.18474020

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Jan Rübel: Das junge Gesicht des Konservatismus. Die Junge Alternative arbeitet am Comeback des Konservatismus in Deutschland. Die Selbstfindung ist ein Kampf – die Argumente sind manchmal selbst der Mutterpartei AfD nicht ganz geheuer.

"Dann schreitet ein junger Mann mit kurzen Haaren zum Mikrofon. Er stellt einen Abwahlantrag gegen Felix Jankowski, «'eil er kein Volljurist ist'. Es ist Benjamin Nolte, er trat vor einem Jahr als Vizebundesvorsitzender der JA zurück; wegen der Berichte über seine Mitgliedschaft in der Münchener Burschenschaft Danubia, welche der Bayerische Verfassungsschutz als rechtsextrem einstuft – und wegen eines Eklats, den er 2009 ausgelöst hatte. Damals hatte er während eines Burschenschaftstreffens den Mitgliedern eines anderen Bundes, der einen Dunkelhäutigen in seinen Reihen hat, eine Banane hingehalten. Sein Spitzname bis heute: «Bananen-Nolte». Der Abwahlantrag scheitert, Felix Jankowski tritt trotzdem zurück; der Wunsch nach vorgezogener Wahl kommt nicht zur Abstimmung, der Antragsteller sagt: 'Das nehme ich zurück, das ist entartet' – und erntet Buhrufe für seinen Nazi-Jargon."

http://www.nzz.ch/international/das-junge-gesicht-des-konservatismus-1.18474544

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Andres Wysling: Don Quijote prescht los. Syriza beflügelt Podemos

"Es ist tatsächlich eine Volksbewegung. An der Kundgebung war das ganze Spektrum der Bevölkerung vertreten, nicht nur die aufbegehrende Jugend, sondern auch viele ältere und alte Leute. Durch den Wahlsieg von Syriza in Griechenland hat die Schwesterpartei Podemos in Spanien an Schwung und Selbstvertrauen gewonnen. Und vor allem haben die Wähler an einem Beispiel gesehen: Ein demokratischer Umsturz ist möglich, wenn man ihn will."

http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/don-quijote-prescht-los-1.18473465

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Montag, 2. Februar 2015

Urs Hafner im Gespräch mit Urs Germann: Humanisierung und Zwang. Der Historiker Urs Germann über die Psychiatrisierung der Justiz

"Frage: Dank der Psychologie wissen wir, dass es in uns dunkle Triebe gibt, dass manche Leute traumatisiert sind. Steht das Menschenbild des Psychologen mit dem des Richters in Konflikt, weil es 'Schuld' relativiert?"

Urs Germann: "In der Tat stellt der psychiatrische Ansatz die Vorstellung des frei handelnden Subjekts infrage, das voll und ganz verantwortlich ist für sein Tun. Der Richter geht vom individuellen Verschulden aus, die Psychiatrie dagegen von einer Prägung entweder durch Umwelt und Veranlagung oder durch psychodynamische Kräfte. In der Praxis wird dieser Konflikt aber entschärft, weil Psychiatrie und Justiz zunehmend ähnliche Interessen verfolgen: Sie wollen im Einzelfall eine zweckmässige Sanktion verhängen, die dem Schutz der Gesellschaft vor dem Täter dient."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 2. Februar 2015 (Nr. 26, 236. Jg.), S. 40

Neue Zürcher Zeitung (R. Sc.): Proteste gegen Professor in Dresden. Reaktion auf Pegida-Verteidigung

"Vollends exponiert hat sich der Politologe (Werner Patzelt; SR) indes mit einem TV-Interview vom 19. Januar. Tags zuvor war der montägliche Pegida-Umzug in Dresden verboten worden. Die Polizei begründete diesen Schritt mit konkreten Drohungen islamistischer Kreise gegen den führenden Kopf von Pegida, den inzwischen zurückgetretenen Lutz Bachmann. Patzelt jedoch verstieg sich zur Aussage, dass das Demonstrationsverbot die Folge dessen sei, was der allgemeine Kampf gegen Pegida ausgelöst habe. In Dresden werde nicht gegen den Islam, sondern für Meinungsfreiheit demonstriert beziehungsweise dagegen, dass diese Freiheit wegen der Gefahr, die von 'zornigen jungen Männern einer anderen Religion' ausgehe, eingeschränkt werden müsse. Weiter sprach der Professor von 'Feindbildpflege', die Anti-Pegida-Kundgebungen betrieben."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 2. Februar 2015 (Nr. 26, 236. Jg.), S. 39

Sonntag, 1. Februar 2015

Daniel Steinvorth: Die brüchige Macht des Kalifats. Die Rückerorberung Kobanes ist nur ein Etappensieg gegen den 'Islamischen Staat'. Wer die Terrormiliz dauerhaft besiegen will, muss die Gründe ihrer Entstehung verstehen.

"Neben den geopolitischen spielen soziale Faktoren eine Rolle. So scheitern die autoritären Regierungen in der arabischen Welt bis heute daran, ihrer Jugend Perspektiven, Rechte und Freiheiten zu bieten. Doch sie sind zugleich sehr erfolgreich mit ihrer expressiven Politik den Extremismus zu fördern. Zum Komplizen macht sich der Westen, der die Regime im Namen der vermeintlichen Stabilität und der Terrorbekämpfung als Partner sieht. In dieser Situation haben die religiösen Rattenfänger Konjunktur. Sie scharen sich um die wirtschaftlich abgehängten, sozial gedemütigten und kulturell entfremdeten im Nahen Osten wie in Europa. Im Gepäck haben sie eine machtvolle Botschaft, die der deutsche Soziologe Hans-Peter Müller als 'das grösste muslimische Sinnaufladungsprogramm der jüngeren Geschichte' bezeichnet hat. Es ist die Utopie eines islamischen Grossreiches und einer idealen Gesellschaft, für die es sich zu sterben lohnt. Welche Gegenargumente zum mythenumwobenen Kalifat können die korrupten arabischen Regime anbieten?"

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/die-bruechige-macht-des-kalifats-1.18472746